Oberengstringen
Schüler hängen die Uniformen an den Nagel

Alkoholsucht, sexuelle Belästigung, Modezwang: Sekundarschüler wagten sich im selbst erfundenen Theaterstück «Schuluniform? Nein Danke» an heikle Themen.

Ladina Trachsel
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Belohnter Aufwand: Die Schüler setzten das seit Herbst Gelernte und Erarbeitete gut um.

Belohnter Aufwand: Die Schüler setzten das seit Herbst Gelernte und Erarbeitete gut um.

Ladina Trachsel

Auf dem Stuhl steht eine Schülerin mit einem Strick um den Hals. «Ich bringe mich um. Das macht doch alles keinen Sinn», schreit sie ihre soeben eintretende Freundin an. Aufgrund des Leistungsdruckes und den hohen Erwartungen ihrer Eltern will sich Hanna (gespielt von Selina Hesse) erhängen. Im letzten Moment kann die Kollegin Hanna vor dem Selbstmord bewahren.

Dies ist eine der düstersten Szenen, welche die Zuschauer im voll besetzten Saal des Oberengstringer Schulhauses Allmend am Mittwochabend zu sehen bekommen. Doch nicht nur schwierige Themen wie Selbstmord oder Alkoholsucht setzen die Oberengstringer Sekundarschülerinnen und -schüler im Theaterstück «Schuluniform?

Nein Danke» um. Auch der Modezwang, Geldnöte oder sexuelle Belästigung durch Lehrer haben die Jugendlichen der Freizeitkursgruppe unter der Leitung der Mittelstufenlehrerin und Theaterpädagogin Franziska Kessler beschäftigt.

Entweder man hat Stil ...

Inspiration für das Stück sei der Song «Manhattan» des Zürcher Rappers Bligg gewesen, erklärt Kessler. In diesem geht es um Stil, den man laut dem Künstler entweder hat oder eben nicht. Dieses Lied stand am Anfang der gemeinsamen Themensuche in der Theatergruppe. «Es war der Startschuss für wochenlanges Improvisieren», sagt Kessler. So sei man auf die Schuluniformen gekommen, und dass diese den persönlichen Stil unterdrückten.

«Ich will mit den Jugendlichen nicht Shakespeare-Werke aufführen, sondern eigene Stücke entwickeln», sagt Kessler. Das Stück spielt in einem Mädcheninternat und besteht nicht aus einer Handlung im klassischen Sinne, sondern aus vielerlei unabhängigen Szenen.

Diese handeln etwa vom Shoppingwahn der Tussi-Mädchen, die die biederen Schuluniformen leid sind. In einer anderen Szene konfisziert der Sozialarbeiter Müller (gespielt von Andreas Leupi) die Handys der Schülerinnen: «Elektronische Geräte sind schlecht für die Bildung», sagt Müller, der wie auch andere Schüler eine auffällige Kopfbedeckung trägt – Zylinder, Melonen, Schirmmützen.

Sicher auf der Bühne

Bereits seit letztem Herbst proben die Schülerinnen und Schüler einmal wöchentlich auf der treppenartigen Bühne im Schulhaus Allmend. Die Stimmung sei meist angenehm gewesen, sagt Flavio Desa, der einen Lehrer spielt. Gegen Ende sei aber etwas Hektik aufgekommen.

«Die Proben haben Spass gemacht, der Aufwand hat sich gelohnt», sagt Patric Birchmeier, der den exzentrischen Modedesignlehrer Herr Versace spielt. Er habe sich dank der vielen Proben sicher gefühlt auf der Büh-
ne, sei nur ganz am Anfang etwas nervös gewesen. Auch Idil Dil, die die alkoholkranke Joanna verkörpert, teilt diese Meinung: «Es war ein schönes Gefühl, nach monatelangem Pro-
ben endlich vor Publikum aufzutreten.»

Lob von präsidialer Seite

Für die Aufführung war rund eine Stunde eingeplant, sie endet jedoch etwas früher. «Aus lauter Nervosität haben die Schüler zu schnell geredet und gespielt», so Kessler.

Unter den Gästen befindet sich auch der Oberengstringer Gemeindepräsident André Bender: «Das Stück hat mir gut gefallen», sagt er. Er finde es spannend, wenn Jugendliche Themen, die sie beschäftigen, in den jährlichen Theaterstücken verarbeiten. Gerade, weil es oft auch heikle Fragen seien.

Damit spricht Bender etwa sexuelle Belästigung von Schülerinnen durch Lehrpersonen an. Auch sei die oftmals aufreizende Kleidung von noch jungen Schülerinnen problematisch, sagt er. Das Ehepaar Brändli, die Grosseltern eines Schülers, sind begeistert: «Wir haben die Vorführung sehr genossen. Die Themen waren sehr aktuell und spannend.»

Die Zylinder, Melonen und Schirmmützen der Schüler dienten übrigens nicht nur der Kostümierung. In ihnen sammelte sich zum Schluss ein ansehnlicher Zustupf, der in ein gemeinsames Pizzaessen fliesst.