Sonntagsgespräch
Schweizer coacht Russlands Curlingteam – «Ich habe Putins Händedruck verpasst»

Im Sommer 2012 liess sich Thomas Lips auf ein Experiment mit ungewissem Ausgang ein. Er kündigte seinen Job bei einer Bank und wurde Frauen-Nationalcoach von Russlands Curlerinnen. Seine Mission: Eine olympische Medaille in Sotschi.

Andreas Fretz
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Thomas Lips und das russische Frauen-Nationalteam mit Skip Anna Sidorowa (3.v.r.) während eines Trainingslagers im aargauischen Baden. Alexander Wagner

Thomas Lips und das russische Frauen-Nationalteam mit Skip Anna Sidorowa (3.v.r.) während eines Trainingslagers im aargauischen Baden. Alexander Wagner

Thomas Lips, was für Olympische Winterspiele erwarten uns in Sotschi?

Thomas Lips: Es werden grossartige Spiele, davon bin ich überzeugt. Die Stadien sind fertig, der Verkehr wird rollen. Ich habe überhaupt keine Bedenken. Alles wird reibungslos über die Bühne gehen. Wenn Präsident Putin etwas will, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt. Ein Beispiel: Vor einer Woche fand mitten auf dem Roten Platz ein Curling-Turnier statt. Das war unglaublich und verrückt.

Haben Sie Wladimir Putin schon persönlich kennen gelernt?

Nein, aber ich hätte die Möglichkeit dazu gehabt.

Der Erfolgstrainer

Am 15. Juli 2012 stieg der Urdorfer Thomas Lips in den Flieger nach Sotschi, um sein Amt als Frauen-Nationaltrainer Russlands anzutreten. «Bei Misserfolg lande ich in Sibirien», sagte er damals mit einem Lachen. Doch Misserfolg scheint ein Fremdwort im Vokabular des bald 44-Jährigen. Als Spieler holte er 1991 EM-Bronze und 2006 EM-Gold. Als Coach ist das Mitglied des Curling Clubs Limmattal noch erfolgreicher. Das Basler Team von Ralph Stöckli und Markus Eggler führte er in der Saison 2009/10 zu Olympia-Bronze (in Vancouver) und EM-Silber. Mit Skip Mirjam Ott und den Limmattalerinnen Carmen Schäfer, Janine Greiner und Alina Pätz wurde Lips 2012 Weltmeister. Es war der erste WM-Titel für das Schweizer Frauencurling seit 29 Jahren. Danach kündigte Lips seinen Job als Kundenberater bei einer Bank und wurde vollamtlicher Frauen-Nationalcoach Russlands. Mit Skip Anna Sidorowa wurde er Europameister und gewann die Universiade. Der zweifache Limmattaler Sportler des Jahres begann 1977 Curling zu spielen. Lips ist kinderlos verheiratet. (afr)

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Nach der Universiade (Weltsportspiele der Studenten; Anm. d. Red.) wurden alle Goldgewinner von Präsident Putin eingeladen. Leider fand das Treffen am 25. Dezember statt. Die Russen feiern keine Weihnachten. Ich habe es vorgezogen, die Feiertage in der Heimat zu verbringen. Ich habe seinen Händedruck also verpasst.

Bereuen Sie das?

Nein. Vielleicht ergibt sich nach den Olympischen Spielen erneut die Möglichkeit. Putin soll sich sehr viel Zeit für die Sportler genommen haben. Offiziell dauerte die Feier 45 Minuten, es wurden aber zwei Stunden daraus. Putin war sehr nahbar, hat mit den Siegern angestossen. Unser Skip Anna Sidorowa durfte sogar eine Rede halten.

Wie sind Sie eigentlich in Russland gelandet?

Auf der Homepage des russischen Curling Verbandes sah ich Anfang Mai 2012, dass Gespräche mit Trainern stattfinden. Ich schrieb dem Verbands-Präsidenten ein Mail und fragte, ob die Trainersuche abgeschlossen sei. Darauf wurde ich gefragt, ob ich interessiert sei und wie ich das Team einschätze. Ich habe dem Präsidenten eine Präsentation zukommen lassen mit meinen Vorstellungen bis 2014, wurde nach Moskau eingeladen und erhielt den Zuschlag. Ich denke, mein Palmarès gab den Ausschlag.

Offenbar zu Recht: Knapp fünf Monate später wurden Sie mit den Russinnen Europameister.

Das war wichtig für mich, um in Ruhe weiterarbeiten zu können. Dieser Erfolg hat dem Verband gezeigt, dass es richtig war, auf einen ausländischen Trainer zu setzen.

Aber zugleich wurde die Erwartungshaltung in die Höhe geschraubt.

Das ist sicher so. Aber es gab noch ein weiteres Problem: Nach dem EM-Titel habe ich Ludmila Privivkowa durch eine jüngere Spielerin ersetzt. Privivkowa wurde schon 2006 Europameisterin, sie ist die erfolgreichste russische Curlerin. Es ist schwer, in einem erfolgreichen Team Veränderungen durchzusetzen. Zudem war Privivkowa auch der Liebling der Medien. Ich musste den Entscheid sogar im russischen Staatsfernsehen begründen.

Sie haben sich durchgesetzt.

Ich bin stur und konsequent. Ich gehe nicht den einfachsten Weg, sondern mache das, was mir die Fakten und das Gefühl sagen. Der Verband und das Team standen hinter mir.

Wie ist die Zusammenarbeit mit einem russischen Team?

Es war ein Weg mit vielen Unbekannten. Aber wir haben den Rank gut gefunden. Es ist ein gegenseitiges Anpassen, besonders an die Mentalität. Mit Russen muss man anders umgehen. Russen fürchten sich vor Fehlern. Sie machen lieber nichts, als etwas falsch zu machen. Aber mit zwei Titeln in zwei Jahren haben wir wohl vieles richtig gemacht.

Nochmals zu den Erwartungen. Was ist das Ziel für Sotschi?

Die Russen erwarten immer eine Medaille, egal in welcher Sportart. Sogar im Ski alpin, wo sie eigentlich keine Chance haben. Der Sportminister spricht von Rang fünf im Medaillenspiegel, vor vier Jahren in Vancouver war Russland noch auf Rang elf. Im Curling erwartet der Verband von den Frauen eine Medaille.

Ist das realistisch?

Mein Ziel ist dasselbe. Wir sind nicht in Sotschi, um nur dabei zu sein. Aber um eine Medaille zu gewinnen, muss alles passen. Wir haben in dieser Saison Kanada und Schweden geschlagen, gegen Mirjam Ott haben wir drei von vier Spielen gewonnen. Ich glaube, das Frauencurling war noch nie so ausgeglichen wie derzeit. Wir können jeden schlagen, aber genauso kann jeder uns schlagen. Von der Papierform her wäre wohl Rang fünf oder sechs realistisch.

Der Traum wäre ein Final gegen die Schweizerinnen, mit denen Sie 2012 Weltmeister wurden?

Im Final würde ich jeden Gegner nehmen. Aber die Schweiz wäre der Wahnsinn, das Schönste. Weil dann beide Teams eine Medaille auf sicher hätten. Aber es ist ein weiter Weg dahin. Kanada oder Schottland werden bestimmt ihr Veto einlegen.

Der russische Verband wird Sie auf dem Weg zur Medaille mit allen möglichen Mitteln unterstützen.

Natürlich werden viele Wünsche erfüllt. Wir haben immer einen Arzt beim Team, wir haben Physios. Und wenn ich einen Psychologen will, dann bekomme ich einen Psychologen. Zuweilen ist es skurril: Zwei Wochen nach unserem Trainingslager in Baden verstarb unser Arzt im Alter von 68 Jahren. Umgehend wurde ein neuer rekrutiert. Das ging fast unverschämt schnell. Es war befremdlich, ist aber Teil des Geschäfts.

Unbegrenzte Mittel?

Überhaupt nicht. Das Geld wird nicht aus dem Fenster geworfen, wir leben nicht in Saus und Braus. Jeder Rubel muss begründet werden. Bis morgen Montag weilen wir elf Tage im Trainingslager in Flims. Für die Anreise vom Flughafen benutzten wir den öffentlichen Verkehr. Kein Taxi, kein Mietauto und schon gar nicht eine Limousine. Das Hotel hat vier Sterne. Das ist nicht billig, aber es sind keine fünf Sterne. Während der Spiele wohnen wir im olympischen Dorf. Immerhin komme ich in den Genuss eines Einzelzimmers. Das ist wohl der Heimvorteil.

Vor dem Abenteuer als Nationaltrainer der russischen Frauen waren sie Kundenberater bei einer Bank. Haben Sie den Schritt nie bereut.

Auch wenn nicht alles Gold ist, was glänzt: Es war das Beste, das mir passieren konnte. Ich konnte mein Hobby zum Beruf machen. In der Schweiz wäre das nicht möglich gewesen. Wichtig ist, dass meine Frau mich immer unterstützt hat. Ich spüre ihr Vertrauen. Auch wenn ich in den vergangenen eineinhalb Jahren viel in der Welt umhergereist bin, ist die Schweiz stets mein Lebensmittelpunkt geblieben.

Ende Februar läuft Ihr Vertrag als Nationalcoach aus. Was geschieht danach?

Mittlerweile bin ich bis Ende Mai angestellt. Im März bestreiten wir die WM, im April folgt das Masters der 15 besten Teams in Kanada. Nachher schauen wir weiter. Der Verband hat signalisiert, dass er an einer weiteren Zusammenarbeit interessiert ist.

Sind Sie das auch?

Russlands Curling ist interessant. Es gibt hier noch viel zu tun, nicht nur in der Nationalmannschaft. Aber ich bin vorsichtig mit Prognosen. Wie sieht die Verbandsspitze nach den Olympischen Spielen aus? Wenn es einen Wechsel gibt, kann es gut sein, dass man mich plötzlich nicht mehr kennt. Eine Medaille in Sotschi wäre sicher sehr hilfreich.

Können Sie sich vorstellen, wieder einen normalen Beruf auszuüben?

Es ist mein Wunsch, weiter im Curling tätig zu sein. Ich habe auch eine Anfrage für eine längerfristige Zusammenarbeit von einem anderen Verband. Aber momentan bevorzuge ich Russland.

Kommt die Anfrage aus der Schweiz? Es sind ja regionale und nationale Leistungszentren geplant.

Die Anfrage kommt nicht aus der Schweiz. Aber ich habe mich mit Naticoach Andreas Schwaller aus Oberengstringen ausgetauscht. In der Schweiz ist etwas am Entstehen. Ich verfolge die Entwicklung mit Interesse. Mit Ralph Stöckli hat ein ehemaliger Spitzencurler eine führende Funktion bei Swiss Olympic. Davon kann die Sportart profitieren. Meine Bedingung wäre allerdings, dass es ein 100-Prozent-Job ist.