Wie war es für Sie, als Sie das erste Mal in dieses Jahrhundertbauwerk hineingefahren sind?

Heinz Wüthrich: Das war ein bewegender Moment. Zu wissen, dass man zu den ersten gehört, die dieses Bauwerk befahren dürfen, war speziell. Viel Zeit zum Bestaunen hatte ich bei den Tests zwar nicht. Aber wenn man dort drin ist, denkt man schon: Was hier bewältigt wurde, ist fast unglaublich.

Seit letztem Oktober fanden über 2200 Testfahrten statt, mehrere davon haben Sie selber geleitet. Was wurde geprüft?

Alles Mögliche. Zum Beispiel, wie sich der Luftdruck in der Einspurröhre auf den Zug auswirkt. Oder wie die Klimaanlagen mit dem hohen Temperaturunterschied zurechtkommen. Denn schon nach wenigen Sekunden Tunnelfahrt ist die Temperatur auf über 30 Grad. Das ist für Klimaanlage und Lüftung herausfordernd. Grundsätzlich gilt: Durch den Gotthard-Basistunnel dürfen nur Züge fahren, die getestet wurden und alle Anforderungen einwandfrei erfüllen.

Heisst das also, dass nicht jeder Zug für den Basistunnel geeignet ist?

Genau, denn gerade was die Sicherheit anbelangt, müssen die Züge besonders hohe Standards erfüllen. Beispielsweise müssen sie fähig sein, länger als herkömmliche Züge im Vollbrand weiterzufahren. So, dass sicher die nächste Nothaltestelle oder das Tunnelende erreicht werden kann. Dazu müssen unter anderem die Elektronik besser abgeschirmt, Kabel dicker isoliert und der ganze Zug mit Rauch- und Feuermeldern ausgerüstet sein. Gewisse Züge müssen diesbezüglich noch aufgerüstet werden.

Nochmals zurück zu den Testfahrten: Sie donnerten mit bis zu 250 km/h in die Tunnelröhre hinein. Wie fühlt sich das im Führerstand an?

Wenn man bei Erstfeld das enge Tunnelportal noch aus der Distanz vor sich sieht, fragt man sich, ob man da überhaupt reinpasst. (lacht) Im Moment der Einfahrt schlägt der Druck dann bis auf die Lungenflügel. Bei den regulären Fahrten muss dies allerdings niemand befürchten, dann wird das Einfahrtstempo ja viel tiefer sein.

Was gleich bleibt, ist die Tunnellänge von 57 Kilometern. Wie haben Sie diese erlebt?

Die Distanz ist definitiv das, was mich am meisten beeindruckt hat. 57 Kilometer sind eine völlig neue Dimension. So lange unter dem Boden zu sein, sind wir Lokführer uns nicht gewohnt. Natürlich macht man sich da im Führerstand Gedanken darüber, was wäre, wenn man mitten auf der Strecke eine Störung beheben müsste. Das löst nicht Angst aus, aber ein Bewusstsein für die gewaltige Dimension dieses Bauwerks.

Was muss der Lokführer eigentlich während der Fahrt durch die Röhre tun?

Im Gotthard-Basistunnel führt er den Zug eigenhändig, aber mithilfe der Führerstandsignalisation. Das heisst, dass ihm auf einem Display zum Beispiel die vorgegebene Geschwindigkeit und die vor dem Zug freigegebene Streckendistanz angezeigt wird. Mit diesen Informationen befährt der Lokführer den Tunnel. Zudem überwacht er sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Daten über den aktuellen Zustand des Zuges und trifft entsprechende Massnahmen. Die Arme verschränken kann er also nicht, sondern ist hoch konzentriert.

Anscheinend gibt es einige Lokführer, die heute auf der alten Strecke fahren, auf der neuen aber nicht mehr eingesetzt werden.

Ja, das stimmt. Denn durch das neue Betriebskonzept braucht es am Standort Zürich weniger Lokführer, die die Gotthard-strecke befahren. Die betroffenen Mitarbeiter werden dafür auf anderen Strecken mehr eingesetzt. Die SBB-Lokführer, die künftig durch den neuen Tunnel fahren werden, wurden übrigens alle speziell ausgebildet. An einer dreitägigen Instruktion lernten sie zum Beispiel die Nothaltestellen kennen und übten am Simulator.

Verstehen Sie jene Kollegen, die bedauern, dass die Schnellzüge künftig nicht mehr «oben drüber» fahren?

Ja, klar. Die Fahrt ins Tessin verliert mit dem Basistunnel ihren Reiz, das ist definitiv so. Auch ich werde die alte Gotthard-strecke vermissen, denn ich verbinde mit ihr viele Erinnerungen. Ausserdem stellt sie auch besondere Anforderungen an den Lokführer, zum Beispiel, was die Bremsmethodik anbelangt. Aber insgesamt, glaube ich, schafft die neue Röhre einen Mehrwert, der sich lohnt.

Im Regionalverkehr bleibt die alte Strecke ja erhalten.

Ja, und wahrscheinlich werden in Zukunft auch die Lokführer der Schnellzüge ab und zu dort eingesetzt, damit sie weiterhin streckenkundig bleiben. Denn das müssen sie, damit sie bei Bedarf fähig wären, auf die alte Strecke ausweichen zu können.