Kloster
Schwester Elisabeth Müggler - die barmherzige Schwester

Vor 50 Jahren ist Schwester Elisabeth Müggler ins Kloster eingetreten. Die heute 75-Jährige Wabe-Limmattal-Gründerin blickt zurück und zieht eine Zwischenbilanz.

Sophie Rüesch
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Barmherzige Schwester
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Schwester Elisabeth Müggler wohnt seit 20 Jahre mit Margrit Kappeler zusammen. Kappeler hatte damals einen Hirnschlag erlitten, ihre linke Hirnhälfte arbeitet nicht mehr.
Schwester Elisabeth im Gespräch mit Jürg Krebs, damals Chefredaktor der Limmattaler Zeitung
Mit ihrer Arbeit hat Schwester Elisabeth das Limmattal geprägt
Schwester Elisabeth, hier 2007 an der Jubiläumsfeier für 80-jährige Einwohner im Stürmeierhuus Schlieren, war nie eine weltfremde Nonne
Im Jahr 2012 erhielt Schwester Elisabeth Müggler in Meilen den Schweizer Palliative Care Preis
Schwester Elisabeth wurde 2011 zur Limmattalerin des Jahres 2011 gewählt. Hier nimmt sie in ihrer Wohnung von Bettina Hamilton-Irvine den Preis entgegen

Barmherzige Schwester

Chris Iseli

«Wenn ich gross bin, gehe ich entweder ins Kloster oder heirate einen Bauern und habe zehn Kinder mit ihm», hat Elisabeth Müggler ihrer Mutter gesagt, als sie noch ein kleines Mädchen im sanktgallischen Flawil war. Schon damals hatte sie ziemlich genaue Vorstellungen davon, was sie mit ihrem Leben machen wollte. Aus der Bauernfamilie sollte nichts werden. Blieb das Kloster.

Das Mädchen ist mittlerweile eine 75-jährige Frau, um deren Rüstigkeit und Lebensfreude sie noch manch jüngere beneiden könnte. Seit nunmehr 50 Jahren lebt sie ihr Leben als Ingenbohler Schwester, als Ordensmitglied der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz. Sie kann sich ein fast zynisches Lachen nicht verkneifen, wenn sie den ganzen Namen ausspricht – ausgerechnet sie, deren unermüdliches Schaffen wohl unter keinem besseren Begriff zusammengefasst werden könnte.

Sturer Gehorsam ist nichts für sie

Die Barmherzigen Schwestern hat Elisabeth Müggler eigentlich nicht gesucht. Diese fanden sie: während sie in der Schwesternschule Theodosianum – noch vor dem Umzug von Zürich nach Schlieren – ihre Ausbildung machte, konnte sich die «normal religiös» Aufgewachsene diese Lebensform immer besser für sich vorstellen. Obwohl das mit dem bedingungslosen Gehorsam eigentlich noch nie so ihr Ding war. Ihr Vater musste lachen, als er davon erfuhr, dass eine Verwandte seine Tochter ins Zisterzienserinnen-Kloster Magdenau – «also die ganz strengen» – abwerben wollte, als bekannt wurde, dass sie das Gelübde ablegen wollte. «Das geht nur, wenn du direkt Äbtissin wirst», habe er gesagt. «Sonst schaffst du das nicht.»

Ihr grosses Glück sei gewesen, dass ihr die Ordensobern stets genug Freiraum liessen, um ihre Spiritualität auf ihre Art auszuleben. Sie nennt sie eine «tief verwurzelte, aber keine sture Religiosität». Eine also, die es ihr auch erlaubt, nach Zen-Regeln zu meditieren, wenn sie will. Oder auch, an einem stressigen Tag das eine oder andere Pflichtgebet auszulassen. «Herrgott», sagt sie dann spät am Abend, wenn alles erledigt ist, «heute muss das Werk genügen». Und der Herrgott versteht.

Denn es ist gerade nicht das sture, unhinterfragte Regeln-Befolgen, das Schwester Elisabeths erfolgsgekröntes, unnachgiebiges Engagement ausmacht. Ihr Erwachsenenleben wurde von langen Aufenthalten in England, in der Romandie und in Rom eingeläutet, wo sie Sprachen und Arbeiten lernte und merkte, wie wichtig der Blick über den Tellerrand ist. «Ich bin schon eine, die gerne reist», sagt die 75-Jährige mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen. Später, auf der Heimreise ins Limmattal, erzählt sie ganz aufgeregt von den nächsten Reisen, die sie gerade plant – um sogleich erschreckt festzustellen, das töne ja nun sehr nach einem Flohnerleben.

Starke Schwestern

Diesen Vorwurf kann der 75-Jährigen mit den 50-Stunden-Wochen nun wirklich niemand ernsthaft machen wollen. Vor 13 Jahren wurde sie nach 20 Jahren Leitung der Schwesternschule Theodosianum beim Spital Limmattal pensioniert. Dort hatte sie grundlegende Umwälzungen initiiert oder umgesetzt und bildete nebenbei Generationen von Schwestern aus, die sich nicht nur als «Helferli vom Herr Doktor» verstehen. Offen, innovativ und eigenständig sollten sie sein – zuallererst im Dienst der Patienten, nicht etablierter Hierarchiestrukturen.

Danach gleich ins Mutterkloster zurückkehren, wie das üblich ist, kam für Schwester Elisabeth kaum infrage. «Ich bin immer sehr gerne hier», sagt sie im «Hügelkaffee» des Klosters, das so prächtig über Brunnen am Vierwaldstättersee thront. «Aber ich gehe dann jeweils auch gern wieder.» Noch viel zu willig und fähig, um ihren Dienst an der Gemeinschaft zu beenden, trat Schwester Elisabeth statt dem Ruhestand Alters- und Seelsorgeämter beim Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren, der Stadt Schlieren und der Katholischen Kirche Urdorf an.

Und sie widmete sich ihrem Palliative-Care-Projekt Wachen und Begleiten (Wabe), dem im Limmattal längst überfälligen Sterbensbegleitungsangebot, das im Jahr 2003 als Verein aus der Taufe gehoben wurde. Heute zählt die Organisation 35 freiwillige HelferInnen und deckt neben dem Limmattal auch das Furt- und das Wehntal ab.

Die Begleitungen macht Schwester Elisabeth neben Abklärungen und Einsatzplanung auch selbst noch. Liebevoll spricht sie von Menschen, mit denen sie die letzten Stunden teilte, davon, wie nachhaltig sie manche Begegnungen «bewegen im Herzen», wie sie bei all den schmerzlichen Erfahrungen auch immer wieder mit dem Herrgott hadert, wie damals, als ihr kleiner Bruder mit 17 Jahren auf dem Weg ins Gymi überfahren wurde. Doch am Ende kommt sie immer zum selben Schluss: «Die Aufgabe ist nach wie vor wunderschön. Wir können nicht alles besser machen, aber wir können den Menschen unsere Zeit geben.»

Auch das Hadern mit dem Glauben hat sie letztlich bisher immer wieder darin bekräftigt. Sie hat sich, damals, mit 25 Jahren, den Eintritt ins Kloster reiflich überlegt. Die Frage, ob «meine Beziehung zu Gott tief genug ist, um auf vieles meines Frauseins zu verzichten», habe sie bejaht. «Ich wusste, worauf ich mich einlasse.» Das änderte sich auch nicht, als sie mit 50 Jahren «eine Begegnung erlebte, die in mir etwas anklingen liess» – eine intensive und zum Scheitern verurteilte Angelegenheit. Schmerzhaft sei das gewesen, auch, weil es eine erneute Auseinandersetzung mit dem Gelübde bedeutete. Doch Schwester Elisabeth konnte auch dem etwas Gutes abgewinnen: «So habe ich wieder einmal gemerkt, dass ich noch eine Frau mit normalen Gefühlen bin.» Heute sagt sie über ihr Nonnendasein: «Für mich war und ist es die richtige Entscheidung.»

Missionieren ist bei Wabe tabu

Religiöse Grenzen kennt Schwester Elisabeths Nächstenliebe jedoch nicht. Missionieren ist bei Wabe tabu – «das wollen, können und tun wir nicht». Der Impuls kam zwar aus kirchlichen Kreisen, doch von Beginn weg war klar, dass man nur als öffentlich-rechtlicher Verein überall dort Hilfe bieten könnte, wo sie gebraucht wird. Und das wird sie immer mehr: Wabe verzeichnet steigende Fallzahlen.

Hilfe, wo sie gebraucht wird, leistet Schwester Elisabeth auch privat. Mitten in Schlieren lebt sie zusammen mit einer ehemaligen «Limmi»-Kollegin, die seit einem Hirninfarkt leicht behindert ist. Um sie vor einem trostlosen Leben im Heim zu bewahren, nahm sie diese bei sich auf und integrierte sie langsam und vorsichtig wieder in jene Teilaufgaben des Berufs, die sie noch ausüben konnte – und dank derer sie ihre Freude am Leben wieder fand. Von einer barmherzigen Tat mag Schwester Elisabeth nicht sprechen; auch sie profitiere ja davon: etwa, wenn abends plötzlich die Fenster geputzt sind. «Und mittlerweile könnte man sogar behaupten, ich hätte etwas Geduld gelernt dank ihr.»

46 ihrer 50 Nonnenjahre hat Schwester Elisabeth im Limmattal verbracht. «In unserem schönen Schlieren», wie sie gleichzeitig scherzend und genuin lokalpatriotisch während der Durchfahrt beim Schlieremer Bahnhof ausruft. Hier kennt sie die Leute und spürt auch die feinen Untertöne, die für eine nicht nur im Namen «aufsuchende Sozialarbeit» so unabdingbar sind. «Ich kann ja nicht beim Sozialamt alle Namen der Bezüger einfordern gehen», sagt sie. So muss sie stets hellhörig sein und sich subtil vorzutasten wissen. Denn viele Menschen in Not würden sich keine Hilfe zu holen wissen, weil sie sich für ihre Situation schämen.

Sie macht weiter, so lange es geht

Die körperlich Kranken und Pflegebedürftigen seien innerhalb der heutigen Institutionen «gut aufgehoben», sagt Schwester Elisabeth. Sorgen macht sie sich um psychisch Kranke, einsame und alleinerziehende Menschen wie auch Migranten, die durch die Maschen fallen könnten. Auch dass die «Schere zwischen Steinreichen und wirklich Armen immer weiter aufgeht», bekümmert die Schwester. Sie will deshalb weitermachen, solange sie kann. Auch ihre Provinzoberin finde das gut. «Du hast im Limmattal noch einen Auftrag», habe sie gesagt. Wohl auch, weil das Durchschnittsalter der Schwestern mittlerweile fast 80 Jahre beträgt. «Da sind sie um jede froh, die noch draussen wirken kann.» Draussen, wo Menschen warten, die etwas Barmherzigkeit vertragen könnten.