Gross wie eine Turnhalle und leicht heruntergekommen wirkt die Halle.li beim Eintreten. Hier wurde früher Knochenmehl getrocknet. Der Blick wandert umher. Links der Empfang, wo der Ausstellungskatalog aufliegt, viel nackter Beton, sichtbare Fundamente, Metalltreppen, Geländer, Rohre und Künstlerutensilien. Hier soll Kunst ausgestellt sein?

Der Blick fällt auf die Wand gegenüber. Da ist mit schwarzer Kreide eine Tür hingemalt, ein blühender Asternstock steht davor, und eine zweistufige Holztreppe führt hinauf. Die Künstlerin Salome Kuratli steigt hinauf, malt ein Guckfenster in die Tür und setzt eine neue Hausnummer ein. Die Tür ist das Werk, das sie selbst zur Gruppenausstellung beigesteuert hat. Man könnte Salome Kuratli als Türöffnerin für diesen Kunstraum bezeichnen. Mit der Schlieremer Firma Geistlich hat sie die künstlerische Zwischennutzung vereinbart.

Schluss ist, wenn Neubau beginnt

Seit Mai betreiben eine Handvoll Künstler ihr Atelier in dieser Industriebrache beim Bahnhof Schlieren. Wie lange, ist offen. Schluss ist, wenn der Neubau beginnt. Geplant ist auf dem Areal eine Wohnsiedlung. Bis dann dient der raue, ungeheizte Raum als inspirierender Ort für Künstler – und für Ausstellungsbesucher.

Eine grün bemalte Metalltreppe führt ins Obergeschoss. Rechts gehts auf eine Zwischenetage, einen Durchgangsort. Zu einer Skyline aufgetürmte CD-Ständer lassen grossstädtische Einsamkeit aufkommen, doch über zwei kleine, versteckte Fernseher flimmert ländliche Idylle – Stina Kassers «Micromegametrokomplexe».

Die Neonröhreninstallation daneben passt bestens. Leuchtreklame in einer Gasse? Vielleicht, aber die im Achterformat aufgebauten Neonröhren blinken unterschiedlich kombiniert. Ach so: «Buchstabenlampen» von Yves Ebnöther.

Verschiedenartigste Werke

Wohnlicher geht es ein Stockwerk höher zu. Wie in einer modernen Stube stehen da ein schwarzer Tisch, ein violettes Sofa, vor den Wänden zwei grosse Ölgemälde. Der Boden aus Spanplatten verströmt Parkett-Charme. Der Tisch ist kein Tisch, sondern Vera Rodels «Pfanne», darauf verweist die fein säuberlich hingelegte Verpackung. Das Bild mit den vielen hellen Augen vor grünlichem Hintergrund ist Djuna Bertschingers «Forschen und Staunen», das weiss-orange mit knapp erkennbaren Figuren Inés Mantels «Ein Neptun Mythos».

Über die Metalltreppe gelangt man auf die andere Hallenseite in einen überdimensionierten offenen Waschraum mit hellgrauen Kachelwänden. Als ob das Vögelchen gleich in die Halle hinunter flattern möchte, steht ein Taubenskelett auf einem weissen Sprungbrett über dem Geländer.

Auch sonst sind an diesem kalt wirkenden Ort verschiedenartigste Werke versammelt. Da die formschöne, erotisch aufgeladene Figur «Malum» von Zahra Atifi – einmal als Apfel mit zwei Schlangenköpfen, einmal als Schlangenkopf in Penis- und Vagina-Form. Dort ragt aus der Ecke eine schwarzweisse Baustelle voller Bretter, Bildrahmen, Kartonformen und zerschnittenem Geografie-Atlas hervor – der «Allgemeinplatz» von Mischa Camenzind.

Verwunschene, surreale Minibilder von Yvonne Pispico zieren die Wand. Beim Nähertreten an diese «Menschen des 21. Jahrhunderts» entdeckt die Betrachterin einen Fisch im Gras vor einem Baum im Abendrot, anderswo schwebt ein Mensch über einem Bett oder ein Mädchen und zwei übergrosse Wespen befinden sich vor einem unheimlichen, dunklen Wald. Doch Vorsicht ist angesagt: Am Boden davor liegt in Form von Scrabble-Platten, das Wort «Zwischennutzungszeitraffer».

Diese und weitere Bilder und Skulpturen, Fotografien, Installationen und Videos sind in der Halle.li zu entdecken. Aus den Werken lassen sich mehr oder weniger direkt künstlerische Botschaften über das menschliche Dasein herauslesen, und zwar ganz aktuelle. Die ausgestellten Werke stammen alle aus den Jahren 2010 bis 2013.

Öffnungszeiten: Mittwoch 14 bis 19 Uhr und Samstag 10 bis 17 Uhr. Eintritt kostenlos. Weitere Infos im Internet unter halle.li.