70 Jahre
Selbst Clown Dimitri hat öfters in der Weininger "Linde" gespeist

Seit 70 Jahren wirtet die Familie Rüedi in der «Linde» – sie hat die Dorfpolitik wesentlich mitgeprägt.

David Egger
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Früher war die «Linde» Restaurant, Bäckerei, Metzgerei und Post in einem. Rechts im Bild der Dorfbach, der heute unter der Bachstrasse verläuft.
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Zum 40-Jahr-Jubiläum im Jahr 1986 wurde ein Zirkuszelt aufgestellt und der Wirt Andreas Rüedi senior durfte zur Feier des Tages einen Elefanten reiten.
Weiningen Linde 70
Posthalter Rudolf Haug führte die «Linde» von Februar 1883 bis Januar 1921. Dies ist ein Ausschnitt eines Flugblatts, das für sein Restaurant warb.
«Mit 14 wollte ich ein Töffli. Das Geld dafür habe ich mir am Buffet verdient.» Maya Grossmann-Rüedi Seit 2013 Pächterin und Wirtin des Restaurants Linde

Früher war die «Linde» Restaurant, Bäckerei, Metzgerei und Post in einem. Rechts im Bild der Dorfbach, der heute unter der Bachstrasse verläuft.

Zur Verfügung gestellt

Seit 70 Jahren liegt die Weininger «Linde» in den Händen der Familie Rüedi. Die Gaststätte hat das Machtgefüge im Dorf mitgeprägt: Als das Restaurant Ende der 40er eine Aushilfe brauchte, kam Margrit Härtenstein aus Schleitheim im Kanton Schaffhausen nach Weiningen. Sie verliebte sich hier in einen Landwirt. Das Paar, das waren die Eltern von Hanspeter Haug, dem heutigen Gemeindepräsidenten. «Eigentlich wollte sie hier nur 14 Tage aushelfen», weiss Haug. Doch sie blieb den Rest des Lebens in Weiningen.

Der Anfang der «Linde» liegt noch weiter zurück: Im 15. Jahrhundert gab es das Restaurant zwar noch nicht, aber unter dem namensgebenden Baum trafen sich die Gutsherren und Vögte, um über Recht und Unrecht zu urteilen. Das später hier erbaute Bauernhaus brannte 1850 ab. Die Feuersbrunst ebnete den Weg für die heutige «Linde»: Ein gewisser Heinrich Briner kaufte das Grundstück und baute ein Haus. 1853 eröffnete er darin eine Bäckerei.

Nach mehreren Besitzerwechseln übernahm 1883 Rudolf Haug die «Linde», deren Angebot er um ein Postbüro und eine Metzg erweiterte. Die Moderne zog ein, der Dorfbach neben der Linde verschwand unter der Strasse, die Elektrizität kam ins Dorf. Auch das führte zu einer Liebesgeschichte: Denn der Elektro-Installateur Fritz Matter und die Wirtstochter Anna Haug wurden ein Paar.

Rüedi besiegte 42 andere Wirte

Die Ära der Haugs zur Linde endete 1921 mit dem Verkauf an die Familie Mötteli. 1946, kurz nach dem Krieg, suchten die Möttelis neue Besitzer. Dabei hatten sie die Qual der Wahl, da sich 43 verschiedene Wirte beworben hatten. Den Zuschlag bekam Andreas Rüedi senior, gelernter Metzger und Grossvater der heutigen Wirtin Maya Grossmann. Unter Rüedi wurde zwar die Bäckerei eingestellt, dafür lebte die Metzg wieder auf. Der Verkaufsraum für die Würste wurde später zur Raucher-Stube. Erst Maya Grossmann hat diesen Raum wieder in «Metzger-Stübli» umgetauft. Grossmann ist in der «Linde» aufgewachsen, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit bei ihren Grosseltern. Dabei lernte sie auch Prominente kennen, erinnert sie sich. «Der Clown Dimitri kam mehrmals privat mit seiner Familie hier essen. Ich spielte dann mit seinen Kindern im Obergeschoss», sagt Grossmann. Zudem seien die Minstrels, schweizweit bekannt für ihren Hit «Grüezi wohl, Frau Stirni-
maa», mehrmals in der «Linde» aufgetreten. Auch da war Grossmann, Jahrgang 1962, noch ein Kind. Als sie 14 war, wünschte sie sich dann von ihrem Vater und Wirte-Vorgänger ein Töffli. Er zahle ihr höchstens ein Velo, machte Andreas Rüedi junior klar. Schliesslich hatte die Zeit begonnen, in der das Wirte-Sein kein Zuckerschleck mehr war. So verkaufte Rüedi junior den Betrieb und führte ihn als Pächter weiter. Die Differenz vom Velo- zum Töffli-Preis könne sich Maya aber in der Küche verdienen, für einen Fünfliber pro Stunde. Die Mutter hatte Erbarmen und schickte sie zur Arbeit ans Buffet: Dort gabs zehn Franken auf die Stunde. Schon als Kind hatte Grossmann mitangepackt, vor allem während der Metzgete. «Bei der Blutwurst-Produktion musste ich den Metzgern die Därme bereithalten», sagt Grossmann. «Die Hände habe ich mir daraufhin tagelang mit Zitronenwasser gewaschen.»

Allererste Pächterinnen der Stadt

Später schrieb Andreas Rüedi juniors erste Frau, Elsi Egli, zusammen mit ihrer Schwester Vreni, Geschichte: Nach der Scheidung von Rüedi führten sie als erste Frauen überhaupt ein Restaurant im Besitz der Stadt Zürich, das «Bürgli» in Wollishofen. Sie hatten sich gegen über 50 Bewerber durchgesetzt. Aber auch Grossmanns haben Geschichte geschrieben. Wie Haug ist dieser Name in Weiningen schon lange verbürgt. Erstmals tauchte er 1476 auf, damals noch «Grosmann» geschrieben. Zusammen mit sieben anderen Weiningern zog Heini Grosmann mit den Zürcher Truppen in die Schlacht bei Murten. Ob sie sich vor dem Aufbruch unter der Linde versammelten, ist nicht überliefert. Vielleicht haben sie sich zuvor sogar im Restaurant Löwen gestärkt, das ennet der Strasse liegt? Auch dessen erste urkundliche Erwähnung geht ins 15. Jahrhundert zurück, als Weininger Taverne des «Gottshaus zu Fahr». Klar ist: Die Eidgenossen gewannen die Schlacht.

Ein halbes Jahrtausend später steht die «Linde» immer noch in der Dorfmitte und im Mittelpunkt des Dorfgeschwätzes. Zuletzt kursierte das Gerücht, dass Maya Grossmann die «Linde» zurückgekauft habe. Weil das nicht stimmt, erwähnt sie nun auf der Website der Linde explizit, dass die neuen Besitzer ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen. Doch das nächste Gerücht kommt bestimmt. Vielleicht schon heute, wenn die Linde zur Feier des Tages ein Menü für 6.85 Franken serviert, das Grossmanns Grossvater 1946 einführte. Die Tische sind ausgebucht. «Sie gingen weg wie warme Weggli», sagt Grossmann. Wie warme Weggli, als die «Linde» noch eine Bäckerei war.

Historische Quelle: «Chronik 3500 Jahre Weiningen», Leo Niggli, 2005.