Eine bewegte Jugend, 10 Jahre Swissair, 33 Jahre Armee – der Dietiker Marcel Fantoni blickt mit 64 auf ein reiches Leben mit Höhen und Tiefen zurück. In einem fiktiven Brief an seine Mutter, die er früh verlor, hat er seine Erinnerungen festgehalten. Am Sonntag werden er und seine Tochter im Zentrum Karl der Grosse in Zürich daraus lesen.

«Ich habe immer schon ein Buch schreiben wollen», sagt Marcel Fantoni und legt stolz seine Hand auf das fertige Werk. 450 Seiten sind es geworden. Im Rahmen eines Projekts der Edition Unik, welche Menschen bei der Aufzeichnung ihrer Lebenserinnerungen unterstützt, machte er sich an die Arbeit. Es sollte ein Brief an seine Mutter werden, die er, erst fünf Monate alt, durch einen tragischen Unfall verlor.

Fantoni in seiner Kindheit.

Fantoni in seiner Kindheit.

«Tag für Tag sass ich vor meinem Computer, vor mir das Hochzeitsbild meiner Eltern, und beschrieb meiner Mutter, was ich während 64 Jahren alles erlebt habe. Ich fragte mich, welchen Weg mein Leben wohl genommen hätte, wäre meine Mutter nicht so früh verstorben.» Bei der Vorbereitung zur Lesung vom Sonntag hat er sich zum ersten Mal laut zu seiner Mutter sprechen hören. «Das hat mich emotional unglaublich mitgenommen», sagt Fantoni.

Stärke im Glauben gefunden

«Jede Phase in meinem Leben hat mir etwas Gutes gegeben.» Marcel Fantoni beschreibt seine Kindheit und Jugend als Zeit der Traurigkeit, des Aufbegehrens, der Unzufriedenheit mit der Schule. Ein Halt war ihm seine Grossmutter im Wallis, die ihn stark religiös prägte. «Dank ihr habe ich immer an unseren Herrgott geglaubt und in der Bibel meine Stärke gefunden. Wenn ich nach einem Besuch bei ihr wieder heimmusste, habe ich von Brig bis auf die andere Seite des Lötschbergtunnels geweint», erinnert sich der Dietiker, der in Winterthur aufwuchs. Als Jugendlicher begann er eine Lehre als Luftverkehrsangestellter bei der Swissair. 10 Jahre blieb er der Firma treu. «Bei der Swissair war ich überglücklich, auch wenn sie mich nicht als Piloten wollten. Ich konnte die ganze Welt bereisen.»

Seine Reisen haben Marcel Fantoni aber auch immer wieder an Orte geführt, an denen er sah, wie die Welt von heute auf morgen zusammenbrechen kann. «Ich war in Zypern, als die Insel noch ungeteilt war. Ich reiste mit Touristen nach Dubrovnik, Mostar, Sarajevo. Und dann habe ich gesehen, wie wenig es braucht, bis die Menschen aufeinander losgehen.»

Nicht zuletzt diese Erfahrung hat ihn dazu motiviert, eine Karriere als Berufssoldat anzugehen. Und seine Karriere war rasch und steil. «Ich war noch keine 45 und bereits der jüngste Brigadier und Einsterngeneral», erzählt Fantoni. Acht Jahre lang war er Kommandant der Generalstabsschule in Kriens, absolvierte auch 18 Monate lang einen Auslandseinsatz in Namibia. «Ich hatte faszinierende Aufgaben und habe immer gerne Menschen geführt und gemeinsam mit ihnen Ziele erreicht.» Der Mensch habe für ihn immer im Zentrum gestanden, nicht der blinde Gehorsam, sagt er.

Lebenskrise vor Pensionierung

Im Rückblick würde er in seinem Leben nichts anders machen wollen. Immer hat er sich auch neben seinem Beruf engagiert: als Gemeinderat im Dietiker Parlament, als Kirchenpfleger, als Zunftmeister der Stadtzunft Zürich. Dass er am Ende seiner Armeekarriere trotz gegenteiliger Zusagen nicht befördert wurde sowie das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, stürzte ihn kurz vor der Pensionierung in eine tiefe Lebenskrise. «Ich fühlte mich wie eine leere PET-Flasche, die keiner mehr will. Ich fuhr jeden Tag zur Arbeit, aber es spielte eigentlich keine Rolle, ob ich arbeitete oder nicht.»

Treffen mit schwedischem Königspaar.

Treffen mit schwedischem Königspaar.

Heute weiss er, dass Depression eine Krankheit ist wie jede andere und dass man sie zwar nicht überwinden, aber lernen kann, mit ihr umzugehen. Dieses Wissen gibt er Menschen weiter, die sich bei ihm Rat holen. Vor vier Jahren hat er seine Firma «Rent a General» gegründet und bietet sich an als Lebensbegleiter, Rhetorikcoach und Krisenmanager. «Ich begleite Menschen mit Depressionen auf langen Spaziergängen und höre ihnen zu», erzählt Fantoni. «Ich möchte ihnen sagen: Auch mit Depressionen kann das Leben weitergehen. Ich ermuntere sie, sich professionelle Hilfe zu holen. Es ist eine grosse Tragik, wenn Menschen keine andere Lösung mehr sehen, als sich vor den Zug zu werfen.»

Geplatzter Traum hat ihn geprägt

Marcel Fantoni wird ein zweites Buch schreiben. Über seine vierte Lebensphase, die er jetzt begonnen hat. «Ich arbeite an meinem Glück», sagt er. Sein Vater habe immer davon geträumt, mit 60 die Arbeit als Bauleiter und Polier an den Nagel zu hängen. Dann wolle er sich Pinguine anschauen, habe er gesagt. Kurz vor 60 erlitt er einen schweren Arbeitsunfall. Sein Traum hat sich nicht erfüllt. «Das hat mich geprägt», sagt Fantoni.

Er will nie Golf spielen lernen, keine Seniorenwanderungen mitmachen und keine Ämter mehr annehmen, auch wenn er immer wieder angefragt wird. «Ich habe genug für die Gesellschaft geleistet.» Der Ex-Brigadier, der seit 1993 mit seiner Familie in Dietikon lebt, will mehr Zeit mit seiner Frau verbringen, mit seinen Kindern. Er will seine Hobbys pflegen, seinen Freundeskreis. Er möchte Zeit haben für sein Pferd. Er will im Hier und Jetzt leben. Und mit einem Schmunzeln fügt er an: «Ich habe gemerkt, dass man auch im Bügeln und Putzen eine grosse Zufriedenheit finden kann.»