Schiessen
Sehbehinderte Schützin: «Beim Schiessen schliesse ich die Augen»

Der Begriff Sehbehindertenschiessen könnte als widersprüchlich verstanden werden, muss sich ein Schütze doch auf seine Sehkraft verlassen können. Dass dem nicht so ist, zeigt sich in Urdorf, wo dank einer ausgeklügelten Technik der Schiesssport für Sehbehinderte wettkampfmässig betrieben werden kann.

Alex Rudolf
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Schuss ins Helle: Claudia Kunz-Inderkommen kurz vor dem Abschuss auf die erleuchtete Zielscheibe. Anhand von Geräuschen des Umwandlers kann sie zielen.

Schuss ins Helle: Claudia Kunz-Inderkommen kurz vor dem Abschuss auf die erleuchtete Zielscheibe. Anhand von Geräuschen des Umwandlers kann sie zielen.

Wie Wachsfiguren stehen die beiden Frauen in ihren ledernen Trainingsanzügen im Kunstlicht der Schiessanlage Urdorf. Ein Schuss löst sich, dann ein zweiter. Bevor die Vorbereitung auf den nächsten beginnt, pressen sie mit viel Kraft und dementsprechend lautstark die Luft aus ihren Lungen.

Sehkraft zwischen einem und sechs Prozent

Jeden Dienstag, vor Wettkämpfen auch samstags, trainieren sie hier. Eine davon ist Maja Hoffmann. Die Zürcherin ist von Geburt an stark sehbehindert. Auf einem Auge hat sie ein Prozent Sehstärke, auf dem anderen sechs. Sie könne auf einen Meter Distanz Farben und Umrisse erkennen, sagt sie.

Ihre Kollegin, Claudia Kunz-Inderkommen, verliert seit ihrem 33. Lebensjahr schubweise ihre Sehkraft. Die Makuladegeneration wurde ihr vererbt und hinterlässt die Ustermerin mit einer Sehstärke von einem bis fünf Prozent.

Eindrückliche Bilanz

Beide Frauen sind sich einig, dass das Schiessen ihnen völlig neue Möglichkeiten gibt. «Ich war früher Fussballtrainerin. Heute ist Schiessen der einzige Sport, den ich wettkampfmässig betreiben kann», sagt Kunz-Inderkommen.

Die Bilanz dieser Wettkämpfe ist eindrücklich. Obwohl sie erst seit einem Jahr trainiert, darf sie bereits ans Qualifikationsschiessen für die Europameisterschaften in Polen.An der letzten Schweizermeisterschaft wurde sie Zweite. Hoffmann ist hingegen schon ein alter Hase. In ihrer siebenjährigen Schiesskarriere konnte sie bereits zweimal Silber an Weltmeisterschaften gewinnen. Diese werden gemeinsam mit den Sehenden ausgetragen. «Eine schöne Integration», findet die 53-Jährige.

Schiessen nach Ton

Auf der elektronischen Anlage in Urdorf wird mit normalen Sportluftgewehren geschossen. Nur wird für Sehbehinderte auf der Oberseite des Gewehrs ein sogenannter Umwandler angebracht. Dieser misst die Lichtquelle auf der Zielscheibe aus – je näher das Gewehr auf die Mitte der Zielscheibe zielt, desto heller das Licht. Je heller das Licht, desto höher der Ton, den der Schütze vom Umwandler über die Kopfhörer wahrnimmt.

Zielt der Schütze abseits der Scheibe, erklingt ein dumpfer Ton. Beim Geräusch werden Erinnerungen an die 1990er-Jahre wach. Als das Rauschen und Surren eines Modems, das sich in die Telefonleitung einwählt, noch zum Alltag gehörten.

Heinz Reichle, pensionierter Informatiker, der das Sehbehindertenschiessen vor sieben Jahren entdeckte, betreut die zwei Frauen seit ihren Anfängen. Er ist stolz auf sie.

Drei weitere Sehbehinderte Schützen schiessen in Urdorf, nehmen jedoch nicht an Wettkämpfen teil. Es ist die einzige Trainingsstätte der Schweiz, wo Schiessen für Sehbehinderte angeboten wird. «Im Kanton Bern gibt es neuerdings auch Interessenten für Schiesskurse. Wir sind dabei, dort auch etwas auf die Beine zu stellen.»

Wissen, wo man liegt

Wieder lösen sich zwei Schüsse. Die Frauen tragen einen Trainingskampf aus. Jede hat eineinviertel Stunden Zeit, um 60 Schüsse zu absolvieren. Nun tasten sie mit ihren Fingerspitzen in die Patronenschale, um Nachschub für das Gewehr zu holen. «Auch dies ist eine knifflige Aufgabe», sagt Heinz Reichle.

Nach jedem abgegebenen Schuss gibt er Hoffmann und Kunz-Inderkommen ein Feedback. Weil sie nicht sehen können, wie gut ihnen der Schuss gelungen ist, tippt er ihnen auf den Rücken, um ihnen die Schusslage mitzuteilen und auf den Arm für den Schusswert. «Das Problem von sehbehinderten Schützen ist, dass sie anhand des Geräuschs zwar wissen, dass sie von der Zielscheibenmitte entfernt sind, doch sie wissen nicht in welche Richtung», erklärt Reichle.

Wenn sie mithilfe der Handzeichen auf Rücken und Arm erfahren, wie viel und in welche Richtung für eine perfekte 10.8 – die Zielscheibenmitte – gefehlt hat, dann können sie dies beim nächsten Schuss umsetzen.

Konzentration verbindet alle Schützen

Hoffmann setzt zu ihrem letzten Schuss an und verbucht eine Zehn. Mit ihren 60 Trainingsschüssen hat sie insgesamt 579 Punkte gesammelt. Sonderlich zufrieden scheint sie nicht, sie sei sich mehr gewohnt. Ganz anders sieht es bei ihrer Konkurrentin Kunz-Inderkommen aus. Die 560 Punkte von diesem Training sind ihre persönliche Bestleistung. Ein Freudenjauchzer entweicht der zierlichen Frau.

Sie habe einzig den Ton im Kopf. Alles andere blende sie aus, beschreibt Kunz-Inderkommen ihr Gefühl kurz vor dem Abschuss. Hoffmann fügt hinzu: «Beim Schiessen schliesse ich die Augen.» Das grelle Licht aus der Mitte der Zielscheibe blende sie sonst.