Atlantik-Überquerung
Segler Simon Koster: «Das Risiko ist überschaubar»

Derzeit segelt der Simon Koster alleine über den Atlantik und wird Mitte November die Karibik erreichen. Kurz vor dem Start der Überquerung erzählte der Oberengstringer, was er auf hoher See erlebt und wieso ihn das Segeln so begeistert.

Florian Schmitz
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Simon Koster hat sein selbst gebautes, hochtechnologisches Segelschiff «Eight Cube Sersa» seit dem ersten Einsatz 2015 stark weiterentwickelt. Fotos: Breschi / Breschi-photo-video.com

Simon Koster hat sein selbst gebautes, hochtechnologisches Segelschiff «Eight Cube Sersa» seit dem ersten Einsatz 2015 stark weiterentwickelt. Fotos: Breschi / Breschi-photo-video.com

Christophe Breschi;Breschi / Bre

Herr Koster, Sie liegen im Zwischenklassement der Minitransat auf dem sechsten Platz und haben nicht so viel Rückstand nach vorne. Wie zufrieden sind Sie mit dem Resultat?

Simon Kloster: Angesichts der Wetterbedingungen, die für mich nicht optimal waren, bin ich zufrieden, auch wenn ich resultatmässig gerne noch weiter vorne gewesen wäre. Aber wir sind noch nahe beieinander.

Sie haben also noch Ambitionen nach vorne?

Ja, ich will bis zum Schluss angreifen. Es liegt sicher noch etwas drin.

Zwischen beiden Etappen sind Sie einen Monat auf Gran Canaria. Was steht zurzeit bei Ihnen auf dem Programm?

Ich versuche, mich und das Schiff möglichst gut vorzubereiten, damit ich unter optimalen Bedingungen starten kann. Die grössere Herausforderung ist, auf der Insel die richtigen Werkzeuge zu finden, um alle nötigen Arbeiten durchzuführen. Ich habe heute das Schiff aus dem Wasser genommen, um den Kiel zu reparieren. Auch gilt es, körperlich wieder auf die Höhe zu kommen, denn während der Regatta schlafe ich nicht viel und bringe meinen Rhythmus durcheinander.

Wie sieht ein typischer Tagesablauf während der Regatta aus?

Der Ablauf ist immer von den Wetterbedingungen abhängig. Aber grundsätzlich schlafe ich nie länger als eine halbe Stunde, meist etwa 20 Minuten, am Stück. Innerhalb von 24 Stunden versuche ich, auf rund vier Stunden Schlaf zu kommen. Zweimal täglich muss ich das Logbuch schreiben. Der Rest der Zeit ist grösstenteils ausgefüllt mit Steuern oder dem Einstellen beziehungsweise Wechseln der Segel. Einmal pro Tag erhalten alle Segler einen gesprochenen Wetterbericht, der aber recht rudimentär ist. Ausserdem verbringe ich einige Zeit damit, die Maschinen zu kontrollieren und sicherzustellen, dass noch alles funktioniert – gerade wenn es weniger windet.

Leben Sie auf dem Schiff in einem normalen Rhythmus?

Wenn ich im Logbuch nicht alle zwölf Stunden das Datum reinschreiben müsste, dann wüsste ich nach kurzer Zeit nicht mehr, wie viele Tage ich schon auf dem Wasser bin. Innerhalb der 24 Stunden habe ich einige Fixpunkte wie die täglichen Essensrationen, die mir dabei helfen, die Zeit nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie sieht Ihr Menüplan während einer Regatta aus?

Täglich esse ich normalerweise zwei in einem Beutel vorbereitete Mahlzeiten, die ich nur aufwärmen muss. Dazu kommen dann Snacks wie Energieriegel und ich hatte dieses Mal auch viel Trockenfleisch dabei. Bei jeder Tagesration ist auch immer etwas Schokolade drin. Das Problem war dieses Mal aber, dass ich einige Tage länger brauchte als vorgesehen. Weil wir immer mit dem minimal nötigen Gewicht starten, hatte ich nur Essen für acht Tage dabei, aber war zehn unterwegs. Da musste ich beginnen, präzis zu rationieren, und hatte am Ziel gar nichts mehr übrig.

Was fasziniert Sie am Segelsport am meisten?

Gerade für das Hochsee-Segeln benötigt man Kompetenzen auf einem sehr breiten Spektrum. Man muss ein guter Allrounder sein und ist auf dem Meer nahe an den Elementen. Die technische Seite interessiert mich auch sehr: Sich gut vorbereiten, um das Maximum aus dem Schiff herauszuholen. Ich segle für die Momente, wenn alles zusammenkommt: Wenn der Wind stimmt, das Schiff schnell segelt und ich Gas geben kann, dann steuere ich schon mal 18 Stunden am Stück, ohne zu schlafen. Dann funktioniert das Schiff wie ein Gokart und ich entscheide nur noch, links oder rechts an der Welle vorbeizufahren.

Würden Sie die Minitransat als Extremsport einstufen?

Auf dem Wasser sind kleine Fehler viel weniger tragisch als etwa im extremen Bergsport. Grundsätzlich denke ich, dass alles eine Frage der Vorbereitung ist. Von aussen bekommt man vielleicht das Gefühl, dass es extrem ist, was ich mache. Aber ich investiere so viel Zeit in die Vorbereitung und bin schon so viel alleine gesegelt, dass ich viele Szenarien durchgespielt habe und auf viele Eventualitäten vorbereitet bin. Deshalb denke ich, dass das Risiko im überschaubaren Bereich ist. Dass so viele Segelschiffe bei der Regatta die gleiche Route segeln, erhöht zudem die Sicherheit.

Wie ist es psychisch, in so einem kleinen Boot allein auf dem Meer zu sein?

Ich habe eigentlich nie Mühe damit, allein zu sein. Aber man hinterfragt sich mehr, wenn taktische Entscheide anstehen, weil man niemanden hat, um sich auszutauschen und abzusichern. Allein muss man die Selbstsicherheit haben, dass die eigenen Entscheide auch richtig sind und man dazu stehen kann.

Segeln ist ein teurer Sport. Arbeiten Sie auch noch ausserhalb des Segelsports?

Seit rund zweieinhalb Jahren bin ich eigentlich nur noch im Segelsport unterwegs. Wenn ich keine Rennen fahre, ist mein Aktivitätsbereich aber sehr breit: etwa Skippern mit Gästen an Bord, Einsätze auf grösseren Regatten, grosse Regattajachten im Winter vorbereiten und in der Schweiz Vorträge übers Segeln halten. Ich bin gelernter Elektroniker und hab schon einige Male die Elektronik von grösseren Jachten umgebaut. Ich lebe davon, aber verdiene eigentlich kaum Geld damit. Es steht noch viel Arbeit bevor, um das weiter auszubauen und einen Schritt weiterzukommen. Aber ich bin sicher auf einem guten Weg.

Während der Segelsaison verbringen Sie den Hauptteil Ihrer Zeit in der Bretagne. Sind Sie trotzdem noch häufig in Oberengstringen?

Ich bin immer noch in Oberengstringen heimisch und oft vor Ort, auch wenn es um Sponsorfragen geht oder darum, ein neues Projekt auf die Beine zu stellen oder Events zu organisieren. Ich finanziere meine Projekte mit Schweizer Sponsoren und habe viele Verpflichtungen hier. Wenn ich heute in die Schweiz zurückkomme, ist mein Kalender immer prall gefüllt.