Schlieren/Dietikon
Streit auf der Zürcherstrasse: Die Aussagen des vermeintlichen Opfers sind zu widersprüchlich

Dass sich auf einem Pfefferspray nur die DNA-Spuren des Opfers finden liessen und dieses erst Tage nach dem Vorfall einen Arzt aufsuchte, machte das Bezirksgericht Dietikon stutzig: Es hat zwei Kosovaren vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung freigesprochen. Einer der beiden wird dennoch für sieben Jahre des Landes verwiesen.

Oliver Graf
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In diesem Bereich der Zürcherstrasse in Schlieren gerieten drei Personen aneinander: Beweise gibt es nicht, kommt das Bezirksgericht Dietikon zum Schluss und spricht zwei Männer vom Vorwurf der Körperverletzung frei.

In diesem Bereich der Zürcherstrasse in Schlieren gerieten drei Personen aneinander: Beweise gibt es nicht, kommt das Bezirksgericht Dietikon zum Schluss und spricht zwei Männer vom Vorwurf der Körperverletzung frei.

Oliver Graf

Ein Mann hatte angegeben, am 27. März 2018 an der Zürcherstrasse in Schlieren von mehreren Männern zusammengeschlagen worden zu sein. Er berichtete von Fusstritten gegen den Kopf. Zudem sei er mit einem Pfefferspray angegriffen worden, die Dose sei ihm auch auf den Kopf geschlagen worden.

Die Staatsanwaltschaft hatte deswegen zwei Kosovaren angeklagt. Die beiden heute 25-Jährigen sollen sich der versuchten schweren Körperverletzung schuldig gemacht haben. Das Opfer habe nur zufällig keine gravierenderen Verletzungen als eine Jochbogenfraktur erlitten.

Gericht sieht Ungereimtheiten und Widersprüche

Bei einer oberflächlichen Betrachtung würden die Ausführungen des Opfers grundsätzlich als einheitliches Ganzes erscheinen, sagte Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher, als er am Freitagnachmittag,
5. Februar 2021, das Urteil eröffnete. Aber bei näherer Betrachtung würden sich zahlreiche Ungereimtheiten und Widersprüche zeigen.

So habe der Mann einmal ausgesagt, im Auto, das ihn auf dem Trottoir gestoppt habe, seien drei oder vier Männer gesessen. Ein anderes Mal sei er sich sicher gewesen, dass es vier gewesen wären. Zudem habe er einmal angegeben, mit einem Coiffeurgerät – einem Streckeisen – geschlagen worden zu sein, ein anders Mal habe er nicht gewusst, ob er mit etwas geschlagen worden sei.

Keine Spuren der Angreifer auf der Dose

Auch die DNA-Spuren auf der Pfefferspraydose führten dazu, dass das Gericht die Version des Opfers in Frage stellte. Einer der Verteidiger der beschuldigten Kosovaren hatte bereits vor zwei Wochen beinahe genüsslich darauf hingewiesen, dass sich auf der Dose einzig Spuren des Opfers finden lassen – und dies auf dem gelben Druckknopf.

Der Rechtsanwalt des Opfers hatte geltend gemacht, dass es sich dabei um eine Blutspur des geschlagenen Mannes handeln könnte. Richter Aeschbacher wies darauf hin, dass der Mann anfänglich gar nicht gesagt habe, dass er mit der Dose geschlagen worden sei. Dies habe er erst getan, als bekannt wurde, dass seine DNA darauf sei. «Das ist klassisches anpasserisches Aussageverhalten.»

Es bleiben weitere offene Fragen

Zudem stellten sich für das Gericht weitere Fragen: Etwa, wieso der Mann erst fünf Tage nach dem Vorfall ein Spital aufgesucht habe. Und wieso die in der Anklage vorgebrachte Jochbogenfraktur nicht da, sondern erst bei einer noch späteren Untersuchung festgestellt wurde.

Als unglaubhaft stufte das Gericht auch ein, dass sich der Mann, der als Türsteher arbeitet und Kampfsport betreibt, gegen zwei Angreifer überhaupt nicht zur Wehr gesetzt haben will.

Es wird ein Gerangel gegeben haben

Das Gericht stellte aber nicht in Abrede, dass es an jenem Märzabend an der Zürcherstrasse zu einem Gerangel gekommen sein könnte. Denn drei Wochen zuvor waren die Beteiligten schon einmal aneinandergeraten. Im Internet kursierte daraufhin ein Video, das zeigte, wie die beiden beschuldigten Kosovaren zusammengeschlagen wurden.

Am ersten Verhandlungstag hatten die beiden 25-Jährigen denn auch erklärt, am fraglichen Abend auf dem Trottoir zufällig den anderen Mann erkannt zu haben. Da hätten sie ihn zur Rede stellen wollen, damit er das Video wieder löscht. Dabei seien sie vom Türsteher angegriffen worden. Um sich zu wehren, hätte sie ihm das zufällig in ihrem Auto liegende Streckeisen zugeworfen.

Die beiden Beschuldigten hätten mit dem Mann eine Rechnung offen gehabt, hielt Bezirksrichter Aeschbacher fest. Doch die Version des Opfers, auf die sich auch die Anklage weitgehend stützte, lasse sich nicht rechtsgenügend erstellen.

Vollumfänglicher Freispruch vom Vorwurf der Körperverletzung

Die Staatsanwaltschaft hatte gefordert, dass einer der beiden Beschuldigten wegen versuchter schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt und für fünf Jahre des Landes verwiesen wird. Das Gericht gelangte diesbezüglich zu einem vollumfänglichen Freispruch.

Der zweite Beschuldigte hatte sich zusätzlich wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zu verantworten. Er hatte – zugegebenermassen – mit rund 40 Gramm Kokain gedealt.

Die Staatsanwaltschaft wollte den im Limmattal geborenen Kosovaren für insgesamt vier Jahre hinter Gitter setzen und während zehn Jahren des Landes verweisen. Das Bezirksgericht setzte nun – nach dem Wegfall des Vorwurfs der Körperverletzung – eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren sowie einen Landesverweis von sieben Jahren an.

Der Mann, der seit seiner Verhaftung im April 2019 im Gefängnis sitzt, wird gemäss des Dietiker Entscheids sofort aus der Haft entlassen. Er kommt aber nicht auf freien Fuss. Er wird umgehend dem Migrationsamt zugeführt. Denn es liegt – wegen zweier Vorstrafen – bereits seit einiger Zeit ein rechtsgültiger Wegweisungsentscheid vor. Der erste Verhandlungstag fand vor zwei Wochen statt.