Dietikon
Schönenwerdbrücke wird in 30-Tonnen-Stücken abgetragen

In Nachtschichten wird derzeit die Schönenwerdbrücke in Dietikon rückgebaut – ein Besuch auf der nächtlichen Baustelle.

Flurina Dünki
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Die Schweissarbeiten laufen auf Hochtouren.
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Die Verbindung von Beton und Stahlgerüst wird durchtrennt.
Der Brückenfriedhof, wo die abgetragenen Elemente angehäuft werden.
Geschafft! Die Ketten sind befestigt.
Das Betonelement wird herausgehoben.
Rückbau der Schönenwerdbrücke in Dietikon
Die Gleise wurden sorfältig abgedeckt.
Blick auf die provisorische Fussgängerbrücke.

Die Schweissarbeiten laufen auf Hochtouren.

Flurina Dünki

Es ist 0.30 Uhr. Nur noch hinter wenigen Fenstern im Dietiker Schönenwerdquartier brennt Licht. Schlafen werden die Anwohner diese Nacht aber nur können, wenn sie sich auf die Baustelleninformation hin mit Ohrstöpseln eingedeckt haben. Denn seit dem 16. Januar wird an der Dekonstruktion der Schönenwerdbrücke gearbeitet, und die immerhin 80 Jahre alte Dame lässt sich weder kampf- noch lautlos zerstückeln.

An manchen Stellen fehlt bereits die Betonbeschichtung. Das Stahlgerüst lässt dort freie Sicht auf die vier Gleise, von denen zwei bis zur Durchfahrt des ersten Personenzuges gesperrt sind. In dieser Freitagnacht möchte Bauleiter Simon Rüegger weitere Teile der einstigen Betonfahrbahn entfernen. Dazu steht ein Kran bereit, der das bereits zugeschnittene Betonelement nach seiner Loslösung vom Stahlgerüst hochheben und von der Brücke wegschwenken wird.

Bis Ende Jahr wird der Abbruch der alten und der Bau der neuen Schönenwerdbrücke dauern. Schon seit Jahren ist sie in mangelhaftem Zustand. Das zulässige Gewicht für Lastwagen der Ausnahmetransportroute II (Fahrzeuge bis 20 Tonnen) musste auf 13,5 Tonnen reduziert werden, nachdem eine Inspektion 2011 ergeben hatte, dass die Tragfähigkeit ungenügend ist.

Kostenpunkt: 17 Millionen Franken

Ein weiterer Grund für den Neubau Schönenwerdbrücke: Die Limmattalbahn, die voraussichtlich Ende 2022 ihren Betrieb aufnehmen soll. Weil sie auf Schlieremer Terrain hauptsächlich durch die Zürcherstrasse/Badenerstrasse geleitet wird, die Strasse also in Zukunft über weniger Autospuren verfügt, soll die Bernerstrasse zur Hauptroute für den regionalen Ost-West-Verkehr werden. Für die Verkehrslenkung wird die neue Schönenwerdbrücke vier Spuren sowie einen kombinierten Rad- und Gehweg haben. Damit sich der Verkehr nach der Brücke ohne Stocken wieder auf zwei Spuren verteilt, muss der Knoten Schönenwerd um- und ausgebaut werden. Für das Projekt wurden vom Kanton 17 Millionen Franken bewilligt.

Der Erbauer der neu zu erstellenden Brücke wurde per Ausschreibungswettbewerb bestimmt. «Das Siegerprojekt war die einzige stützenfreie Brückenkonstruktion. Alle anderen Wettbewerbsbeiträge sahen Abstützungen vor, die im Gleis oder gleich daneben gestanden hätten», sagt Markus Bissig, Projektleiter des kantonalen Tiefbauamts. Der für die neue Brücke gewählte Cortenstahl muss zudem nicht unterhalten werden. Ein grosser Vorteil, da der Unterhalt von Brücken über Zuggeleisen wegen der Sperrung der Gleise sehr aufwendig sei.

Gegen 1 Uhr sind die Arbeiten im vollen Gange. Die Männer des Bauunternehmens haben bereits Vorarbeit geleistet, indem sie die Betonschicht in einzelne Elemente geschnitten haben. Nun schweissen sie die Verbindungen zwischen Stahlträger und Betonplatte durch. Die Schnitte im Beton verlaufen exakt entlang den darunter liegenden Zugschienen, da jeweils nur über gesperrten Gleisen gearbeitet werden darf.

Es ist 1.30 Uhr. Auf der Brücke arbeiten die Fachmänner auf Hochtouren, während die nächtlichen Güterzüge unter ihnen hindurchdonnern. Schon haben sie das erste abzunehmende Betonelement an Ketten gehängt, mit denen es der Kran in die Höhe ziehen wird. Dafür angelte sich ein Mitarbeiter in einer zirkusreifen Aktion unter der Brücke hindurch, um die vier Ketten ineinander zu verhaken.

Natürlich nicht, ohne sich zuvor per Seil zu sichern. Nicht alles läuft nach Plan in dieser Nacht. Trotz minuziöser Planung hält die alte Brücke Überraschungen für die Mannschaft bereit. Die Schrauben, mit denen die Betondecke mit dem Stahlträger verbunden ist und welche die Mannschaft mittels Schweissbrenner vom Beton freilegte, sind nicht immer millimetergenau an der zuvor freigebohrten Stelle. Es muss nachgebohrt werden, was den Zeitplan leicht durcheinanderbringt.

Kran hebt 30 Tonnen Beton

Dann ist es so weit: Der Kran zieht die Ketten nach oben, diese spannen sich. Hält das Betonelement auch an keinem einzigen Verbindungselement mehr? Nein! Der Kranführer merkt keinen Widerstand, die Betonplatte hebt sich. Man meint, Opernmusik im Hintergrund zu hören, während der Kran die 30 Tonnen Beton im Zeitlupentempo mittels einer Halbkreisbewegung zum anderen Betonschutt ausserhalb des Bahnübergangs schwenkt. Die Männer freuen sich über den Etappenerfolg. Die Hälfte von ihnen hat das Spektakel jedoch gar nicht verfolgen können, denn sie mussten die nächsten Platten auf ihren Flugeinsatz in dieser Nacht vorbereitet.