Vor dem Bezirksgericht Dietikon musste sich gestern ein Mann wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung verantworten, der eigentlich als ruhiger Zeitgenosse gilt.

Regelmässig wirft er im Story-Pub an der Urdorfer Weihermattstrasse einen Blick in die Zeitung, hält einen Schwatz mit dem Servicepersonal und gönnt sich einen Kaffee oder ein Schweppes. Oder hat sich gegönnt – denn seit Montag, dem 28. Dezember 2015 setzt er keinen Fuss mehr in den Pub. Damals geriet sein Fuss an den Bauch eines anderen Gastes, der daraufhin stürzte und sich schwere Verletzungen zuzog. Der ruhige Zeitgenosse geriet in den Fokus der Staatsanwaltschaft.

Der besagte Tatabend begann mit dem anderen Gast: Gegen 23:15 Uhr hatte dieser schon fleissig Bier getrunken. Und daher zwischen 1,62 und 1,8 Promille intus. Da sass er also an der Bar und bekam mit, wie der Schweppes-Trinker seinen Schwatz mit der Servicefachangestellten hielt – auf albanisch. Das passte dem Biertrinker gar nicht. Er machte Stunk, verlangte vom Schweppes-Trinker, dass der gefälligst Deutsch sprechen soll. Er werde ihn sonst zu Tode schlagen.

Der Schweppes-Trinker blieb die Ruhe selbst und ging vor die Tür. Draussen nahm er das Handy und kontaktierte die Polizei, um ihr von der Drohung zu erzählen. Der Polizist, konfrontiert mit dem bisherigen Sachverhalt, bat den Mann, die Bardame ans Telefon zu holen.

Der Mann ging also zurück in den Pub und gab der Bardame das Handy mit dem Polizist in der Leitung. Währenddessen bedrohte der Biertrinker den anderen Mann erneut mit dem Tod. Nicht genug: Er packte sein Halbliter-Bierglas, hielt es in die Luft und fuchtelte damit herum.

«Ich habe gedacht, ich sterbe»

Der nüchterne Mann begab sich darum wieder auf den Weg nach draussen. Doch als er die Türe öffnen wollte, näherte sich der Angreifer immer mehr, schliesslich ist der Pub relativ kleinräumig. Für den Schweppes-Trinker begann nun Alarmstufe Rot. Wäre der betrunkene Angreifer genug nahe an ihn herangekommen, hätte er ihm das Bierglas über den Kopf gezogen. «Ich habe gedacht, ich sterbe», hiess es gestern vor Gericht.

Der Schweppes-Trinker hielt seine beiden Hände also schützend über den Kopf und streckte ein Bein nach vorne, um den Angreifer auf Distanz zu halten – sein Bein hatte dabei mehr oder weniger Schwung. Denn nachdem der Fuss den Bauch des Biertrinkers berührte, knallte dieser auf den Boden und war gleich k. o. Aus seinem Ohr flosst Blut, eine Augenhöhle und weitere Stellen am Schädel waren gebrochen, dazu kamen weitere Verletzungen.

Er half dem Opfer seines Fusstritts

Der Schweppes-Trinker erkannte sofort den Ernst der Lage, verständigte die Sanität und brachte zusammen mit der Bardame den Geschädigten in Seitenlage. Doch das änderte nichts mehr daran, dass er den Sturz mitverursacht hatte. Deshalb stand er gestern also vor Gericht, begleitet von seinem Anwalt Valentin Landmann.

Das Gericht unter Leitung von Gerichtsvizepräsident Bruno Amacker sprach den Beschuldigten frei. Die erste zu klärende Frage war, ob der Beschuldigte den Fuss nur hingehalten oder dem Geschädigten einen Tritt verpasst hat. «Wir kommen zum Schluss, dass von einem Tritt ausgegangen werden muss», sagte Amacker. Der Tritt könne aber nicht heftig gewesen sein, da die Mediziner am Bauch des Geschädigten keinerlei Spuren feststellten.

Wirklich entscheidend war aber die Frage, ob der Schweppes-Trinker in Notwehr gehandelt hat und wenn ja, ob er das allermildeste Abwehrmittel angewandt hat. Beide Fragen bejahte das Gericht – was nicht allzu oft vorkommt.

«Zweifelsfrei erlaubte Notwehr»

Es gab dem freigesprochenen Mann auch mit auf den Weg, dass er vernünftig gehandelt habe, indem er nach all den Provokationen einfach den Pub verlassen wollte. «Oft lässt das ja der Stolz nicht zu», sagte Amacker. Die Folgen des Fusstritts seien sicher «unglücklich» gewesen, der Fusstritt selbst aber verhältnismässig. Der Beschuldigte hätte wahrscheinlich nicht anders handeln können. «So ein Schlag mit einem Bierhumpen, wir kennen solche Fälle, das kann ganz üble Folgen haben und zu schweren Verletzungen führen. Da ist es mehr als nachvollziehbar, dass man grosse Angst bekommt und sich bedroht fühlt», sagte Amacker. Es handle sich hier zweifelsfrei um einen Fall von erlaubter Notwehr.

Der Biertrinker wurde bestraft

In der Untersuchung gab auch der Geschädigte an, die Sache sei «dumm gelaufen». Er beteiligte sich nicht als Kläger am Prozess, sondern will die Sache endlich abgeschlossen haben. Selber wurde er von der Staatsanwaltschaft schon per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 12 000 Franken verurteilt, wegen der Drohung. Der Strafbefehl ist rechtskräftig.