Stadtentwicklung
Schönes neues Limmattal? – Auf der Suche nach den Perlen der Neubauquartiere

In den vergangenen zehn Jahren ist in der Region Monumentales entstanden. Ganze neue Stadtteile schossen aus dem Boden – aber sind sie auch etwas fürs Auge?

Sophie Rüesch
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Immobilien im Limmattal
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Immobilien im Limmattal

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Das Viereck dominiert das Gesicht des neuen Limmattals, es gibt kaum einen Weg darum herum, hier, in den Neubaugebieten Schlierens und Dietikons, wo das Prinzip der Verdichtung zusehends Realität wird.

«Kleinkariert», entfährt es unserem fotografierenden Begleiter, als wir an der Fassade des Schlieremer Goldschlägi-Hochhauses emporblicken.

Der Fachmann, Architekturkritiker Caspar Schärer, widerspricht ihm nicht. Der «Super-Ökoturm», wie er ihn nennt, habe eine Fassade in einer wenig inspirierenden Farbe und stehe mit zu wuchtigen Pfeilern am Boden.

In ihm weckt das 2013 eingeweiht Gebäude Erinnerungen an Plattenbausiedlungen – «nicht gerade anregend.»

Fragt man die Kollegen auf der Redaktion, tönt es gänzlich anders. Von einer eleganten Schlichtheit ist hier die Rede, von einem Gebäude, das nicht krampfhaft das Originelle suche und trotzdem, nicht nur seiner Höhe wegen, aus der Masse heraussteche.

Die diametral entgegengesetzten Gefühle, die der Anblick des Goldschlägi-Hochhauses hervorruft, zeigen, dass auf die alte Binsenwahrheit Verlass ist: Schönheit liegt, zumindest zu einem grossen Teil, im Auge des Betrachters.

„Caspar Schärer befasst sich schon lange mit der städtebaulichen Entwicklung im Limmattal. Mit uns unternahm er einen Architektur-Rundgang durch die Neubaugebiete Schlierens und Dietikons.

„Caspar Schärer befasst sich schon lange mit der städtebaulichen Entwicklung im Limmattal. Mit uns unternahm er einen Architektur-Rundgang durch die Neubaugebiete Schlierens und Dietikons.

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Nun, da die neuen Quartiere in Schlieren und Dietikon allmählich ihren Weg von der Visualisierung in die Wirklichkeit geschafft haben, lohnt es sich dennoch, einmal innezuhalten, in die Häuserschluchten und den Himmel zu schauen und sich die Frage zu stellen:

Wird hier im Zuge des Verdichtungs-Diktats das Limmattal verschandelt, wie vielerorts behauptet wird? Oder tragen die zahlreichen neuen Gebäudekomplexe im Gegenteil dazu bei, es nach Jahrzehnten des Hässlichen-Entchen-Daseins zu verschönern?

Caspar Schärer sagte sofort zu, sich mit der Limmattaler Zeitung auf die Suche nach dem Schönen in den Neubaugebieten zu begeben. Der ausgebildete Architekt, der als wissenschaftlicher Assistent am ETH-Institut für Geschichte und Theorie der Architektur wie auch als Redaktor bei der Zeitschrift «Werk, Bauen + Wohnen» arbeitet, befasst sich schon seit einiger Zeit mit der städtebaulichen Entwicklung des Limmattals. Auf keinen Fall wolle er aber jemandem vorschreiben, was man als schön zu empfinden habe und was nicht. Ein solches Verdikt wolle, ja könne er gar nicht im Alleingang fällen, warnt er schon am Telefon.

Wo das neue Gesicht des Limmattals Form annimmt

Die Planungen für die beiden Entwicklungsgebiete nördlich der Schlieremer und Dietiker Bahngleise begannen schon vor über zehn Jahren. Die Entwicklung der beiden Gebiete ist vergleichbar: Wo in der Vergangenheit Industriebetriebe zuhause waren, wohnen, arbeiten und geschäften heute mehrere tausend Menschen. Noch ist das Limmatfeld, bis zu dessen Vollendung nur noch zwei Baufelder fehlen, mit 87 000 Quadratmetern Fläche das grössere Gebiet. Das bereits fertiggestellte, 45 000 Quadratmeter grosse Färbi-Areal in Schlieren – der östliche Teil des Quartiers «am Rietpark» – erhält aber noch einen grossen Bruder: Das Geistlichareal, wo zurzeit die erste Parzelle bebaut wird, soll dereinst weitere 80 000 Quadratmeter gross werden. Bis 2019 soll zudem der 40 000 Quadratmeter grosse Rietpark fertiggestellt sein – er soll als grüner Streifen die beiden Gebiete verbinden. Auch das Dietiker Limmatfeld ist auf einen grossen öffentlichen Freiraum hin ausgerichtet; mit seinen 6000 Quadratmetern ist der Rapidplatz – benannt nach der damals im Gebiet beheimateten Firma – aber einiges kleiner als der Rietpark. An der Entwicklung beider Quartiere war die Immobilienfirma Halter massgeblich beteiligt. Die nötigen Gelder stammen von verschiedenen Investoren wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen.

Schlieren: Viele bunte Fassaden und grosse Vielfalt

Der Rundgang beginnt dort, wo die ersten augenfälligsten Exemplare die neue Ära der baulichen Verdichtung einläuteten: am Bahnhof Schlieren, wo 2009 die Wohnüberbauung der Migros Pensionskasse bezogen wurde; zwei Jahre später folgte das Parkside. Bei der Goldschlägi-Überbauung, ein Traum in Rot-Weiss-Blau, kommt Schärer ins Schwärmen. Den Architekten Annette Gigon und Mike Guyer – ein paar Kilometer ostwärts thront ihr Prime Tower über denselben Bahngleisen – sei hier wahrlich Bemerkenswertes gelungen: Das direkt am Schienenstrang stehende Gebäude erfülle zwar, wie alle anderen, auch die strengen Lärmschutz-Vorschriften, mache dank mutiger Farbgebung, variierender Gebäudehöhen – «wie ein Gebirge!» – und gelungener Einbettung in die Umgebung aber vor allem optisch eine gute Figur.

Auch die Parkside-Überbauung zwischen Bahnhof und Ringstrasse spricht Schärer an. Von einer «architektonischen Missgeburt», wie sie kürzlich ein Parlamentarier nannte, will er nichts wissen. Ihm gefällt die klare Struktur, die eine beliebte 1960er-Bauweise modern interpretiere, die Optik des «glaubwürdigen» Backsteins und der Umstand, dass das Parkside mit den Bauten jenseits des Stadtplatzes «gut kommuniziere». Das Gebäude sei zudem auch mustergültig inszeniert: «Eine solch mächtige Fassade braucht Raum», sagt er – und davon gibt es auf dem breiten Trottoir und der brachliegenden Wiese in der Ringstrasse genug.

Weiter geht es über die Engstringerbrücke auf die Nordostseite des Bahnhofs, wo seit 2011 unter anderem die Elektronikfirma Sony in einem massigen Glasbau zuhause ist. An ihm hat Schärer weder etwas auszusetzen noch besonders hervorzuheben – «ein klassischer Bürobau halt», sagt er. Jedoch geht er einig mit mir, dass der Bau doch das Motiv der angrenzenden Gleise hübsch aufnehme und mit ihm spiele. Härter ins Gericht geht Schärer mit den Wohnüberbauungen, die hinter dem Gebäude hervorgucken. «Unmenschlich», «gnadenlos hart» nennt er die strengen Rasterbauten, deren Innenhöfe mit ihren kalten Betonböden nicht gerade Wohlfühlklima aufkommen lassen.

Weiter westwärts dann wartet das Aushängeschild des neuen Schlierens, das Rietbachquartier, konzipiert von den Galli Rudolf Architekten. Hier entsteht, wie auch im Dietiker Limmatfeld, eine ganze «Stadt in der Stadt». Der westliche Teil des Quartiers, das sich bald über die ehemaligen Industrieareale Färbi und Geistlich erstrecken wird, ist bereits fertiggestellt. Hier findet Schärer viel Lobenswertes: etwa die grosse architektonische Vielfalt oder die zahlreichen Gebäude, die auf einer Seite höher sind als auf der anderen – «den Schuh» nennt er diese Form, «ein interessanter Gebäudetyp, der Wohnen und Arbeiten auf eine neue Art zusammenzuführen versucht».

Ein Beispiel dafür ist das «Zentrum am Goldschlägiplatz», entworfen vom Architekturbüro EM2N. Der massige Gebäudekomplex – 14 000 Quadratmeter Fläche misst das Grundstück – schafft es dank der dynamisch gezickzackten Fassade mit ihren freundlichen Grüntönen und Plastik-Optik, überraschend leicht daherzukommen. Auch der im ersten Stock gelegene Innenhof gefällt Schärer gut. Ein Bambus-bepflanztes Labyrinth schafft hier selbst mitten im Winter einen Hauch Ferienstimmung; Schärer hebt zudem die geschickte räumliche Anordnung der nach innen gerichteten Balkone und Terrassen hervor, die helfen, unter den Nachbarn ein Gefühl der Nähe zu schaffen.

Weniger beeindruckt zeigt sich Schärer von den regenbogenfarbenen Sonnenstoren eines immer noch halb leerstehenden Bürogebäudes, die 2014 enthüllte «Iris». «Schon ein bisschen grell», sagt er trocken, bevor wir weiter ins Herzstück des Färbiareals, die schon fertige Hälfte des Rietparks, vordringen. Hier treffen wir wieder auf das Goldschlägi-Hochhaus. Und nun findet Schärer doch noch ein paar gute Worte für das erste Minergie-P-Eco-Wohnhaus der Schweiz, oder besser: dessen Platzierung am Fusse des Parks. Überhaupt sind es nicht in erster Linie die Gebäude selbst, die bei Schärer Wohlwollen hervorrufen. Er lobt vor allem das Zusammenspiel der Bauten, neu geschaffene Strassen und Passagen, die – tatsächlich, nicht nur in der Theorie – städtisches Flair schaffen. «Die Komposition der Aussenräume ist in diesem Quartier sehr gelungen», sagt er.

Dietikon: Mutiges Statement und «reine Renditeobjekte»

Nach einer kurzen Autofahrt stehen wir auf dem Rapidplatz in Dietikon. Würden seine Worte nicht vom donnernden Motorenlärm verschluckt, würde ich auf Anhieb verstehen, dass Schärer – abgesehen vom störenden Element Strasse – diesen Platz etwas vom Gelungensten findet, das der Limmattaler Bauboom hervorgebracht hat. Der Platz selbst, wohlgemerkt – die Gebäude, die ihn säumen, bezeichnet er wahlweise als «Meteorit aus der Vergangenheit», «Ausdruck der Hilflosigkeit» und «Architektur light». Der Lindenhof etwa, der 2011 als erster Gebäudekomplex am Rapidplatz bezugsbereit war, habe einen falschen Anspruch. Die Vision des Architekten Hans Kollhoff – von ihm stammt auch der städtebauliche Entwurf des Limmatfelds – funktioniere hier nicht: Die Optik bürgerlicher Berliner Grossstadthöfe des 19. Jahrhunderts könne man nicht einfach so ins Dietikon von heute transplantieren.
Der grossen Masse der Rasterbauten rund um den Rapidplatz sehe man zudem zu fest an, dass sie «reine Renditeobjekte» seien. Schärer vermisst hier nicht nur den Mut für Neues und Ungewohntes. Ihm ist vieles auch zu lieblos ausgestaltet. Die Kolonnaden entlang der Heimstrasse etwa: «Die versperren die Sicht auf die Geschäfte und sind aus statischen Gründen überhaupt nicht notwendig.» Er weist auf die willkürliche Platzierung der Säulen hin, auf das zu enge Trottoir, das düstere Gesamtbild der Fassaden.

Und dennoch: Auch im Limmatfeld findet, wer architektonische Perlen sucht – wenn auch eher im Kleinen, teils auch Versteckten. Im Innern des Zypressenhofs etwa fällt der Holzfassadenbau, in dem sich im Parterre ein städtischer Kindergarten eingemietet hat, positiv auf. Nicht nur der warmen und naturnahen Materie Holz wegen; die unterschiedlich breiten und unregelmässig angeordneten Latten wirken hier nicht willkürlich wie die Arkadenpfeiler, sondern lebendig, spielerisch – «wie Bücher in einem Regal».

Auch gegenüber bieten die Wohnhausfassaden etwas fürs Auge. Die Mittel sind im Vergleich zum Effekt simpel: Eine ornamental gestanzte, schillernd beplättelte oder dunkel- und hellgrün gestreifte Wandverkleidung reicht schon aus, um den Klotzbauten etwas Individualität zu verleihen.

Und dann wäre da noch der Limmat Tower – dieser Prestigebau, dieses Symbol des Aufschwungs in der Agglomeration, entworfen von den Zürcher Architekten Huggenbergerfries, mit seinen 80 Metern das höchste Haus im Limmattal. «Natürlich», sagt Schärer, «so ein Turm markiert einen Ort, schafft Identität, Präsenz».

Es ist aber nicht der reine Fakt seiner Grösse, der den Limmat Tower zu einem würdigen Träger dieser monumentalen Aufgabe macht.

Die Fassaden mit ihren leichten Einbuchtungen liessen den Turm «bewegt, aber nicht unruhig» wirken, der fünfeckige Grundriss schaffe Orientierung nach allen Seiten, Sockel- und Turmbau würden sich gut ergänzen, so Schärer.

Zusammen mit der Seniorenresidenz, die mit dem Towerkomplex über einen hochgeschossigen Innenhof verbunden ist, ergebe sich ein «schönes Nebeneinander» von vermeintlich unvereinbaren Nutzungen: Hier der dynamische Statement-Turm, da der Ruhe- und Begegnungsort, der sich dem Diktat der geschäftigen Welt da draussen zu entziehen vermag.