Vorzeigemodell
Schlieren wandelt sich vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan

Die örtliche Vereinigung für Heimatkunde Schlieren widmet ihr Jahresheft der Stadtentwicklung. Im Brennpunkt ist dabei die Entwicklung der Gemeinde um die Jahrtausendwende.

Florian Niedermann
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Jahresheft Heimatkunde Schlieren
12 Bilder
Vor dem Wohn- und Geschäftsgebäude an der Bahnhofstrasse wendete früher noch das 2er-Tram
Wagi-Süd, ein modernes Quartier entsteht
Entlang der Güterstrasse ist eine Überbauung entstanden
Lernfabrik heisst das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbes für das neue Schulhaus Schlieren West
Für die Realisierung der Überbauung musste gesprengt werden
Die Überbauung Giardino im Quartier Engstringerstrasse
Die neue Siedlung Gartenstadt auf dem Geissweidareal
Der Pocket-Park der Siedlung Pfaffenwis
Das Quartier Engstringerstrasse vor dem Umbau
Das Gebiet zwischen Bahnhof und Chilbiplatz wie es sich einst präsentierte
Das Areal Geissweid bevor es überbaut wurde

Jahresheft Heimatkunde Schlieren

AZ

Früher nannten Städteplaner die Stadt Schlieren auch abschätzig den «Magen-Darm-Trakt der Stadt Zürich». Seit über einem Jahrzehnt entwickelt sie sich aber zunehmends zur Vorzeige-Agglomerationsgemeinde.

Wo Industrie und Brachland waren, entstehen minuziös geplante Siedlungen und ganze Quartiere, die den Wandel von der Arbeits- zur Wohnstadt sichtbar machen. Überbauungen wie auf dem Färbi- oder dem Geistlich-Areal (siehe Box), neue Quartiere im Stadtteil Schlieren West und die Planung des Stadtzentrums beschäftigen nicht nur die lokale Politik nachhaltig, sondern prägen auch die Aussenwahrnehmung – das Image – der Stadt.

Das grösste Gebiet: «am Rietpark»

Den grössten Teil des Jahrbuchs bildet das Kapitel zum Gebiet Rietbach zwischen den Bahngleisen im Süden, der Bernstrasse im Norden und der Engstringerstrasse im Osten. Die Um- und Neunutzung der beiden Industrieareale Geistlich und Färbi ist das augenfälligste Entwicklungsprojekt, das in der Stadt derzeit realisiert wird. Seine Geschichte begann mit der Einstellung der Produktion der Färberei (1985) und der Firma Geistlich (1999). 2001 wurde der Verein IG Rietbach gegründet, der die Entwicklung und Förderung des Gebietes Rietbach bezweckte.
Unter der Federführung der Firma Halter entstand 2005 ein privater Gestaltungsplan für das Färbi-Areal. Seit drei Jahren wird das 45 000 Quadratmeter grosse Gebiet von verschiedenen Investoren wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen gemäss diesem Gestaltungsplan mit Grün-, Wohn- und Gewerbeflächen bebaut.
Nach der Einstellung der Produktion gründete die Firma Geistlich die Geistlich Immobilia AG. 2005 entschied diese, ebenfalls einen Gestaltungsplan für ihre Brache zu erstellen. Dieses Jahr sollte auf dem 80 000 Quadratmeter umfassenden Gebiet der Baustart für die Gebäude mit ebenfalls gemischter Nutzung erfolgen.
Die beiden Entwicklungsgebiete sind gemäss den Gestaltungsplanungen durch einen Park – den Rietpark – verbunden. Vermarktet wird das gesamte Gebiet unter dem Namen «am Rietpark». (fni)

Das Jahresheft Heimatkunde Schlieren

Das soeben erschienene Jahrheft der örtlichen Vereinigung für Heimatkunde beleuchtet diesen städtebaulichen Prozess mit Fokus auf die Entwicklungen seit der Jahrtausendwende. Die Autoren Jack Erne, Peter Hubmann, Charly Mettier, Jean-Claude Perrin und Peter Voser haben für das Herzstück des Jahrhefts eine Bestandesaufnahme der Bautätigkeit in der Stadt und deren Hintergründe akribisch recherchiert.

Angesichts der regen Bautätigkeit der letzten Jahre mussten sie sich dabei auf eine Auswahl von 10 Entwicklungsgebieten beschränken. Es sind dies Schlieren West, Rietbach, «Giardino», Stadtzentrum, Trisler/Hofuren, Sägestrasse, Rütistrasse, Wagi-Areal, Hübler und Briefzentrum Mülligen.

Behörden prägen Stadt stark

Bereits bei der Entstehung der «Giardino»-Siedlung ab 2002 nahm die Stadt starken Einfluss auf die Entwicklung des Gebiets (siehe Box). Dies war ein Phänomen, das damals neu war und sich in der Folge verstärken sollte.

Nachdem zwischen 1975 und 1990 die meisten Industriebetriebe auf Stadtgebiet auszogen und kaum mehr Nachfrage nach Industrieland bestand, hielt der imageschädigendeAuto-Occassionshandel auf den Brachen Einzug.

Umnutzung von Industriezonen

Die Stadt versuchte unter Stadtpräsident Peter Voser (FDP) deshalb vermehrt Einfluss auf die weitere Entwicklung der Gemeinde zu nehmen und die Umnutzung von Industriezonen für Wohn- und Gewerbeflächen zu fördern.

Dies gipfelte 2005 – ein Jahr vor dem Einsetzen des Baubooms in der Stadt – in der Schaffung des «Stadtentwicklungskonzepts» als verwaltungsverbindliches Instrument zur Steuerung der Entwicklung.

Erhöhung der Lebensqualität

Das Konzept gibt Ziele für die Förderung der Lebens- und Aufenthaltsqualität sowie der Identität der Stadt vor. Konkret soll eine Stärkung des Zentrums, die Verbindung der Ortsteile, die Aufwertung der öffentlichen Räume, die Erneuerung und Erweiterung des Wohnungsbestands, die Anpassung des Verkehrs auf die Bedürfnisse des Stadtraumes und die qualitative Entwicklung der Arbeitsplatzgebiete erreicht werden.

Auf dieser Grundlage unterstützte die Stadt in der Folge die Siedlungsentwickler auf den Industriebrachen mit dem Erlass zahlreicher Gestaltungspläne. Sie bilden ein Instrument, mit dem bei der Planung neuer Siedlungen von der übergeordneten Bau- und Zonenordnung abgewichen werden kann. Das Ziel war, eine städtebaulich, architektonisch, wohnhygienisch und landschaftlich optimale Überbauung in einem bestimmten Gebiet zu erlauben.

Autoren werten Bauliches

Die Autoren des Jahrhefts dokumentieren nicht nur die Umsetzung solcher Gestaltungspläne und die Realisierung von Grossprojekten. Sie werten auch den Erfolg oder Misserfolg der steuernden Tätigkeit der Behörden und die Gestaltung der entstandenen Bauwerke aus einem bewusst subjektiven Blickwinkel.

Neben vielen positiven Urteilen finden sich darin auch Sätze wie «Die Fassade wirkt etwas eigenwillig» oder «Einen eher erbärmlichen Eindruck macht die Strasse selbst». Sie zeugen davon, dass sich das Autorenteam kritisch mit städtebaulichen Details auseinandergesetzt hat.

In einem Kapitel zu den Zukunftsperspektiven der Stadt erklären Jean-Claude Perrin und Charly Mettier, dass dieses Jahrbuch lediglich eine Bestandesaufnahme und die städtebauliche Geschichte der Stadt der letzten 15 Jahre bieten könne.

Und zahlreiche Stellen in den Artikeln des Jahrhefts verweisen darauf, dass in bestimmten Gebieten (wie etwa in den Gebieten Unterrohr, Meuchwis und in Schlieren West) verschiedene Bauprojekte in Planung seien. Die «stürmische Entwicklungsphase ist längst nicht abgeschlossen», schreiben Perrin und Mettier. Und mit dieser Prognose liegen sie wohl richtig.

Mit Schwung ins neue Jahrtausend, Jahrheft 2013. Herausgeber: Vereinigung für Heimatkunde Schlieren. 70 Seiten. Preis: 18 Franken. Zu beziehen bei: Stadtbibliothek Schlieren und Auer Augenoptik.