Jugendförderung
Schweizer Jugendbewegungen: Vom Kampf zum Kommerz

Die Forderung nach freien Räumen sei noch immer aktuell, sagt Dietiker SP-Kantonsrat Rolf Steiner. Trotzdem sind die Jugendbewegungen nicht mehr vergleichbar mit jenen der 1970er Jahre.

David Hunziker
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Jugendförderung
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Das Zürcher Jugendhaus um 1980
Der «Schweizerischer Bund für alkoholfreie Jugendwanderungen», auch genannt «Wandervogel», eine Jugendbewegung, die von 1907 bis 1955 aktiv war.

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Herr Steiner, Sie haben langjährige Erfahrung in der Jugendförderung. Welches sind die grössten Veränderungen, die Sie miterlebt haben?

Rolf Steiner: Es hat vor allem eine starke Professionalisierung stattgefunden. In den 1970er-Jahren hat man damit begonnen, professionelle Jugendarbeiter auszubilden. Mittlerweile sind Jugendarbeiterstellen in den meisten Gemeinden und Kirchgemeinden üblich. Ich habe diese Entwicklung auch in meiner Funktion als Bundesführer der Pfadi miterlebt. Dort haben wir ein Handbuch für die Pfadi-Sektionen herausgegeben. Weil ehrenamtliche Mitarbeiter ihre Beiträge oft nicht zeitgerecht lieferten, hat das sechs Jahre gedauert.

Der Jugendförderer Der Dietiker SP-Kantonsrat Rolf Steiner hat sich in seiner langjährigen politischen Arbeit in verschiedenen Ämtern für die Jugendförderung eingesetzt: so etwa als Bundesführer der Pfadi sowie als Präsident der Vereinigung Ferien und Freizeit (VFF). Die VFF ist die Vorgängerorganisation von «okaj zürich», die in diesem Jahr 90 Jahre Jugendförderung im Kanton Zürich feiert. Am vergangenen Wochenende schloss «okaj zürich» das Jubiläumsjahr mit einem Fest im Zürcher Klub Dynamo ab.

Der Jugendförderer Der Dietiker SP-Kantonsrat Rolf Steiner hat sich in seiner langjährigen politischen Arbeit in verschiedenen Ämtern für die Jugendförderung eingesetzt: so etwa als Bundesführer der Pfadi sowie als Präsident der Vereinigung Ferien und Freizeit (VFF). Die VFF ist die Vorgängerorganisation von «okaj zürich», die in diesem Jahr 90 Jahre Jugendförderung im Kanton Zürich feiert. Am vergangenen Wochenende schloss «okaj zürich» das Jubiläumsjahr mit einem Fest im Zürcher Klub Dynamo ab.

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Wann ist ehrenamtliche Arbeit problematisch?

An ehrenamtliche Mitarbeiter kann man schlecht Forderungen stellen. Wenn man also eine gewisse Effizienz erreichen will, muss man die Mitarbeiter entlöhnen. Was hinzukommt: Die Leute haben heute neben der Arbeit immer weniger Zeit, ehrenamtlichen Tätigkeiten nachzugehen.

Was sind weitere Vor- und Nachteile dieser Professionalisierung?

Es steht heute mehr Geld für die Jugendarbeit zur Verfügung und ihre Qualität ist sicher gestiegen. Damit wächst jedoch auch die Abhängigkeit von Geldgebern.

Was wird durch diese Qualität ermöglicht, was früher nicht möglich war?

Vor allem die Anpassung an schwierigere gesellschaftliche Bedingungen. Zum einen sind das die vielen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, zum andern die starke Kommerzialisierung von Freizeitangeboten für Jugendliche. Es braucht heute viel mehr verschiedene, fast massgeschneiderte Angebote.

Seit der Technoszene Anfang der 1990er-Jahre gab es keine grosse Jugendbewegung mehr. Stellen die Jungen keine Forderungen mehr?

Ja, ein grosser «Chlapf» ist seither tatsächlich ausgeblieben. Bei den grossen Jugendbewegungen von 1968 und 1980 stand neben anderen Themen immer die Forderung nach selbstverwalteten Räumen im Mittelpunkt. Über diese wurde übrigens schon viel früher diskutiert: Die Vereinigung Ferien und Freizeit (VFF) hat sich schon in den 1930er-Jahren für einen Jugendraum in Zürich eingesetzt. Es gibt heute zwar viele Orte, wo sich Jugendliche treffen können, doch die Situation liesse sich auf jeden Fall noch verbessern.

Wie?

In Dietikon zum Beispiel werden die Jugendlichen von Ort zu Ort geschoben, immer dorthin, wo eine Liegenschaft gerade nicht gebraucht wird. Besser wäre eine handfeste, längerfristige Lösung. Generell ist aber zu beobachten, dass die bürgerlichen Parteien nicht bereit sind, mehr Geld für die Jugendförderung zu sprechen. Im Kanton hat sich das kürzlich etwa am hauchdünnen Ja für das Jugendparlament gezeigt.

Wie haben Sie selber die grossen Jugendkrawalle miterlebt?

1968 war ich selber noch ein Jugendlicher. Ich kann mich an eine Szene erinnern, als ich mit zwei Schulkollegen die «Autonome Republik Bunker» in Zürich besucht habe. Da lagen dann all diese Leute auf Matratzen herum und pafften irgendwelche Kräuter. Das hat uns nicht besonders zugesagt. Aber natürlich war 1968 als Reaktion auf den Kalten Krieg und die gesellschaftliche Enge in der Schweiz enorm wichtig.

Und 1980?

Damals war ich schon fast 30 Jahre alt und selber schon professionell in der Jugendförderung aktiv. Damals ist mir aufgefallen, dass Leute aus der professionalisierten Jugendarbeit sich mit den protestierenden Jugendlichen solidarisiert haben und ihr Know-how eingesetzt haben, um sie zu unterstützen. Zum Beispiel beim Kampf um das Autonome Jugendzentrum.

Wie haben sich 1968 und 1980 aus Ihrer Perspektive unterschieden?

Beides waren Ausbrüche, auf die der Staat lieber verzichtet hätte (lacht). 80 war weniger studentisch geprägt. Etwas, was mir 80 ausserdem aufgefallen ist: Die Behörden haben bewusst versucht, verschiedene Gruppen von Jugendlichen, die «Konstruktiven» und die «Destruktiven», gegeneinander auszuspielen. Doch die Übergänge waren fliessend.