Gelbliches Licht strömt durch zahlreiche Vertiefungen einer weissen Wand. Sie schmückt das Entree von Fabian Hedigers Haus in Weiningen. Wer genauer hinsieht, bemerkt, dass die Löcher die Blindenschrift darstellen. «Das bedeutet ‹Smells Like Teen Spirit›. Das behauptet zumindest der Architekt», sagt Fabian Hediger und lacht.

Er hat ein Faible für Rock- und Metal-Musik. Kein Wunder also, dass der bekannteste Songtitel der Grunge-Band Nirvana einen Platz im Haus des 48-Jährigen hat. Gleichzeitig dient er Hediger als Leitspruch: «Man soll sich seinen jugendlichen Geist bewahren», findet er.

Im Gespräch mit dem Gründer des Worldwebforum, der wichtigsten Digital-Konferenz der Schweiz, geht es aber nicht nur um jugendlichen Enthusiasmus, sondern auch um unternehmerischen Mut.

Fabian Hediger, nächste Woche geht das siebte Worldwebforum in der Eventhalle «Stage One» in Oerlikon über die Bühne. Sie erwarten rund 1500 Gäste und über 100 Rednerinnen und Redner. Sind Sie aufgeregt?

Fabian Hediger: Ja, das bin ich, denn die Verantwortung ist gross. Unsere Redner, Gäste und Partner kommen aus aller Welt. Darunter sind Top-Manager, Forscher, Politiker, Stars und Kleinunternehmer. Vor allem sind es aber Gäste, die Zeit und Geld aufwenden, damit sie dabei sein können.

Deshalb geben wir uns Mühe, dass alles reibungslos funktioniert. Am Anlass selbst wird an Apéros und Dinners zwischendurch aber auch Party-Feeling aufkommen. Darauf freue ich mich.

2007, als der Anlass zum ersten Mal durchgeführt wurde, sah der Rahmen etwas bescheidener aus.

Allerdings. Damals hiess die Veranstaltung User-Group und zielte darauf ab, Leuten eine Software näher zu bringen, mit der sie ihre Arbeitsweise digital managen können. Es war sozusagen ein Werbeevent unserer IT-Firma Beecom. 15 Leute nahmen daran teil. Weil es gut ankam, haben wir weitergemacht. Am Anfang brauchten wir keine Mikrofone. Als die Gäste in der hintersten Reihe die Referenten nicht mehr hören konnten, mussten wir auf Veranstaltungstechnik setzen.

Irgendwann einmal klopfte das Schweizer Fernsehen an und fragte, ob es den Event übertragen kann. Das erforderte wieder technische Aufrüstung. Grössere Bildschirme kamen hinzu. So hat sich der Anlass nach und nach zum heutigen Worldwebforum entwickelt.

Eine richtige Erfolgsgeschichte also. Heute steht aber ein anderes Ziel im Vordergrund.

Genau. Es geht darum, Vordenkerinnen und Vordenker sowie Firmengründer aus der ganzen Welt in Zürich zusammenzubringen. Sie sollen sich an der zweitägigen Konferenz austauschen können. Deshalb werden nicht nur Reden gehalten, sondern es gibt auch Workshops. Erfolgreiche Unternehmer sollen ihr Wissen weitergeben und vor allem die Führungsriege in der Schweiz und Europa inspirieren. Es gibt einiges nachzuholen.

Inwiefern sind Firmengründerinnen und -gründer aus dem Silicon Valley, aus Shenzhen in China oder anderen Orten der Welt solchen aus der Schweiz einen Schritt voraus?

Sie haben mehr Spielraum und investieren in neue Technologien. Und auch die Einstellung spielt eine entscheidende Rolle. Sie sind risikofreudig, offen und mutig.

Sind das die Unternehmerinnen und Unternehmer in der Schweiz nicht?

Viel zu wenig. Zudem denkt man nicht weitsichtig genug. Jahrelang haben weisse, grau melierte Männer ab 60 mit ihren kurzfristigen Entscheidungen die schweizerische und europäische Wirtschaft ins Abseits befördert. Statt aggressiv in neue Technologien zu investieren, haben sie das Geld weiterhin für Bestehendes wie Marketing und Design ausgegeben. Das ergibt kurzfristig Gewinn und Boni.

Es ist jedoch ein Auslaufmodell und eine Zumutung für die kommenden Generationen. Denn ihrer Zukunft ist mit dieser Strategie nicht geholfen. Diese Manager stehen stellvertretend für die engstirnige Denkweise, die das Unternehmertum nicht weiterbringt.

Zu Hause in Weiningen: Der 48-jährige Fabian Hediger lebt mit seiner Familie seit acht Jahren im Rebbaudorf und erlebt die Gemeinde als wenig ländlich, sondern fast schon als städtisch.

Was wäre denn dienlich füreine moderne und florierende Wirtschaft?

Eine andere Mentalität. Weniger Widerstand gegenüber Neuem. Das Problem sieht man bereits in der Schule. Man ist eher daran interessiert, brave Buchhalter auszubilden, statt junge Leute dazu zu ermutigen, sich selbstständig zu machen. Eigentlich sollte es das Ziel sein, dass jeder zweite Kanti- oder Sekabgänger Unternehmer wird.

Schauen Sie sich das Silicon Valley in den USA an. Dort gibt es über 130 Start-ups, die einen Marktwert von über einer Milliarde Dollar haben. In China sind es 60 und in der Schweiz nicht mal eine Handvoll.

Dabei hätte die Schweiz alle Voraussetzungen, um möglichst viele Start-ups und Jungunternehmerinnen und -unternehmer hervorzubringen.

Das stimmt. Die Infrastruktur, das Geld, die Technologie, die Ausbildungsstätten, das Wissen, der Marktzugang und das sichere politische Umfeld sind gegeben. Es gibt also keine Ausrede. Manchmal kommen mir die jungen Leute wie bekifft vor. Wir müssen sie von dieser Lethargie und dieser Obrigkeitsgläubigkeit befreien. Es schlummert so viel in ihnen.

Das ist auch einer der Gründe, weshalb Sie das Worldwebforum veranstalten.

Genau. Ich denke dabei an die kommenden Generationen, speziell auch an meine beiden Kinder. Sie sollen in einem Umfeld aufwachsen, wo das möglich ist. Wir wollen die wichtigste Plattform für die neue Generation werden und dafür sorgen, dass es ihr genauso gut geht wie unserer.

Auch dieses Jahr haben Sie und Ihr Team wieder namhafte Rednerinnen und Redner verpflichten können. Darunter etwa Bill Wyman, ehemaliger Bassist und Mitbegründer der Rolling Stones, oder James Monsees, Mitbegründer des E-Zigaretten-Unternehmens
Juul. Wie schaffen Sie das?

Ein Geheimnis gibt es nicht, es funktioniert alles über Empfehlungen. Atlassian, einer unserer Partner, dessen Softwaresystem wir in der Schweiz vertreiben, hat seinen Standort im Silicon Valley. Viele ehemalige Mitarbeiter von Atlassian, die wir persönlich kennen, sind mittlerweile für Firmen wie Google, Amazon oder Apple tätig. So wuchs unser Netzwerk.

2014 wurden wir angefragt, ob wir Interesse hätten, dass Apple-Mitbegründer Steve Wozniak am Worldwebforum spricht. Er war unser erster bekannter Redner.

Bundespräsident Ueli Maurer wird ebenso eine Rede halten. Er steht wohl eher für Tradition statt Innovation. Nichtsdestotrotz ist es für Sie wichtig, dass er dabei ist.

Genau. Bundesrat Johann Schneider-Ammann ist schon zweimal bei uns aufgetreten. Doch ein amtierender Bundespräsident noch nie. Wir schätzen es sehr, dass Ueli Maurer zu uns kommt.

Es ist ein Signal für ältere und konservative Personen, dass das, was am Worldwebforum besprochen wird, von Interesse ist. Wir erhalten so mehr Aufmerksamkeit. Zudem ist es auch in unserem Sinn, eine Plattform zu sein, an der verschiedene Meinungen aufeinandertreffen.

Die Teilnahme an der zweitägigen Konferenz ist nicht gerade billig. Für ein Ticket zahlt man 1880 Franken. Wie rechtfertigen Sie den Preis?

Uns geht es nicht darum, mit dem Event Geld zu verdienen. Wir wollen einfach unsere Kosten decken und diese steigen, je grösser und bekannter das Worldwebforum wird. Nichts ist teurer als schnelles Wachstum. Das weiss jeder Ökonom. Wir fliegen die Redner ein. Technik, Sicherheit, Verpflegung und Unterkunft: Das alles kostet. Zum Glück werden wir von zahlreichen Partnerfirmen und Freunden seit Jahren unterstützt.

Das Thema des diesjährigen Worldwebforum heisst «Master or Servant?», zu Deutsch «Meister oder Diener?» Was muss man sich darunter vorstellen?

Diese Frage ist beim letzten Worldwebforum aufgeworfen worden und die soll diskutiert werden. Es geht um den Paradigmenwechsel, um die Umschichtungen der Machtstrukturen. Heutzutage werden erfolgreiche Firmen wie Google oder Amazon von ehemaligen Montessori-Schülern und alten Hippies geleitet. Das passt nicht ins althergebrachte obrigkeitstreue europäische Establishment.

Ich glaube jeder, den man fragt, hat eine klare Antwort auf die Frage «Master or Servant?» parat. Diese sieht aber oftmals anders aus. Die Chinesen sind sich sicher, dass China der neue Master ist. US-Amerikaner sagen «America first».

Technologen sind der Meinung, dass künstliche Intelligenz die Oberhand hat. In Frankreich wird unter den Gilets jaunes der Präsident zum Servant oder gar zum Loser.

Sie selbst waren im Jahr 2000 innovativ und mutig und haben mit zwei Studienkollegen die IT-Firma Beecom gegründet. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich habe als Sechstklässler mit Freunden meine erste Party organisiert. Es blieb etwas Geld übrig und so haben wir das immer wieder gemacht. Ich habe mir so mein Studium an der Hochschule St. Gallen finanziert. Es hat mir gefallen, selbst etwas zu organisieren und zu managen.

Als sich dann um die Jahrtausendwende immer mehr abzeichnete, dass sich das Internet durchsetzen wird, haben ich und meine beiden Kollegen gesagt jetzt oder nie und voll auf die Digitalisierung gesetzt. Den Mut, diesen Schritt zu wagen, habe ich wohl auch gehabt, weil ich als Kind sehr oft umgezogen bin.

Ich habe jedes Mal einen totalen Weltuntergang erlebt, musste mein Umfeld und meine Freunde verlassen und wieder neu anfangen. Wenn man das bereits fünf Mal gemacht hat, weiss man, dass der Neubeginn funktioniert.

Umgezogen sind Sie nun schon länger nicht mehr. Sie leben seit acht Jahren mit Ihrer Familie in Weiningen. Wäre für den Gründer des Worldwebforum eine etwas urbanere Gegend wie Zürich nicht passender als Wohnort?

Weiningen ist geradezu städtisch im Vergleich zu Buechibärg in Solothurn, wo ich aufgewachsen bin. Dort geht man wirklich nur zu einer Beerdigung hin. Das Limmattal ist für mich nicht ländlich. Es hat ein hohes Verkehrsaufkommen auf der Strasse und in der Luft. Ich bin in 20 Minuten mit dem Velo mitten in der Stadt Zürich. Das Gebiet macht weit über einen Drittel des Bruttosozialproduktes der Schweiz aus. Es ist ein super Ort zum Wohnen.

Das Jobangebot ist nirgends so gross wie hier. Der Vorteil an Weiningen ist das Dorfleben, vor allem für die Kinder. Vorher haben wir im Kreis 5 gelebt. Im Limmattal fühlt es sich nicht viel anders an. Man hat die Limmat und das Tram kommt ja auch bald.