Gebietsentwickler
Schlierens neues Selbstbewusstsein: «Investoren rennen Stadt die Türe ein»

15 Jahre prägte Gianfranco Basso das Erscheinungsbild Schlierens mit– nun ist Schluss

Alex Rudolf
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Gianfranco Basso kennt jeden Wohnungstypen der Überbauung «am Rietpark» auswendig.

Gianfranco Basso kennt jeden Wohnungstypen der Überbauung «am Rietpark» auswendig.

Alex Rudolf

Auf diesem Grundstück neben dem Schlieremer Bahnhof waren vor 15 Jahren noch hunderte Occasionsautos aneinandergereiht, erinnert sich Gianfranco Basso. Heute steht der ehemalige Projektentwickler der Halter AG an selber Stelle in einer grossen Parkanlage und blickt auf die vielen Gebäude des neuen Quartiers «am Rietpark».

Während 15 Jahren hat er das Erscheinungsbild dieses neuen Stadtteils mitgeprägt, nun nimmt er den Hut. Im vergangenen Oktober endete Bassos Anstellung bei Halter, diese Woche leitete er seine letzte Vereinsversammlung der IG Rietbach, welche den Anstoss für die Überbauung der ehemaligen Industriebrache gab: «Ich werde richtig emotional beim Gedanken daran, dass dieser Lebensabschnitt nun vorbei ist», sagt er.

IG Rietbach: Seit 2001 aktiv

Die Interessengemeinschaft Rietbach wurde 2001 von Grundeigentümern – darunter auch die Stadt Schlieren – gegründet. Ihr Ziel: die Entwicklung des Industriegebiets im Westen der Stadt zwischen Bern- und Badenerstrasse. Gianfranco Basso wurde 2009 Co-Präsident der IG.

Mit dieser Woche tritt er ab. Neuer Präsident ist Martin Geistlich, Vorsitzender der Geschäftsleitung bei Geistlich Immobilia, Zum bisherigen Vorstand (Albert Schweizer, Schlieremer Standortförderer) und Peter Hofstetter stossen neu Harry Gmür und Andreas Feuz. (zim)

Keine einzige der rund 600 Wohnungen, die Halter hier baute, ist derzeit unbewohnt. Ein gutes Zeichen. Nach seinem Erfolgsrezept gefragt, lässt Basso seinen Blick über die unterschiedlichen Bauten schweifen. Er spricht von den unterschiedlichen Grundrissen der Wohnungen: «Die Mieter haben eine Auswahl, für jeden ist etwas Passendes dabei», sagt er und verweist auf dieses Atelier in jener Überbauung, dreht seinen Oberkörper und verweist auf jenen zweigeschossigen Wohnungstypen in dieser und jener Überbauung.

In seiner Rolle als Leiter der Gebietsentwicklung bei Halter vertrat Basso die Interessen des Projektentwicklers und der Grundeigentümer des Rietbach-Gebiets gegenüber der Stadt. Diese Zusammenarbeit sei stets von viel Wohlwollen auf beiden Seiten geprägt gewesen, sagt er.

Würde er heute etwas anders machen? Basso verneint. Nun da er ein letztes Mal durch das Gebiet gehe, sei er stolz und habe ein Glücksgefühl. Dass noch einige Gewerbe- und Ladenflächen unvermietet sind, sei zu erwarten gewesen. «Durch die neue Goldschlägistrasse werden jedoch auch diese Ladenlokale an Attraktivität gewinnen», sagt er.

Sorgen macht er sich woanders: Dass der Goldschlägiplatz derzeit als Parkfeld für Kunden der angrenzenden Geschäfte dient, gefällt ihm gar nicht: «Auch mir als eingefleischtem Autofahrer blutet bei diesem Anblick das Herz.» Der Platz gehöre den Fussgängern. Von den gemäss Bau- und Zonenordnung (BZO) erlaubten rund 1800 Parkplätzen waren auf Grundlage des Gestaltungsplans «Färbi-Areal» lediglich deren 800 möglich. Im Nachhinein erwies sich dies für das Gewerbe als nicht ausreichend.

Halter bebaute in Schlieren jedoch nicht nur das Färbi-Areal, sondern regte auch andernorts Entwicklungen an: beispielsweise den Bau einer Eventhalle für bis zu 6000 Besucher im Stadtzentrum. Dieser Idee erteilten Teilnehmer eines Beteiligungsverfahrens jedoch eine Abfuhr, woraufhin auch der Stadtrat das Projekt verwarf. Stattdessen plant die Stadt nun ein Gebäude auf dem Stadtplatz, das rund 600 Sitzplätze in einem grossen Saal bietet. Voraussichtlich wird die Bevölkerung 2019 an der Urne darüber befinden.

Nach seiner Meinung zu diesem Projekt gefragt, legt sich Bassos Gesicht in Falten: «Es ist eine verpasste Chance», sagt er und ergänzt: «Mit Halters Vorschlag hätte die Stadt zu einem regionalen Zentrum aufsteigen können. Nun sieht es so aus, als begnüge sich Schlieren damit, sich ein schönes Zentrum zu geben – das ist nichts Schlechtes.»

Schlieren ist heute selbstbewusst

Halter stoppte seine Aktivitäten in Sachen Gebietsentwicklung in Schlieren im vergangenen Sommer. Dies, weil der Kanton ein auf gemeindeebene durchgewunkenes Wohnbau-Projekt in der Industriezone blockierte und sich die Stadt aus Bassos Sicht nicht vehement genug einsetzte.

Heute haben sich die Wogen geglättet. Basso erklärt sich die damaligen Spannungen damit, dass Schlieren ein neues Selbstbewusstsein entwickelt habe. «Vor 15 Jahren war man froh um die Bereitschaft Halters, heute rennen der Stadt viele Investoren die Türe ein», sagt er. Dass man nun einen «Break» wolle, um ein neues Stadtentwicklungskonzept zu erstellen und die BZO zu revidieren, erachtet Basso als sinnvoll: So könne man Schlieren mit rechtsverbindlichen Grundlagen weiterentwickeln.

Kehrt Basso bald zurück?

Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass Gianfranco Basso bald wieder in Schlieren aktiv wird. Erst im Januar trat er nach einer beruflichen Auszeit, die er seinem Neugeborenen widmete, eine neue Stelle bei der Swiss-Prime-Site (SPS) an. Zwar seien in seinem neuen Gebietsportfolio derzeit keine Objekte im Limmattal zu finden, sagt Basso.

Auf den Tischen seiner Bürokollegen habe es aber durchaus welche. Beispielsweise die Entwicklung der ehemaligen NZZ-Druckerei, die einer neuen Nutzung zugeführt werden soll. Wenn Schlieremer Projekte ins Büro flattern, werde er hellhörig, erklärt er. Doch brauche er nun erst mal eine Pause von der Stadt, die ihm ans Herz gewachsen sei.