Schöne Aussichten

Martin von Aesch ist Autor und Musiker. Er lebt in Schlieren.
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Was gibt es Schöneres, als sich nach getaner Arbeit am Abend vor den Fernseher zu setzen, um etwas Erbauliches zu konsumieren. Ich für meinen Fall entscheide mich meist für einen Krimi. Mich in einen vertrackten Fall eindenken, mitfühlen, mitdenken, miträtseln, das gehört mit zum besten Feierabendvergnügen, das ich kenne. Natürlich müssen es immer die neusten Würfe der zum Teil genialen Autoren sein.

Doch damit beginnt die Krux. Denn der Nachschub fehlt, weil in den letzten Monaten nicht mehr gedreht werden konnte. Aus verständlichen Gründen. Denn wie hätte zum Beispiel eine simple Bettszene oder eine deftige Keilerei bei den Auflagen des Bundes eingespielt werden sollen? Geht nicht, wenn zwei Meter Abstand gefordert sind.

Das hat zur Folge, dass sämtliche Fernsehstationen auf alte, zum Teil uralte Konserven zurückgreifen müssen. Was in gewissen Fällen zwar reizvoll sein kann. Aber wenn unser Nationalsender einmal mehr «Ueli der Knecht», «Anne Bäbi Jowäger» oder «Matto regiert» ausstrahlt, dann zappe ich heute weg.

Da Neuheiten aber wahrscheinlich längerfristig ausbleiben werden, werde ich wohl oder übel in den sauren Apfel beissen müssen und mich den alten Klassikern hingeben.

Auch wenn dies bedeutet, dass ich mich zum zweiten Mal durch all diese verrückten Kriminalfälle arbeiten muss, im Wissen darum, dass ich sie bereits einmal gelöst habe. Natürlich habe ich einen Trick gesucht, wie ich die Spannung trotzdem hochhalten kann.

Und ich hab ihn gefunden. So lautet für mich die Frage jetzt nicht mehr, wer den Mord begangen hat. Sie lautet vielmehr: Wann merke ich, dass ich den jeweiligen Krimi schon einmal gesehen habe. Zu meinem Entsetzen verschiebt sich der Moment des Wiedererkennens immer weiter nach hinten.

Doch eigentlich sind das schöne Aussichten. Denn vermutlich kann ich innert Kürze meine Lieblings-Tatort-Serie völlig unvoreingenommen zum zweiten Mal konsumieren und wie beim ersten Mal mitfiebern.