Birmensdorf
Schliessung des SBB-Schalters: «Das ist Service-public-Abbau auf dem Buckel der Älteren»

Schliessung der SBB-Agentur am Bahnhof kommt im Dorf gar nicht gut an.

David Egger
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Das Birmensdorfer Reisebüro Skyways hat bisher den SBB-Schalter betrieben. Ende 2017 ist damit Schluss. DEG

Das Birmensdorfer Reisebüro Skyways hat bisher den SBB-Schalter betrieben. Ende 2017 ist damit Schluss. DEG

David Egger

25 Jahre nach der Eröffnung des Birmensdorfer S-Bahnhofs ist es so weit: Die SBB schaffen hier bis 31. Dezember 2017 ihr letztes menschliches Dienstleistungsüberbleibsel komplett ab. Der Schalterverkauf wird ersatzlos gestrichen, die Bahn wird hier nur noch mit Automaten präsent sein. Der Grund: Die Verträge der SBB mit 52 Drittverkaufsstellen laufen Ende 2017 aus. Um Geld zu sparen, haben sie diese Verträge nicht mehr verlängert. Der Service-Abbau kommt vor allem für Birmensdorf überraschend, steht er doch im Gegensatz zu früheren Beteuerungen, dass so etwas hier nicht passieren werde.

So wurde im Dezember 2008 auf einen entsprechenden Vorstoss eines SVP- und eines GLP-Politikers im Zürcher Kantonsrat hin ein 2003 abgeschlossener Vertrag zwischen den SBB und dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) publik. In diesem Vertrag legten SBB und ZVV fest, welche SBB-Standorte im Kanton Zürich und einigen angrenzenden Gemeinden der Kantone Aargau und Schwyz mit Personal bedient sein sollten. Neben den Bahnhöfen Dietikon und Schlieren ebenfalls auf der sogenannten A-Liste: der Bahnhof Birmensdorf. Doch nur ein Jahr nach Vertragsabschluss gaben die SBB bekannt, ihren Schalter in Birmensdorf zu schliessen.

Dank des grossen Engagements des einheimischen Birmensdorfer Geschäftsmanns Luc Vuilleumier wurde der Totalabbau aber verhindert: Sein Reisebüro Skyways mit Sitz am Bahnhof Birmensdorf baute 2004 das Angebot aus und wurde zu einer beliebten SBB-Schalter-Agentur. Die Limmattaler Zeitung war zum Beispiel gestern Nachmittag um 14.30 Uhr vor Ort: Innert fünf Minuten wurden am Schalter zwei Personen bedient. Von einer geringen Kundenfrequenz kann nicht die Rede sein. Das ist denn auch nicht die Begründung, auf die sich die SBB berufen.

So lässt sich die Bedienung der Automaten lernen

Für Personen, die mit Billettautomaten nicht zurechtkommen, bieten die SBB verschiedene Hilfeleistungen an. Zusätzlich zur Hotline 0800 11 44 77 werden zusammen mit Partnerorganisationen auch dreieinhalbstündige Kurse angeboten, bei denen der Billettautomat vor Ort erklärt wird. In der Region findet der nächste Kurs am 7. Dezember in Zürich statt. Weiter gibt es auf der Website der SBB eine Online-Simulation des Billettautomaten: Dort lässt sich das Lösen von Billetten ohne Konsequenzen üben. Finden lässt sich die Seite, wenn man auf Google «Billettautomat Simulation» eingibt.

Die SBB verweisen darauf, dass die Drittverkaufsstellen weniger als ein Prozent des gesamten Absatzes ausmachen. Die Kosten für diesen Verkaufskanal seien hoch: So zahlen die SBB den Drittverkäufern Provisionen. Ausserdem würden sie die Kosten übernehmen, die beim Ausstellen der Billette entstehen. All das summiert sich auf fünf Millionen Franken jährlich. Das entspricht sechs Promille des gesamten Betriebsaufwands von rund 8,5 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Die SBB geben über 14-mal mehr Geld für Werbung aus. Die Werbekosten sind in den letzten vier Jahren sogar um 4,7 Millionen Franken gestiegen – was also fast den fünf Millionen Franken entspricht, die nun gespart werden, indem zahlreiche Schalter und Verkaufsstellen geschlossen werden.

Wie viel Geld sie mit der Schalterschliessung in Birmensdorf allein einsparen, wollen die SBB nicht offenlegen. Das Reisebüro Skyways könnte jedenfalls eine der lukrativeren Drittverkaufsstellen gewesen sein: Denn Skyways nutzte die spezielle Konstellation auch dazu, Billette an mehrere hundert andere Reisebüros weiterzuverkaufen – was wohl so einigen Umsatz in die SBB-Kassen gespült haben dürfte. Luc Vuilleumier vom Reisebüro Skyways kann zurzeit keine Stellung nehmen, da er im Ausland weilt.

Mit Touchscreens auf Kriegsfuss

Die Schliessung des Bahnhofschalters kommt in Birmensdorf nicht gut an. So sagt beispielsweise Andrea Streif, die Präsidentin des Birmensdorfers Frauenvereins, der regelmässig Anlässe für Senioren organisiert: «Bisher habe ich nur negative Reaktionen gehört. Auch persönlich gefällt mir das nicht, denn viele stehen mit den Touchscreens der SBB-Automaten auf Kriegsfuss.» Das Bedürfnis vieler Senioren sei klar, so Streif: «Wegen der Probleme mit den Automaten bevorzugen viele ein Vis-à-vis, dem sie sagen können, welches Billett sie wollen und dieses dann auch problemlos erhalten.»

Ähnlich denkt auch Gemeinderat Paul Gähler (CVP), der das Ressort Verkehr innehat. «Das ist ein weiterer Service-public-Abbau auf dem Buckel der Älteren, die sich zum Teil nicht gewohnt sind, über das Smartphone oder an Automaten Billette zu lösen. Ich finde es ganz schlecht, dass die für sie elementare Möglichkeit des Billettkaufs am Schalter verloren geht.»

Protestiert der Gemeinderat?

Da man sehe, dass der Schalter in Birmensdorf benutzt wird, sei doch klar, dass man den Verkauf aufrechterhalten müsste, so Gähler weiter. Der Gemeinderat überlege sich derzeit noch, wie er auf den Schliessungsentscheid reagieren soll. «Wir arbeiten sicher eine Stellungnahme zuhanden der SBB aus», sagte Gähler gestern auf Anfrage. Die SBB hatten die Gemeinde am 6. September mit einem kurzen E-Mail vor vollendete Tatsachen gestellt.

Vor zehn Jahren haben die SBB den Schalter am Bahnhof Urdorf überraschend geschlossen – welcher ist wohl der nächste?

Mit der Schliessung des Birmensdorfer SBB-Schalters auf Ende 2017 setzt die Bahn ihren Service-Abbau in der Region fort. Zuletzt wurde der Schalter am Bahnhof Urdorf geschlossen. Nachdem am 11. November 2006 das Bahnhofgebäude brannte, installierten die SBB drei Wochen später einen neuen Schalter in provisorischen Containern.

Im Juni 2007 gaben die SBB dann bekannt, dass sie den Urdorfer Schalter per Januar 2008 schliessen werden. Der Brand habe die Entscheidungsfindung beschleunigt, bestätigten die SBB damals gegenüber der Limmattaler Zeitung. Wenig später, im Februar 2008, kam dann die nächste Hiobsbotschaft: Die SBB informierten, dass sie die Toiletten an den Bahnhöfen Schlieren und Urdorf nicht weiterbetreiben wollen. Die WCs an beiden Bahnhöfen sind zwar seit Juni 2014 wieder geöffnet: Das ist aber nur möglich, weil sich die Stadt Schlieren an den Kosten der Toiletten beteiligt (beide Bahnhöfe liegen auf Schlieremer Gemeindegebiet).

Auf konkrete Fragen dazu, wie die Planung bezüglich der bedienten Schalter im Limmattal aussieht, geben die SBB keine Auskunft, sondern verweisen auf den Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) und dessen Vertriebsstrategie. Diese sieht vor, dass jeder Zürcher innert 20 Minuten zu Fuss oder mit dem öV an einen bedienten Schalter gelangen kann. Weiter betonen die SBB, dass die Prüfung und Anpassung des Verkaufsnetzes eine Daueraufgabe jeder Unternehmung sei und gestützt auf das Kundenverhalten erfolge. Wie bereits in den letzten Jahren würden die SBB die Öffnungszeiten der Verkaufsstellen weiterhin situativ den Kundenbedürfnissen anpassen. Und: «Unsere Mitarbeitenden geben den SBB ein Gesicht. Das wird und muss auch in Zukunft so sein. Der Fokus am Schalter wird verstärkt auf Beratung und Betreuung liegen.» Im Limmattal gibt es bediente Schalter ab 2018 nur noch an den Bahnhöfen Dietikon und Schlieren.