Limmattalerin des Jahres
Schwester Elisabeth: «Nach einem Einsatz atme ich tief durch»

Die Limmattalerin des Jahres, Schwester Elisabeth, spricht über ihren Einsatz für Menschen in Not, was ihr den Preis bedeutet und wem Sie diesen Preis vor allem zu verdanken hat.

Nicole Button
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Die Limmattalerin des Jahres: Schwester Elisabeth feiert nach der Preisübergabe in ihrer Wohnung in Schlieren. nem

Die Limmattalerin des Jahres: Schwester Elisabeth feiert nach der Preisübergabe in ihrer Wohnung in Schlieren. nem

Schwester Elisabeth, Sie wurden von den Lesern der az Limmattaler Zeitung glanzvoll zur Limmattalerin des Jahres 2011 gewählt. Den Preis durften Sie diese Woche bei Ihnen zu Hause in Schlieren entgegennehmen. Angenommen, es hätte eine Preisverleihung vor Publikum gegeben: Was hätten Sie in Ihrer Dankesrede gesagt?

Schwester Elisabeth: Dass ich den Leserinnen und Lesern herzlich danke für die Stimmen, die sie mir gegeben haben. Und dass dieses Resultat zu einem grossen Teil der Verdienst des Vereins wabe Limmattal ist. In dessen Auftrag komme ich als Begleiterin von Schwerkranken, Sterbenden und Trauernden mit zahlreichen Menschen in Kontakt. Viele Leute kennen mich zudem aus meiner Zeit als Altersseelsorgerin in Dietikon und Schlieren. Oder ihre Töchter besuchten die Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Theodosianum in Schlieren, die ich geleitet habe. Ohne diese Funktionen wäre ich niemals so bekannt im Limmattal geworden.

Ihre Arbeit hat Ihnen eine ansehnliche Fangemeinschaft beschert.

Jaja (lacht). Ich führe das auf diese Faktoren zurück.

Die Wahl des Limmattalers des Jahres fällt jeweils auf die Vorweihnachtszeit, wenn sich manche Menschen auf Werte wie soziales Engagement besinnen. Hat das zu Ihrem Sieg beigetragen?

Ja, das hat sicher geholfen. Wäre die Wahl im Sommer durchgeführt worden, hätte sich vielleicht ein anderes Bild ergeben. Und im September wäre wohl Rolf Wild, OK-Präsident des Schlierefäschts, gekürt worden.

Spüren Sie auch im Alltag, dass soziales Engagement in der Weihnachtszeit mehr gewürdigt wird?

Ja, viele der älteren und kranken Menschen, mit denen ich arbeite, sind in diesen Tagen emotional stärker bewegt als sonst. Sie sind dann noch dankbarer um einen Besuch als sonst. Was mir auch auffällt: Alle wollen einem etwas schenken und damit ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Sei es mit ein paar selbst gebackenen Guetzli oder mit einem Glas Konfitüre. Ich erhalte momentan auch sehr viele Dankesbriefe. Das berührt mich.

Äussert sich die Dankbarkeit auch in Form von Spenden für den Verein wabe Limmattal?

Ja. Auch Menschen, die unsere Hilfe gerade nicht benötigen, fragen zurzeit vermehrt nach Einzahlungsscheinen.

Wieso hat die Weihnachtszeit diese Wirkung auf die Menschen?

Weihnachten birgt ein spezielles Geheimnis. Wer gläubig ist, weiss: Jesus ist an diesem Tag geboren und hat uns das Heil gebracht. Man möchte in seiner Nachfolge den Mitmenschen etwas Gutes tun. Vielen Menschen geht es an Weihnachten nicht nur darum, materielle Geschenke zu machen. Sie wollen andere Menschen treffen, mit ihnen reden, ihnen danken oder ihnen helfen.

Sind die zum Ausdruck gebrachten Gefühle wirklich echt? Oder gehören sie zum üblichen Weihnachtskitsch?

Bei vielen Menschen sind die Gefühle und das soziale Engagement echt. Sie distanzieren sich von der ganzen Geschäftemacherei und dem Kitsch rund um Weihnachten und haben begriffen, worum es bei diesem Fest geht.

Und trotzdem gehen solche Gesten und Gefühle während des restlichen Jahres oft im Alltagsstress unter. Brauchte es mehr Phasen wie die Weihnachtszeit, in denen man sich bewusst den Mitmenschen widmet?

Natürlich wäre das schön. Aber eigentlich gibt es bereits Gelegenheiten: zum Beispiel die Fastenzeit, Ostern, Geburts- und Namenstage oder andere Jubiläen – nur nutzen wir sie oft zu wenig.

Was tun Sie persönlich an solchen speziellen Tagen?

Es braucht nicht unbedingt grosse Gesten, sondern ein Zeichen, dass man an die anderen denkt – beispielsweise eine Karte zum Namenstag. Ich kenne viele Frauen, die wie ich auf den Namen Elisabeth getauft wurden. Letztes Jahr schickte ich ihnen per Post eine wunderschöne Karte der Elisabethkirche in Marburg. Alle freuten sich sehr.

Zurück zu Weihnachten: Mit dem Fest sind viele Erwartungen verknüpft. Man wünscht sich tolle Geschenke und Harmonie in der Familie – Hoffnungen, die manchmal Enttäuschung Platz machen. Spüren Sie das in Ihrer Arbeit als Altersseelsorgerin und als Betreuerin von Schwerkranken und Trauernden?

Ja, für kranke oder alte Menschen ist die Weihnachtszeit oft mit Wehmut verbunden. Sie denken an frühere Festtage und erkennen, dass sie nicht mehr so feiern können, wie sie eigentlich möchten und wie sie es früher getan haben. Besonders schwer ist es, wenn Familien nicht mehr intakt sind. Wenn Kinder nicht mehr nach Hause kommen, weil es Streit gab oder sie keine Zeit haben.

Gibt es mehr Hilfesuchende in der Weihnachtszeit?

Ja, es melden sich etwas mehr ältere Menschen bei mir, die sich einsam fühlen – allerdings sind es nicht markant viele mehr, weil sie sich teilweise genieren. Manche erzählen einem erst später, dass sie Weihnachten ganz alleine verbracht haben, und weinen. Auch in der Sterbe- und Trauerbegleitung gibt es mehr zu tun. Manche Angehörige fordern Hilfe an, weil sie befürchten, sich in der hektischen Weihnachtszeit nicht genügend um Sterbende oder Schwerkranke in ihrer Familie kümmern zu können. Auch für die Angehörigen von Verstorbenen können die Festtage eine sehr schwierige Zeit sein.

Sie erinnern sich daran, wie man früher gemeinsam gekocht oder den Weihnachtsbaum geschmückt hat – der Verlust schmerzt durch diese Erinnerungen noch stärker als sonst.

Genau. In dieser Zeit muss man ein offenes Herz und offene Ohren für Trauernde haben. Der Verein wabe Limmattal schickt Angehörigen, die im Laufe des Jahres einen nahestehenden Menschen verloren haben, zur Adventszeit jeweils eine Karte. Das wird enorm geschätzt.

Rücken in der Weihnachtszeit religiöse Bedürfnisse stärker ins Zentrum?

Ja, viele Menschen sind in dieser Zeit ein Stück näher bei Gott. Sie beten mehr, äussern mehr Hoffnungen und Wünsche, zünden gerne eine Kerze an oder singen ein religiöses Lied, und das möglichst nicht alleine. Ich gehe auf diese Bedürfnisse ein, wenn ich sie besuche.

Kommen Sie selber überhaupt dazu, Weihnachten zu feiern?

Durchaus. Meine Mitbewohnerin und ich feiern zusammen mit zwei, drei einsamen Menschen hier in unserer Wohnung, lesen das Weihnachtsevangelium, singen, zünden viele Kerzen an und essen etwas Einfaches. Danach besuchen wir die Mitternachtsmesse. Das gehört bei mir zu Weihnachten.

Bis im Februar dieses Jahres waren Sie für den Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren tätig, hatten dort die Altersseelsorge aufgebaut. Was haben Sie unternommen, damit sich ältere Menschen an den Festtagen weniger einsam fühlen?

In Schlieren lancierte ich beispielsweise die Seniorenweihnacht: ein spezielles Mittagessen im Pfarreizentrum an einem der Adventssonntage. Zuerst besucht man zusammen den Gottesdienst, danach servierte ich zusammen mit sieben Frauen das Essen und es wurde gefeiert. Die Senioren geniessen es sehr, sich an den gedeckten Tisch setzen zu dürfen und gemeinsam zu essen.

Sie sagten dieses Jahr in einem Interview, Einsamkeit bei älteren Menschen sei auch unter dem Jahr ein grosses Thema. Da reichen solche vereinzelten Anlässe wohl nicht aus?

Nein. Die betroffenen Menschen brauchen regelmässigen Kontakt, das ist ganz wichtig. Deshalb bauten wir im Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren einen Besuchsdienst mit Freiwilligen auf. Diese besuchen ältere Menschen zu Hause oder im Alters- und Pflegeheim. Zudem bringe ich denjenigen, die zu schwach für einen Kirchenbesuch sind, auf Wunsch die Kommunion vorbei. Sie wissen, dass ich dann eine halbe oder eine ganze Stunde Zeit für sie habe.

Sie besuchen ältere Menschen wie erwähnt auch im Alters- und Pflegeheim. Dort sind sie umgeben von anderen Senioren und von Pflegerinnen – und sind trotzdem einsam?

Ja. Manche Menschen werden im Alter etwas eigenartig und isolieren sich. Im Altersheim leiden sie möglicherweise sogar stärker unter ihrer Einsamkeit, weil sie täglich sehen, wie andere Besuch erhalten und sie nicht.

Wie kommen Sie an solche Menschen heran, die verschlossen sind und gar nicht aktiv Hilfe suchen?

Es gibt verschiedene Wege. In Urdorf schrieben wir im Sommer alle über 80-Jährigen an und fragten, ob sie an regelmässigen Besuchen interessiert seien. Fast 30 Personen meldeten ein konkretes Bedürfnis an. Wer altersdepressiv ist, kann aber unter Umständen gar nicht auf ein solches Angebot reagieren. Ich werde oft von Bekannten, Nachbarn oder von der Altersheimleitung auf solche Menschen aufmerksam gemacht und gehe bei den Betroffenen vorbei.

Sie sind stets in Ihrer Nonnenkleidung unterwegs. Erschwert das den Zugang zu weniger religiösen Menschen?

Bis jetzt habe ich keine grosse Ablehnung gespürt. Es gibt allerdings schon solche, die mich beim ersten Treffen mit grossen Augen anschauen. Oder die das Gefühl haben, sie müssten mit mir zwingend über die Bibel sprechen. Ich mache ihnen klar, dass ich ein ganz normaler Mensch bin und sie auch nicht bekehren will. Dennoch braucht es manchmal etwas Zeit, bis die Bedenken abgelegt werden.

Ein konkretes Erlebnis?

Im Altersheim Weihermatt in Urdorf sprach ich einmal einen Mann an und fragte ihn, ob er Besuch wünsche. Er sagte: «Nein. So etwas brauche ich nicht!» Als ich später wieder einmal im Haus war, klopfte ich an seine Zimmertür und wollte ihm kurz «Grüezi» sagen. Da sagte er, er habe seine Meinung geändert. Heute besuche ich ihn regelmässig.

Als Besucherin werden Sie bestimmt von vielen älteren Menschen als Familienmitglied betrachtet. Was bedeutet das für Ihre Arbeitsbelastung?

Man könnte rund um die Uhr unterwegs sein, und es würde trotzdem nicht reichen. Ich habe auch schon Menschen enttäuscht, weil ich einen Besuchswunsch nicht erfüllen konnte. Das ist sehr schwierig für mich. Aber ich musste lernen, mich abzugrenzen und auch einmal Nein zu sagen. Auch in der Schulung unserer Freiwilligen wird vermittelt, dass man die eigenen Grenzen respektieren muss.

Wo setzen Sie Grenzen?

Zum Beispiel in Bezug auf den Gesprächsinhalt. Man kann nicht jeden Tag stundenlanges Klagen aushalten. Wenn ich jemanden besuche, bei dem ich genau das erwarte, mache ich mir im Vorfeld Gedanken, wie ich das Gespräch etwas positiver gestalten kann. Ich nehme einen lustigen Text mit, den wir zusammen lesen. Oder wir gehen spazieren und bestaunen die Nachbarsgärten, damit die Person auf andere Gedanken kommt.

Wie sehen die zeitlichen Grenzen aus?

Meine Besuche bei älteren Menschen begrenze ich meist auf eine Stunde. Mehr schaffe ich einfach nicht. Wichtiger als die Länge eines Besuchs ist, dass man regelmässig vorbeigeht und die Menschen merken, dass man sie nicht vergisst. Auch in der wabe-Sterbebegleitung müssen wir uns zeitliche Grenzen setzen.

Was vermutlich noch schwieriger ist.

Ja, etwa wenn eine Frau im Sterben liegt und ihre Tochter arbeiten gehen muss. In solchen Fällen können auch wir nicht immer eine lückenlose Begleitung organisieren. Auch unsere Nachtwache begrenzen wir in der Regel auf eine Einsatzdauer von 21 bis 7 Uhr. Das ist bereits ziemlich lang. Wenn uns Angehörige bereits um 19 Uhr aufbieten wollen, muss ich ablehnen.

Sie sind mit vielen Sorgen und Nöten konfrontiert. Wie halten Sie das aus?

Ich erlebe auch viel Schönes. Am Freitag hörte ich mir in der Tonhalle Zürich «Die Schöpfung» von Joseph Haydn an. Solche Besuche in der Tonhalle oder im KKL Luzern erlaube ich mir zwei- bis dreimal pro Jahr. Zudem lese und schreibe ich viel, meditiere, mache Klosterarbeiten, habe häufig Gäste und koche gerne. Das alles baut mich auf. Sport treibe ich hingegen eindeutig zu wenig.

Was tun Sie nach einem schwierigen Einsatz – etwa, wenn ein junger Mensch im Sterben liegt?

Kürzlich hatte ich zwei sehr schwierige Situationen auf der Palliativstation des Spitals Limmattal. Wenn ich nach einem Begleiteinsatz den Raum verliess, blieb ich jeweils kurz an der frischen Luft stehen und atmete tief durch. Durch richtiges Atmen kann man Belastungen ablegen. Die Geschichten beschäftigen einen zwar weiter, aber sie bedrücken weniger. Ich versuche zudem, die Schicksale im Gebet an Gott zu übergeben, damit ich wieder frei für neue Einsätze bin.

Sie sind heuer als Verantwortliche für die Altersseelsorge des Seelsorgeraums Dietikon-Schlieren in Ruhestand getreten. Sie sagten, Sie würden sich über mehr Zeit für Ihr spirituelles Leben freuen. Ist die unermüdliche Schwester Elisabeth beruflich tatsächlich etwas kürzergetreten?

Ich habe mir zwei Monate Urlaub gegönnt, so gut das ging. Im Mai habe ich dann eine 20-Prozent-Stelle in der Altersseelsorge der Pfarrei Urdorf und eine 30-Prozent-Stelle in der Sozialabteilung der Stadt Schlieren angetreten, wo ich für Altersprojekte zuständig bin. Zusammen sind das 50 Prozent nebst meinem wabe-Engagement. Das ist genug in meinem Alter (lacht). Die Ruhe, die ich mir gewünscht hatte, ist noch nicht ganz eingekehrt. Aber ich bin auf gutem Weg, habe abends beispielsweise viel weniger Sitzungen als früher. Die ruhigen Phasen am Abend und am Morgen erden mich und machen mich gelassener.

Ihre Auszeichnung als Limmattalerin des Jahres ist ein krönender Abschluss des Freiwilligenjahrs 2011. Wurde die Freiwilligenarbeit im Limmattal durch die Aktionen im Rahmen dieses Jahres konkret gestärkt?

Ich denke schon. Der Verein wabe Limmattal konnte dieses Jahr neue Begleiterinnen gewinnen, die jetzt geschult werden. Das Freiwilligenjahr hat sicher dazu beigetragen: In den Medien las man viel über verschiedenste Freiwilligeneinsätze. In Schlieren organisierten die Freiwilligenorganisationen im Mai einen gemeinsamen Informationsanlass. Solche Aktionen haben die Leute aufgerüttelt.

Wie geht es im neuen Jahr weiter? Nehmen Sie den neuen Schwung aus dem Freiwilligenjahr mit?

Ja, es gibt neue Projekte. Der Verein wabe Limmattal bildet nächstes Jahr acht Begleiterinnen aus, die Angehörige von Demenzkranken, die noch zu Hause leben, unterstützen. Demenzfälle werden in den nächsten Jahren zunehmen. Deshalb möchten wir ein spezialisiertes Angebot nebst der Sterbe- und Trauerbegleitung aufbauen.

Sind im Zusammenhang mit der Freiwilligenarbeit in der Region noch Wünsche offen?

Ja, in vielen Bereichen gibt es noch keine oder zu wenig Hilfe für Menschen in Not. So müsste zum Beispiel die Trauerbegleitung in Schlieren intensiviert werden. Zudem braucht es mehr Hilfsangebote im Alltag: Leute, die für kranke oder alte Menschen einkaufen gehen oder sie zum Arzt begleiten. Mit der Einführung der DRG-Fallpauschalen per Anfang 2012 werden die Patienten früher aus dem Spital entlassen. Zu Hause brauchen sie deshalb mehr Unterstützung als heute – da kommt etwas auf uns zu. Ausbauen müsste man in Schlieren auch den Besuchsdienst für ältere Menschen. Viele Leute rutschen durch die Maschen der Gesellschaft, vereinsamen – und finden keine Hilfe.

Woran mangelt es?

Es ist heute schwierig, Leute für ein regelmässiges freiwilliges Engagement zu gewinnen. Ein paar Mal pro Jahr bei einem Frühstück zu helfen, ist in der Regel beliebter, als sich längerfristig zu verpflichten. Weil es zu wenig freiwillige Besucherinnen und Besucher gibt, ermuntere ich einsame Menschen – solange sie fit sind –, Altersclubs oder einen Mittagstisch zu besuchen. So kommen sie ab und zu unter die Leute.

Sie leisten also Hilfe zur Selbsthilfe.

Ganz genau (lacht).