Seit Anfang Schuljahr ist alles anders: Nadine Behrend, Primarschullehrerin im Schlieremer Schulhaus Hofacker, betreut ihre sechste Klasse hauptsächlich in enger Zusammenarbeit mit einem einzigen Kollegen. Als Team übernehmen sie im Regelunterricht auch Unterstützungs- und Fördermassnahmen für einzelne Schülerinnen und Schüler. Dazu kommt während einiger Stunden pro Woche die Handarbeitslehrerin.

Das war nicht immer so: Bis letzten Sommer war Behrend Hauptlehrerin einer fünften Primarklasse. Neben dem üblichen Unterricht koordinierte sie spezialisierte Lehrpersonen, die mit der Begabtenförderung, integrierten Förderung oder Lektionen in «Deutsch als Zweitsprache» betraut waren.

Dass ihre Klasse im Schulalltag nun fast nur noch von ihr und ihrem Kollegen betreut wird, begrüsst Behrend: «Bei diesem Teamteaching können wir viel besser auf die Kinder eingehen und den Entwicklungsstand der Einzelnen im Alltag besser berücksichtigen», sagt Behrend.

Eine von fünf Versuchsschulen

Grund für die Umstellung ist, dass das «Hofi» von der kantonalen Bildungsdirektion als eine von fünf Schuleinheiten für den Versuch «Fokus starke Lernbeziehungen» ausgewählt wurde. Dessen Ziel ist die Reduktion der an einer Klasse tätigen Lehrpersonen, indem Unterstützungs- und Fördermassnahmen in die Regelklasse umgelagert werden. Die Idee dahinter: dass eine grosse Anzahl Lehrpersonen an einer Klasse zu einer erhöhten Belastung der Schüler und Lehrpersonen führen kann.

Die Kinder seien bisher sehr zufrieden mit dem neuen System, sagt Behrend: «Ich weiss das, weil ich sie um ihre Meinung gefragt habe. Sie arbeiten gut und sind schnell auf meinen neuen Kollegen zugegangen.» Mit den Umstellungen im Unterricht sei das Zusammenspiel zwischen den Lehrern, die sich eine Klasse teilen, noch wichtiger geworden: «Man muss sich aufeinander einstellen, wie in einer Beziehung», so Behrend.

Auch Schulleiterin Verena Kocher erachtet die Reduktion der Lehrkräfte einer Klasse als Vorteil: «Dadurch sind weniger Absprachen zwischen Lehrpersonen nötig. Und Kinder müssen sich nur noch auf zwei Lehrpersonen sowie die Handarbeitslehrerin fokussieren.» Dies bringe mehr Ruhe in eine Klasse und erleichtere den Aufbau konstanter, nachhaltiger Beziehungen zwischen Schülern und Lehrern, so Kocher. Diese Ansicht teilt Behrend mit ihrer Schulleiterin. In der gegenwärtigen Anfangsphase seien zwar nach wie vor viele Absprachen nötig. «Auf längere Sicht wird sich dies aber sicher stark verbessern», sagt sie.

Doch können zwei Hauptlehrer das Know-how der vormals angestellten Profis im Bereich Unterstützung und Förderung ersetzen? Man habe sich intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt, sagt Kocher. Mit einer Heilpädagogin und einer ausgebildeten Lehrkraft für «Deutsch als Zweitsprache», die schon vor dem Versuchsbeginn im Hofacker arbeiteten, habe man eine Lösung gefunden: Die Schule hat ein Beratungszentrum geschaffen, das den Lehrkräften als Ansprechpartner für methodische Fragen und Fachthemen dient. «Dass uns dafür zwei Interne zur Verfügung stehen, die unsere Schule gut kennen, ist ein absoluter Glücksfall», so Kocher.

Bestnoten für den Versuch

Dazu werden die Lehrer in Kursen des Pädagogischen Praxiszentrums Uster für die neuen Aufgaben geschult. Der Kanton bezahlt die Weiterbildungen. Mit dem Schuljahr 2018/19 wird der Schulversuch der Bildungsdirektion enden. Insgesamt stellt Kocher dem Projekt Bestnoten aus: «Es ist das Beste, was uns passieren konnte.»