Weiningen
Schule im Ausnahme-Zustand: 110 Kinder besuchen die Erzählnacht

Etwa 110 Primarschulkinder und Kindergärtner, ein Drittel aller Kinder an der Primarschule Weiningen, kommen für einmal auch am Abend zur Schule. Zum ersten Mal findet die Erzählnacht, der grösste kulturelle Anlass der Schweiz, in Weiningen statt.

David Hunziker
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Erzählnacht im Limmattal
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Erzählnacht in Weiningen
An der Erzählnacht Weiningen gehts auch um die Wurst,
In Oberengstringen wurde die Erzählnacht mit dem Räbelichter-Umzug verknüpft
Erzählnacht Oberengstringen
Erzählnacht in der Bibliothek Oberengstringen
Die Errählnacht in Dietikon
Die Erzählnacht in Dietikon
Die Erzählnacht in Dietikon
Kaspar Loeb liest aus «Krabat» vor, und gebannt hören ihm Weininger Schüler an der Erzählnacht zu.

Erzählnacht im Limmattal

David Hunziker

Draussen ist es bereits stockdunkel, doch in der Primarschule Weiningen ist noch Betrieb. Kinderlachen und das Geräusch von Schritten hallt durch die Gänge. Bald schon stürmen Dutzende Primarschüler die Treppe hoch und versammeln sich in verschiedenen Klassenzimmern.

In Reihen geordnet und mit Kissen unter den Armen verteilen sie sich nun im ganzen Schulhaus. In verschiedenen Zimmern des Schulhauses Schlüechti und auch im Kindergarten Föhrewäldli werden die aufgeregten Kinder bereits erwartet.

Die Erzählnacht, die an diesem Freitag dem 13. unter dem Motto «Hexereien und schwarze Katzen» steht, kann beginnen.

Lesungen statt Turnerkränzchen

Etwa 110 Primarschulkinder und Kindergärtner, ein Drittel aller Kinder an der Primarschule Weiningen, kommen für einmal auch am Abend zur Schule. Zum ersten Mal findet die Erzählnacht, der grösste kulturelle Anlass der Schweiz, in Weiningen statt.

Dass dies möglich wurde, verdanken die Weininger Primarschüler einem glücklichen Umstand, wie Riccarda Mecklenburg, die den Anlass für das Elternforum Weiningen mitorganisierte, erzählt: An den Wochenenden im November finden in Weiningen normalerweise die Turnkränzchen statt.

Wegen des grossen Turnfests im Sommer fielen diese aber aus. «Wir freuen uns natürlich riesig, dass es nun mit der Erzählnacht geklappt hat», sagt Mecklenburg.

Die Bibliothek ist abgedunkelt, nur zwei Laternen spenden etwas Licht. Einige Kinder haben sich um Petra Düsel versammelt, die beginnt, die Geschichte der Hexe Lakritze vorzulesen. Als sie zum ersten Zauberspruch gelangt, hält sie inne.

«Nun nehmen wir alle eine Anti-Zauber-Pille, damit wir nicht verzaubert werden», sagt Düsel und reicht einen Sack mit Süssigkeiten herum. «Man kann doch gar nicht verzaubert werden, denn es gibt keine Hexen», ruft ein Junge ungläubig dazwischen. «Doch, doch», erwidert das Mädchen auf dem Kissen nebenan. Der Junge schweigt, als wäre er sich nicht mehr so sicher.

Grossandrang in Dietikon

Auch in Dietikon wird an diesem Freitagabend vorgelesen. Die Stadt- und Regionalbibliothek sei mit Anmeldungen für die Erzählnacht förmlich überrannt worden, sagt Agnes Matt, die Leiterin der Bibliothek.

«Wir organisieren die Erzählnacht schon seit einigen Jahren, und die Zahl der teilnehmenden Kinder ist in dieser Zeit jeweils leicht gestiegen bis auf 60 im letzten Jahr – nun waren es plötzlich 120.»

Dank organisatorischem Geschick habe aber alles «super funktioniert», so Matt. Auf den drei Stockwerken der Bibliothek konnten die Kinder Hexengeschichten hören sowie einen Zauberer und ein japanisches Koffertheater sehen.

um Schluss des Abends durften sich die Kinder sogar noch bei den ausgemusterten Büchern der Bibliothek bedienen.

Noch mehr? «Jaaa!»

Zurück in Weiningen. Die Kinder gehen von Raum zu Raum und hören jedes Mal eine andere Geschichte. Zum Vorlesen haben sich alle möglichen Personen aus dem Umkreis der Primarschule gemeldet: Lehrpersonen, Eltern oder Grosseltern.

Auch Riccarda Mecklenburgs Lebenspartner, Kaspar Loeb, hat sich zum Mitmachen bereit erklärt. In einem Zimmer im Keller des Schulhauses liest er Auszüge aus «Krabat», der Geschichte eines Müller-Lehrlings, der plötzlich erfährt, dass sein Lehrmeister auch Schwarze Magie unterrichtet.

Andächtig lauschen die Kinder der Erzählung, und als Loeb sie nach einer Weile fragt, ob sie noch etwas zuhören mögen, ertönt ein lautes «Jaaa» durch den Raum.

Der Eindruck ist an diesem Abend überall der gleiche: Die Weininger Primarschüler sind auf den Erzählnacht-Geschnack gekommen.

Und vielleicht auch auf den Lesegeschmack, denn die eine oder andere Geschichte wartet im Regal der Bibliothek noch darauf, zu Ende gelesen zu werden.