Etliche Stapel Briefmarken zieren den grossen Holztisch. Blumen sind neben Vögeln und Porträtbildern die häufigsten Motive. Nikolaus Stadler klemmt eine Marke vorsichtig zwischen eine Pinzette und befördert sie in ein Album. «Jetzt habe ich schon vier Rosen beieinander. Das ergibt beinahe einen Rosengarten.» Er lacht. Der 74-Jährige handelt mit Briefmarken und Münzen. Im Industriequartier Luberzen in Urdorf befindet sich sein Geschäft. Die Räume nutzt Stadler nicht nur als Lager für seine über 300 000 Exemplare. Er verbringt jeden Tag damit, seine Schätze zu sortieren. «Ich erhalte kistenweise alte Couverts mit Briefmarken», sagt Stadler. Das Zuordnen der Motive und Sortieren der Marken ist für Stadler kein leichtes Unterfangen. Seit Jahren leidet er an Nachtblindheit, die immer mehr zunimmt.
Stadler geht mit den Alben an Briefmarkenbörsen in der Hoffnung, einige Briefmarken oder gar ganze Sammlungen verkaufen zu können. Auch wenn der Urdorfer ein angefressener Philatelist ist, steckt ein anderer Grund hinter seinem Engagement. Stadler, der im Alter von 17 Jahren als Laienbruder in den franziskanischen Drittorden eingetreten ist und sich deshalb auch Bruder Josef nennt, hat sich der Nächstenliebe verschrieben. Als Laie durfte er heiraten. So hat er Ehefrau, vier Kinder und zehn Enkelkinder.

Goldvreneli für Honig

Alles Geld, das Stadler mit dem Erlös des Briefmarken- und Münzenhandelns verdient, gibt er an Bedürftige weiter. «Ich mache damit zum Beispiel Lebensmittelspenden und fülle armen Familien im Limmattal den Kühlschrank», erzählt Stadler. Letztes Jahr habe er sogar ein paar Goldvreneli aus seiner Münzsammlung verkauft, um Benachteiligten mit Schweizer Honig eine Freude zu bereiten. Das Geld geht aber auch nach Kenia.

Seit einem Besuch im ostafrikanischen Land 2001 setzt sich der Urdorfer dort als Missionar für Waisenkinder ein. Unterdessen hat er sieben Waisenhäuser, Schulen, Kirchen und Strassen in Kisian nahe dem Viktoriasee gebaut. Um noch mehr Hilfe für seine 25 Waisenkinder zu erhalten, gründete er den Verein Missionsprojekt Waisenhaus Kenya. Unterdessen wurde dieser in Hope Foundation Kenya umbenannt. Die Waisenkinder werden langsam erwachsen. Einige haben bereits schon Kinder. Stadler will deshalb ein Mutter-Kind-Heim für sie errichten.

Zudem sammelt er Geld für Bluttestapparate für ein privates Spital in der Nähe von Kisian. «So können wir tausenden Familien helfen. Der Apparat spuckt die Ergebnisse innert elf Minuten aus und die vielen Patienten müssen nicht mehr einen ganzen Tag warten», sagt Stadler und seine Augen strahlen. In einem Alter, in dem andere längst ihren Ruhestand geniessen, arbeitet der bekennende Christ immer noch unermüdlich. «Ich bin Missionar. Das gibt mir eine riesige innere Befriedigung. Nichts kann mich bremsen», sagt Stadler. Auch wenn seine Frau und seine vier Kinder es sich schon lange wünschen, dass er mehr Zeit mit der Familie verbringt, kann er nicht davon ablassen, sich für seine Schützlinge in Kenia einzusetzen. «In der Schweiz braucht man mich nicht, aber in Kenia schon. Dort kann ich etwas bewirken.»

30 Kinder besuchen

Eine Ausnahme macht Stadler in der Weihnachtszeit. Dann versucht er, sich mehr seiner Familie zu widmen. Doch Stadler wäre nicht Stadler, wenn er kein bisschen selbstlos wäre. Deshalb geht er im Winter einer anderen Leidenschaft nach. Seit 40 Jahren schlüpft er im November und Dezember ins Samichlauskostüm. «Der Vorname verpflichtet», sagt Stadler und lacht. Seit Sommer lässt er sich für diese Aufgabe den Bart wachsen. Ein unechter Bart kommt ihm nicht ins Gesicht. Bereits sein Vater habe Samichlausbesuche bei Familien organisiert. «Ich bin einen Schritt weiter gegangen und gehe gleich selbst als Samichlaus.» Im ganzen Limmattal, aber auch im Kanton Aargau besucht er Kinder und ihre Familien. Für diese Saison stehen bereits zahlreiche Termine mit über 30 Kindern an. Was Stadler von anderen Samichläusen abhebt, ist, dass er singend zu den Kindern kommt. «Der Gesang macht es sehr feierlich. Zudem nehme ich mir immer viel Zeit für die Kleinen. Mein Besuch kann bis zu einer Stunde dauern.» Samichlaus zu sein und Gutes zu tun, ist für Stadler aber nicht begrenzt auf den 6. Dezember und die umliegenden Tage. Es sei eine Lebenseinstellung. «Ich bin das ganze Jahr Samichlaus.»

Bei seinen Besuchen erhält Stadler Einblick in das Leben von Familien. Oftmals sind sie benachteiligt. «Kinder erzählen mir manchmal, dass es ihren Eltern nicht gut gehe, sie unzufrieden seien oder dass ein Elternteil seine Arbeit verloren habe», sagt Stadler. Die Not, die er vorfinde, könne er nicht ignorieren. «Wenn ich abends nicht schlafen kann, mache ich mir Gedanken.» Einer davon hat sich nun zu einer konkreten Idee entwickelt. «Die Sozialhilfe müsste nicht nach dem Giesskannenprinzip eingesetzt werden, sondern gegen Arbeit», sagt Stadler. Viele Arbeitslose würden krank, weil ihnen eine Tagesstruktur fehle. Dabei könne man seine frei gewordene Zeit für Mitmenschen nutzen. Etwa Älteren bei der Pflege des Gartens oder bei Computerarbeiten helfen.

Neue Lebensaufgabe

«Und auch gemeinnützige Arbeit in Vereinen oder als Rotkreuzfahrer geben Genugtuung», findet Stadler. Was es brauchen würde, wäre ein Büro, das die Arbeiten koordiniere. «Das würde sogar Arbeitsplätze schaffen.» Stadler könnte sich auch vorstellen, diese Koordination zu übernehmen. «Das wäre sozusagen eine neue Lebensaufgabe.» Bei den Sozialämtern scheint sein Vorhaben aber keinen Anklang zu finden. «Ich habe keine Rückmeldung auf meine Briefe erhalten», sagt Stadler.

Auf Anfrage heisst es von der Stadt Dietikon, man nehme das Schreiben Stadlers zur Kenntnis. «Wir freuen uns immer über Anregungen aus der Bevölkerung und prüfen sie sorgfältig.» In Urdorf ist auf der Sozialabteilung gemäss Patrick Müller, Leiter Stab, keine Anfrage eingegangen. Die Gemeinde kooperiere jetzt schon mit verschiedenen Organisationen. «Unsere Klienten können jederzeit an einem Arbeitseinsatz teilnehmen. Aktuell haben wir keinen Bedarf an zusätzlichen Projekten», sagt Müller. Stadler meint dazu: Das fehlende Interesse sei auch einer der Gründe, weshalb es ihn als Missionar nach Kenia ziehe. «Dort kann ich tatsächlich etwas verändern.»