Wenn ein alter Mensch seine Wohnung verlässt und ins Altersheim zieht, ist er oft verunsichert. Er hat Fragen, vielleicht Wünsche und sehr wahrscheinlich Ängste. Um diesen zu begegnen und abzuklären, welche Bedürfnisse da sind, führt das Alters- und Gesundheitszentrum in Dietikon zuerst ein Eintrittsgespräch, bei dem im Normalfall auch die Angehörigen dabei sind.

Ein Thema ist bei diesen Gesprächen jedoch noch nie aufgetaucht: Homosexualität. Ob bisher tatsächlich keine homosexuellen Senioren ins Dietiker Altersheim eingezogen sind oder ob das Thema stets verschwiegen wird, weiss Gesamtleiter Christoph Schwemmer nicht. Aber eine Vermutung hat er. Man müsse bedenken, dass die Bewohner beim Einzug durchschnittlich 84 Jahre alt seien, sagt er. «Das ist eine Generation, die noch nicht gelernt hat, offen über Homosexualität zu sprechen. Viele mussten sich verstecken.»

Damit bestätigt Schwemmer eine Aussage der Initianten des kürzlich gegründeten Vereins «Queer altern», der Altersheim-Alternativen für Homosexuelle aufbauen will. Denn in regulären Altersheimen würden sich viele Lesben und Schwule unsichtbar machen, sagt Mitinitiant Vincenzo Paolino. Die meisten seien es sich gewohnt, zurückhaltend zu leben. Frage man Heimleiter, ob es bei ihnen Homosexuelle habe, so laute die Antwort meist: Nein.

Man spricht nicht darüber

Das ist auch im Schlieremer Altersheim Sandbühl und im Weininger Altersheim «Im Morgen» so. Zwar habe man vor einiger Zeit eine Bewohnerin gehabt, von der man gewusst habe, dass sie lesbisch sei, sagt der Weininger Zentrumsleiter René Brüggemann. Auf Wunsch der Frau habe man das Thema aber diskret behandelt und auch mit den Mitarbeitenden nicht darüber gesprochen. Brüggemann glaubt, dass diese Generation Homosexualität eher verdrängt, beziehungsweise sie teilweise als «nicht opportun» empfindet. 

Auch Susanne Tanner weiss von keinen homosexuellen Senioren in den Schlieremer Alterseinrichtungen. Man dürfe aber nicht vergessen, dass es sich diese Generation generell nicht gewohnt sei, über Sexualität zu sprechen, egal welcher Art, sagt die Abteilungsleiterin Alter und Pflege. «Unsere Bewohner thematisieren Sexualität normalerweise erst, wenn sie zum Problem wird. Beispielsweise, wenn Bedürfnisse da sind, die nicht erfüllt werden.»

Tanner erzählt die Geschichte eines alten Mannes in einem anderen Altersheim, in dem sie früher gearbeitet hat. Dieser sei so angetrieben gewesen von seiner Sexualität, dass sie für ihn und andere problematisch geworden sei. «In so einem Fall müssen wir uns überlegen: Wie gehen wir damit um?», sagt sie. Der alte Mann habe sich dann eine Frau organisiert, die ihn ab und zu besucht habe. Damit sei das Problem aber nicht einfach gelöst gewesen: Man habe den Mann, der dement war, auch davor schützen müssen, finanziell ausgebeutet zu werden.

Für Tanner ist klar: «Ein Altersheim ist ein Abbild der Gesellschaft.» Die Themen, auf die man treffe, seien die Themen des Lebens: so zum Beispiel Sucht, Religion, Liebe, Einsamkeit oder Sexualität. Es gehe um Sensibilität im Umgang damit: «Ich traue es unserem Pflegepersonal zu, dass sie das können. Dass sie spüren, was wichtig ist und die Gespräche führen, die nötig sind.»

Jeder Mensch sei anders, sagt Tanner, und jeder habe seine Geschichte. Im «Sandbühl» versuche man, eine Atmosphäre zu schaffen, in denen es allen wohl sei, egal welchen Hintergrund und welche sexuelle Orientierung sie hätten. Dass getratscht werde, wenn jemand auf den ersten Blick nicht ins Bild passe, sei dabei in einem Altersheim nicht anders als sonst wo. Doch das lege sich wieder. «Einschreiten würden wir, wenn wir merken, dass jemand ausgeschlossen wird oder unglücklich ist. Dann zu reagieren, gehört zu unserem Job, zum täglichen Leben.»

«Sie werden eher weicher»

Auch Schwemmer kann sich vorstellen, dass es im Dietiker Altersheim zuerst einmal zu einem Getuschel käme, würden zwei Männer Hand in Hand gehen. Doch er ist überzeugt, dass sich die Bewohner sehr schnell daran gewöhnen würden. Schliesslich würden im Alterszentrum auch homosexuelle Mitarbeitende arbeiten und niemand habe ein Problem damit. «In meiner Erfahrung werden Menschen im Alter eher weicher», sagt er. Wichtig sei die Kommunikation und dass man eine Atmosphäre der Offenheit schaffe. «Bei uns gibt es so viele verschiedene Menschen mit verschiedenen Biografien. Wir schulen unser Personal darauf, dass sie achtsam mit jedem Einzelnen umgehen.»