Der Papierstreifen ist nur wenige Millimeter breit, seine goldgefärbte Kante von blossem Auge kaum sichtbar. Schwester Elisabeth Müggler wickelt ihn mit ruhiger Hand um einen dünnen Metallstift. Immer wieder, bis aus dem Streifen eine winzige Kreisspirale entstanden ist – ein einziges Blütenblatt für ein grosses Blumenarrangement aus Papier, das die Ordensschwester mit der Pinzette auf einen Seidenstoff klebt.

Krüll nennt sich diese jahrhundertealte Technik der Klosterarbeit, deren wichtigste Zutaten sind: sehr viel Geduld, Lupe, Pinzette, edle Materialien und christliche Symbole wie Metallkreuze oder Heiligenbilder aus Stoff, die zwischen die filigranen Dekorationen geklebt werden. Die fertigen Werke dienen Gläubigen der religiösen Andacht und sollen die Besitzer vor Unheil schützten. «Manchmal, wenn ich nervös bin, muss ich die Arbeit weglegen», sagt Schwester Elisabeth, während sie im Wohnzimmer ihrer Schlieremer Wohnung mit einer sandkorngrossen Perle hantiert. Aber meistens halte sie die «Nifeliarbeit» gut aus, es sei eine sehr meditative Tätigkeit: «Ich kann mich zurückziehen, die Stille geniessen und ganz zu mir kommen.»

Ratschläge bei hohem Blutdruck

Aushalten können – diese Qualität stand für die 70-Jährige auch bei ihrer Arbeit als Altersseelsorgerin für den Seelsorgeraum Dietikon-Schlieren im Vordergrund. Nach gut sieben Jahren gibt sie nun diese Funktion auf. Ihre Aufgaben werden vom bestehenden Seelsorge-Team übernommen. «Man wird halt doch etwas müde mit dem Alter. Zudem engagiere ich mich stark für den Verein Wabe Limmattal, der Sterbe- und Trauerbegleitung anbietet», begründet Schwester Elisabeth ihren Entscheid. Und ein wenig mehr Zeit für das eigene spirituelle Leben werde sie künftig auch schätzen.

Das Angebot der katholischen Altersseelsorge, das Schwester Elisabeth im Auftrag von Pater Leo Müller aufgebaut hat, erinnert in seiner Vielfalt an das komplexe Krüll-Blumenarrangement: Seniorenferien in der Schweiz, Altersseminare zu Themen wie Gesundheit, Spiritualität oder Tod, Ausflüge zum Kloster Einsiedeln, Besuche in Kunstmuseen oder Altersgottesdienste. «Diese Angebote sind ein Zeichen der Wertschätzung für die älteren Menschen», sagt Schwester Elisabeth. «Wir zeigen ihnen damit: Ihr seid nicht alleine, jemand organisiert etwas für euch.»

Gefragt sei insbesondere der Besuchsdienst für Senioren, erzählt die Ordensschwester. «Einsamkeit ist ein grosses Thema», sagt sie. Derzeit sind es elf Freiwillige, die gegen 40Personen zu Hause oder im Alters- und Pflegeheim regelmässig Gesellschaft leisten. «Es handelt sich oft um Menschen, die fast keine Angehörigen mehr haben. Die Besucher hören ihnen zu, gehen mit ihnen spazieren oder Kaffee trinken.» Schwester Elisabeth war selber oft als Besucherin im Altersheim oder im Spital im Einsatz, diente aber auch anderen Senioren als Anlaufstelle bei medizinischen, sozialen oder seelischen Nöten: «Die Leute wissen, dass ich ausgebildete Krankenschwester bin. Manchmal rufen sie mich spätabends an, wenn der Blutdruck verrückt spielt», erzählt sie und lacht.

Bei anderen Ängsten und Problemen konnte die Ordensfrau keine einfachen Rezepte liefern: Der Mangel an Pflegeplätzen in Schlieren habe vielen Senioren Sorgen und Angst bereitet, so die Schwester – aber auch die Entwicklung der katholischen Kirche, persönliche Schicksalsschläge und der eigene Tod. «Zahlreiche ältere Menschen haben ein strafendes Gottesbild. Sie haben deshalb grosse Angst vor dem Sterben», sagt sie. «Ich persönlich denke, dass Gott ein viel grösseres Herz hat, als man denkt.» Sie habe gelernt, die offenen Fragen gemeinsam mit den Menschen auszuhalten, die sich an sie wendeten: «Ich war einfach da, wenn sie weinten oder schimpften.»

Viele Gestaltungsspielräume

Damit die Ordensfrau auf die Bedürfnisse der Senioren reagieren konnte, benötigte sie gestalterische Freiheiten: «Die Kirchgemeinden von Schlieren und Dietikon haben mir diese gewährt – auch finanziell», lobt sie.

Auch bei ihrer klösterlichen Handarbeit schätzt Schwester Elisabeth die Kombination von festen Regeln und kreativen Spielräumen: Im Zentrum eines Wettersegens – einer Wanddekoration, die Schutz garantieren soll – muss beispielsweise ein Agnus Dei, ein Lamm Gottes, abgebildet sein. So verlangen es die jahrhundertealten Regeln. «Ansonsten kann man die Handarbeit sehr frei gestalten», sagt Schwester Elisabeth. Sie streicht über den wertvollen 120-jährigen Samt aus einem Appenzeller Kloster, den sie als Grundlage für einen ihrer eigenen Wettersegen gewählt hat. «Ich mache gerne Jagd nach alten Stoffen wie Seidendamast – auch wenn ich als Klosterfrau nicht einfach spontan nach Mailand reisen kann, um sie dort zu suchen», sagt sie und schmunzelt.

Ausstellung von Klosterarbeiten zum Abschied von Schwester Elisabeth Müggler von der Pfarrei St. Josef Schlieren: «Volksfrömmigkeit – neu entdeckt.» Heute Freitag, 14 bis 20Uhr (Vernissage 18Uhr), morgen Samstag, 10 bis 20Uhr, Sonntag 10 bis 18Uhr. Ort: Pfarreizentrum St. Josef Schlieren, Uitikonerstrasse 32.