Eine Unterschrift für den Auftrag bleibt er Vicentini schuldig, ebenso wie das Geld, das der Unternehmer bis heute nicht erhalten hat. Doch noch ahnt Vicentini nichts vom Rechtsstreit, der folgen soll und zügelt S. R.s Inventar auch ohne schriftlichen Vertrag.

Ein Jahr später: Vom geschuldeten Geld hat Albert Vicentini noch keinen Rappen gesehen, trotz mehrerer Zahlungserinnerungen und Mahnungen. Wiederholt greift er zum Hörer. S.R. gibt sich ahnungslos, behauptet, die Rechnung längst bezahlt zu haben, gleichzeitig vertröstet er ihn mehrmals auf eine baldige Zahlung. Es kommt nichts. Im März 2012 reicht es Vicentini. Er reicht das Betreibungsbegehren ein, worauf S.R. umgehend den Rechtsvorschlag erhebt. Vicentinis Forderung wird ein Fall für die Schlichtungsbehörde.

Postquittung gefälscht

Das scheint S.R. wach zu rütteln: Er schickt Vicentini eine Kopie zweier Einzahlungsscheine, einer über 500 Franken und einer über 1900 Franken. Somit wäre zumindest ein Grossteil der über 3300 Franken, die er dem Unternehmen schuldet, getilgt. Am 29. Mai 2012 verspricht Vicentini auf dem Friedensrichteramt, die Betreibung nach Erhalt des Geldes zurückzuziehen.

Am 4. Juni gehen die ersten 500 Franken ein. Gut. Drei Tage später dann der Schock. Anstelle der 1900 Franken, die S.R. eingezahlt haben will, erreichen Vicentini knapp 190. Die zweite Null hat der Schuldner nachträglich eingetragen. Vicentini platzt der Kragen. Er sucht den Schlieremer Posten der Kantonspolizei auf, um Anzeige zu erstatten.

Doch die Polizei will von Vicentinis Anliegen nichts wissen, verweigert ihm die Strafanzeige. Es liege keine strafbare Handlung vor, eine Postquittung sei nicht notariell beglaubigt, deren Änderung keine Urkundenfälschung. Albert Vicentini fühlt sich vom Gesetzeshüter nicht ernst genommen. Er wendet sich an die mit dem Fall bereits betraute Friedensrichterin. Sie zeigt S.R. an seinem Wohnort an - mit Erfolg.

Schulden nur «Nebendelikt»

Die Staatsanwaltschaft gibt Vicentini Recht. Doch nicht nur ihm. Es stellt sich heraus: Der Vermögensberater S.R. hat ausserdem seinen Arbeitgeber, eine Versicherungsgesellschaft, um einen fünfstelligen Betrag betrogen, sich eine grobe Verletzung der Verkehrsregeln zuschulden kommen lassen und Arbeitslosengeld während einer Anstellung bezogen. Im «Nebendelikt» Vicentini wird er des Betrugs, der Urkundenfälschung und des Erschleichens einer Falschbeurkundung schuldig gesprochen.

Ende gut, alles gut? Von wegen. Denn S.R. ist zahlungsunfähig. Vicentini macht sich keine grossen Hoffnungen mehr, etwas zurückzubekommen, selbst wenn der ehemalige Kunde wieder zu Geld kommt. «Zuerst kommen die Versicherungen und die öffentlichen Geprellten an die Reihe. Das Gewerbe steht ganz hinten an», sagt er desillusioniert.

Ähnlich tönt es beim Gewerbeverein Schlieren. «Die Zahlungsmoral hat allgemein abgenommen», sagt Co-Präsident Thomas Landis. «Doch das ist unser täglich Brot. Viel machen können wir dagegen nicht, ausser unsere Mitglieder zu ermahnen, von unbekannten Kunden Vorkasse oder Akonto zu verlangen.» Aufgeben, das will Vicentini nicht.

Ihm geht es längst nicht mehr nur ums Geld. «Dass sich einer wie S.R. ungestraft durchs Leben lügt, beleidigt mich persönlich», sagt er. «Der Schuldner wird durch das Gesetz besser geschützt als der Gläubiger.»

Beweise nötig

Schützt das Gesetz die Schuldner? Nein, sagt Eliane Graf, Friedensrichterin in Schlieren. Wer seine Forderung plausibel erkläre und vorzugsweise auch belegen könne, habe gute Chancen auf einen gutheissenden Entscheid. Es könne zwar vorkommen, dass ein wenig rechtskundiger Kläger keine oder zu wenig Beweise vorlegen kann, so Graf.

Wenn Aussage gegen Aussage steht, kann manchmal auch eine Friedensrichterin nicht viel ausrichten: «Wer keinen Vertrag oder keine Zeugen vorweisen kann, hat Pech gehabt.» Die Schlichtungsbehörde macht das Gesetz nicht, sie setzt es lediglich um. «Grundsätzlich gilt, was im Obligationenrecht steht.»

Drittel der Fälle: Geldforderungen

Bei den meisten Geldforderungen aus dem konsumentenrechtlichen Bereich - und diese machen rund ein Drittel der im Schlieremer Friedensrichteramt behandelten Forderungsklagen aus - seien jedoch beide Parteien an einer effizienten Erledigung der Querele interessiert.

Die Erledigungsquote liegt denn auch bei 60 bis 80 Prozent. Laut Graf kein Wunder: «Der Gang ans Gericht kostet Zeit und Geld. Und: Dort geht es dann wirklich nur noch streng nach dem Gesetz, während wir versuchen, zwischen den Parteien bestmöglich zu vermitteln.» Deshalb lohne es sich in jedem Fall, zuerst die Schlichtungsbehörde aufzusuchen.

Doch was tun, wenn auch das nicht zur Zahlung führt? «Es gibt schon einzelne Schuldner, die es auf einen Weiterzug ans Gericht ankommen lassen, in der Hoffnung, dass dies dem Kläger zu umständlich ist, und er auf die Forderung verzichtet», so Graf.

Doch «wenn eine Forderung plausibel scheint und gut belegt ist, empfehlen wir, an das Gericht weiter zu ziehen.» Ebenso würden Kläger und Beklagte aber auch darauf hingewiesen, wenn eine Forderung vor Gericht schlechte Chancen hätte.