Flugzeugabsturz
Sein Götti sendete vor 50 Jahren das letzte «Mayday»

Der Götti von Stefan Wyss sass im Cockpit der Swissair–Maschine, die in Dürrenäsch abstürzte. Er war der Co-Pilot. Zweifel an seiner Mitschuld bestehen. Das Patenkind hatte nach diesem Unglück einen Entscheid gefällt.

Marisa Eggli
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Stefan Wyss bevorzugt heute Modellflieger.

Stefan Wyss bevorzugt heute Modellflieger.

Landbote , David Baer

Stefan Wyss steigt die Treppe hinunter in sein «Allerheiligstes», wie er sagt. Das ist die Werkstatt im Keller seines Hauses in Hüntwangen im Rafzerfeld. Dort baut er stundenlang Modellflieger nach eigenen Entwürfen. Das ist eine Leidenschaft, die vor vielen Jahren sein Götti Rudolf Widmer entfacht hat. «Er war Pilot, reiste in die Ferne und brachte Jeans aus New York nach Hause. Er war eine Art Held für mich.» Seinetwegen träumte auch Wyss vom Leben als Pilot – bis sein Götti starb.

50 Jahre Dürrenäsch

Am 4. September jährt sich zum 50. Mal die Flugzeugkatastrophe von Dürrenäsch, bei der auch 43 Frauen und Männer aus Humlikon ums Leben kamen. Auf diesen Tag hin wurden Menschen besucht, die vom Unglück direkt oder indirekt betroffen waren. Sie werden in einer losen Serie vorgestellt. (red)

Rudolf Widmer sass als Co-Pilot im Cockpit der Caravelle, die am Morgen des 4. Septembers 1963 in Kloten abhob. Doch bereits kurz nach dem Start brannte es in der Maschine. Sie stürzte ab und explodierte. Alle Fluggäste und Swissair-Angestellten waren sofort tot.

Stefan Wyss war damals sieben Jahre alt. Er erinnert sich gut, wie er vom Unglück erfuhr und nicht wahrhaben wollte, dass sein Götti gestorben war. In Erinnerung geblieben ist ihm auch die Reaktion seines Vaters. Dieser war der Meinung, die Fluggesellschaft versuche voreilig, die Schuld den Piloten zuzuschieben. Er sammelte viele Zeitungsartikel über die Untersuchung und vermachte dieses Dossier später seinem Sohn.

Daraus geht hervor, dass die offizielle Untersuchung mehrere Monate dauerte. Ihren Abschluss fand sie in einer öffentlichen Anhörung von mehr als zwanzig Zeugen und Experten. Mehrere Zeitungen berichteten, dass dort ein Tonband mit einer verzweifelten Stimme zu hören war. Ein Mann schrie «Mayday, Mayday!» und kurz darauf «No more, no more!». Es war der letzte Funkspruch von Rudolf Widmer. Die Anhörung konzentrierte sich darauf, ob die beiden Piloten noch vor dem Start ein spezielles Rollmanöver durchgeführt hatten. Dieses wurde als Ursache für den Absturz angesehen.

Pilot werden wollte er nach dem Unglück nicht mehr

Am Morgen des Unglückstages lag dichter Nebel über Kloten. Um trotz schlechter Sicht starten zu können, rollten die Piloten die Piste rauf und runter. Dieses Vorgehen war dazu gedacht, um Wärme zu erzeugen und eine Art Tunnel in den Nebel zu brennen. Innerhalb der Swissair war es ein bekanntes Manöver, obwohl es damals als etwas überholt galt. Die Untersuchung stellte fest, dass die Bremsen der Unglücksmaschine während des Rollens angezogen gewesen sein mussten. Deshalb glaubte man, die beiden Piloten hätten das absichtlich getan. Mit angezogener Bremse zu fahren, war jedoch ein bekanntes Risiko. Stefan Wyss’ Vater glaubte nie richtig daran, dass Rudolf Widmer ein solches Risiko eingegangen war.

Diese Zweifel bestärkt Jahre später ein ehemaliger Chefpilot. Charles Ott war zur Zeit des Absturzes Swissair-Fluglehrer und verantwortlich für die Pilotenhandbücher. Später arbeitete er als Leiter der Flugunfalluntersuchung. Er kritisiert im Buch «SOS in Dürrenäsch» den Untersuchungsbericht. Ott glaubt, dass die Bremsen von Anfang an nicht richtig gelöst gewesen seien. Das konnte ein Pilot nicht merken, weil es im Cockpit damals keine entsprechende Warnlampe gab. Sicher ist, dass sich die Bremsen erhitzten und ein Teil des Fahrgestells losbrach. Dadurch wurde eine Leitung zerstört und Öl lief aus. Dieses entzündete sich, die Maschine brannte.

Minuten nach dem Start soll die Caravelle nicht mehr steuerbar gewesen sein. Stefan Wyss hat immer wieder über den Absturz und den tragischen Tod des Göttis nachgedacht. «Pilot werden wollte ich seither nicht mehr», sagt er. Auch mit einem Flugzeug verreisen reizt ihn nicht. Als er mit zwanzig zum ersten Mal nach Malta in die Ferien flog, hatte er «richtig Schiss». Viel lieber lenkt er seine Modellflieger vom sicheren Boden aus durch die Luft.