Schlieren
Von Deubelbeiss' Machenschaften bis Tauschers Wohltaten: Das neue Schlieremer Jahrheft rückt Lebensgeschichten ins Zentrum

Der ehemalige Primarlehrer Philipp Meier präsentiert im neuen Schlieremer Jahrheft die Geschichten von 13 Persönlichkeiten, welche die Stadt geprägt und gestaltet aber auch verstört haben.

Alex Rudolf
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Ernst Deubelbeiss - Ein Schlieremer, der Mitte des 20 Jahrhunderts zu einem der gefürchtetsten Verbrecher der Schweiz wurde. Fotos aus dem Schlieremer Jahrbuch 2021

Ernst Deubelbeiss - Ein Schlieremer, der Mitte des 20 Jahrhunderts zu einem der gefürchtetsten Verbrecher der Schweiz wurde. Fotos aus dem Schlieremer Jahrbuch 2021

Zvg / Limmattaler Zeitung

Als kleiner Junge streckte Philipp Meier in der Geschichtsstunde den Arm in die Luft. Der Lehrer hatte soeben von den Geschehnissen rund um die napoleonischen Kriege erzählt und Meier wollte wissen, wie dieser Krieg für die ­Menschen gewesen sei. «Mein damaliger Lehrer antwortete, dass das Befinden der kleinen Leute zu dieser Zeit keinen hohen Stellenwert gehabt habe. Daher wurden einzelne Schicksale nicht überliefert», sagt Meier heute. Dieser Moment sei der Ursprung seines grossen Interesses für Biografien gewesen. «Denn jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass seine Lebensgeschichte wertgeschätzt wird.»

Dieser Wertschätzung verschaffte Meier in der neusten Ausgabe des Schlieremer Jahrheftes grossen Nachdruck. Der ehemalige Primarlehrer arbeitete nämlich unter dem Titel «Schlieremer Zeitzeugen» die Lebensgeschichten von 13 Menschen auf, die in der Stadt gelebt oder gewirkt haben. «Die Ausgewählten zeichnet nicht aus, dass sie aufgrund ihrer Funktion Bekanntheit erlangten. Ihr Wirken, ihr Einfluss ging von ihrem Charakter aus», sagt Meier. Während rund acht Jahren recherchierte und forschte er. «Ich führte zahlreiche Gespräche, aus denen manchmal nur zwei bis drei Sätze im Jahrbuch gelandet sind.» Doch habe sich besonders in persönlichen Gesprächen mit Nachfahren gezeigt, dass es diesen eine grosse Freude bereitet, dass die Geschichte ihrer Verwandten erzählt wird.

In Schlieren traf Maria Tauscher auf viel Misstrauen

Eine der Porträtierten ist zum Beispiel Maria Tauscher. Die gebürtige Preussin (heutiges Polen) gelangte um die Jahrhundertwende in die Schweiz, wo sie in Altstetten ein Kinderheim eröffnen wollte. Vergleichbare Institutionen hatte sie zuvor bereits in Deutschland gegründet. In Altstetten fand sich jedoch keine passende Liegenschaft, woraufhin sie auf die Nachbargemeinde aufmerksam gemacht wurde. Fündig wurde sie an der Zürcherstrasse 67, wo sie im März 1902 das Josefheim mit 38 Zimmern eröffnete. Im Haus, das in den 1980er-Jahren abgebrochen wurde, sei vieles undurchsichtig geblieben, wie Meier im Jahrheft schreibt. «Wie schaffte die Frau es, überall Geldgeber zu finden? Sie muss über ein grosses Netzwerk verfügt haben, überall auf der Welt.» In Schlieren traf Tauscher auf Misstrauen der Oberbehörden. Man wollte sicherstellen, dass hier keine konfessionellen Nebenzwecke im Spiel sind. Denn wie Meier schreibt, waren die Grenzen zwischen Waisenhaus und Kloster zu dieser Zeit schwammig gehalten. Der Grund: In der Schweizer Bundesverfassung war es ab 1874 verboten, neue Klöster zu gründen.

Die Zustände, in welchen die Kinder hausten, waren miserabel. So gab es für alle nur zwei Badewannen und nicht sämtliche Räume waren geheizt, sodass elf Kinder in einem acht Grad kalten Zimmer nächtigen mussten. Zudem weise das Heim Ähnlichkeiten mit einem Kloster auf, da auf die 17 bis 18 Kinder rund 16 Schwestern als Betreuerinnen kommen, wurde überliefert. Doch die Schlieremer Behörden sahen, dass das Heim einem Bedürfnis entsprach: Denn besonders Arbeiterkinder blieben tagsüber zu dieser Zeit unversorgt. Die Bezirksschulpflege schrieb 1905, dass das Heim eine humanitäre Anstalt zu sein scheine. Weil es in den Folgejahren aus allen Nähten platzte und der Erwerb eines Nachbargrundstücks scheiterte, zog das Heim 1913 nach ­Dietikon an die Urdorferstrasse, wo es von den Schwestern bis 2005 betrieben wurde.

«Tauscher war eine streng religiöse Frau, die aber eine unglaubliche Überzeugungskraft aufgewiesen haben muss», sagt Meier auf Nachfrage. Dass man heute einer solchen Frau mit Misstrauen gegenübertreten würde aufgrund ihrer Religion, sei kaum vorstellbar.

Neuer Schauplatz grosser Kriminalgeschichten

Doch nicht alle von Meiers Porträtierten waren Wohltäter und gute Menschen. Das Gegenstück zu Tauscher dürfte Ernst Deubelbeiss gewesen sein. «Seine Geschichte zeigt auf, wie die zuvor beinahe idyllische Schweiz zum Schauplatz grosser Kriminalgeschichten wurde», so Meier. Deubelbeiss verübte in den 1950er-Jahren gemeinsam mit Kurt Schürmann eine Serie von Überfällen «mit einer Brutalität, die man in unserem Land überhaupt nicht kannte.» Der gebürtige Berner Deubelbeiss kam 1921 zur Welt und machte eine Lehre als Mechaniker. Weil er in der Rekrutenschule einen seiner berüchtigten Ausraster hatte, wurde er bereits nach zehn Tagen entlassen. Nachdem er in der Westschweiz eine Gefängnisstrafe wegen Diebstahls verbüsste, zog er 1946 nach Schlieren, um ein neues Leben zu beginnen. Erst arbeitete er als Dreher in der Wagi, anschliessend bei der Schmiede Böchle und in der Versuchsanstalt Krebs. Seine Zimmervermieterin gab später zu Protokoll, dass er Yoga machte, nicht trank, nicht rauchte und keinen Damenbesuch empfing. Eine Serviertochter, mit der sich Deubelbeiss kurzzeitig verlobte, berichtete, er sei ein fanatischer Vegetarier gewesen. Dass sie nicht so leben konnte, habe bei ihm wiederum zu Wutanfällen geführt, woraufhin die Verlobung aufgelöst wurde.

Schwester Maria Tauscher und Philipp Meier, Autor der beiden Jahrhefte. Bilder: zvg

Gemeinsam mit seinem Kumpan Schürmann überfiel Deubelbeiss 1951 das Höngger Zeughaus, wo sie 15 Maschinenpistolen, 10000 Schuss und zusätzlich 37 Magazine klauten. Daraufhin überfielen sie den damaligen ­Direktor der Bank Winterstein. Weil dieser den Tresorschlüssel nicht bei sich hatte, ermordeten sie ihn im Reppischtal – die Beute betrug lediglich 215 Franken. Es folgte ein Überfall auf die Reinacher Post. Doch beim lauten Aufschweissen des Tresors wurde ein Anwohner geweckt und alarmierte die Polizei. «Als diese am Tatort auftauchte, schossen sich die Gangster den Fluchtweg frei», schreibt Meier. 120 Schuss feuerten die beiden mit ihren Waffen: «Es war das grösste Feuer­gefecht der Schweizer Kriminal­geschichte.»

In der Schweiz verbreitete sich grosse Angst vor den beiden grausamen Verbrechern. Doch die Polizei kam den beiden auf die Schliche. Nachdem Radio Beromünster verkündet hatte, dass einer der beiden Täter ein Béret trug, verzichtete Deubelbeiss am Arbeitsplatz plötzlich auf sein Béret, das er sonst üblicherweise trug. Auch sei er am Morgen nach der Tat in Reinach zu spät zur Arbeit erschienen. Schliesslich schaltete sein Chef die Polizei ein, welche den beiden Ganoven das Handwerk legte. Beide wurden zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Deubelbeiss wurde 1978 entlassen und fand mit einer neuen Identität, er nannte sich Ernst Schmid, eine neue Stelle als Müllmann. 2005 verstarb er, doch seine Geschichte lebt weiter. Diese kam nämlich im Film «4 Schlüssel» 1966 in die Kinos.

Bis 1929 lebte ein waschechter Henker in Schlieren

Mit seinen Porträts schlägt Meier eine Brücke zur Vergangenheit. So werden bei den älteren Semestern Erinnerungen Personen von früher wach und den Jüngeren wird ein Stück Dorfgeschichte vorgelegt. «Auch ich war während meiner Recherche oft verwundert», sagt Meier. So sei er etwa verblüfft gewesen, dass mit Theodor Mengis ein waschechter Henker bis 1929 in Schlieren wohnte. Mengis, der in der ersten Ausgabe der Porträtsammlung vorgestellt wird (siehe Text rechts), stammte von einer Scharfrichter-Dynastie ab. «Das muss man sich einmal vorstellen: In manchen Kantonen wurde die ­Todesstrafe bis in die 1940er-Jahre praktiziert», so Meier. Zwar wurde die Todesstrafe mit der Revision der Bundesverfassung 1874 abgeschafft, ­einige Kantone führten sie jedoch 1879 wieder ein. Erst 1942 wurde sie mit der Einführung des Eidgenössischen Strafgesetzbuches verboten.

Arthur Honegger und «Die Fertigmacher»

Auch der ehemalige Schlieremer Sozialvorsteher Fritz Blocher wird in Meiers Werk geehrt. So war Blocher nicht nur der erste Verwalter des Hauses für Betagte Sandbühl, sondern in seiner Jugend ein glühender Sozialist. Auch Gustav Fausch, der Heimleiter der Pestalozzistiftung war, findet Würdigung. Die Erziehungsanstalt für Knaben war auf dem bäuerlichen Gut «Zur Hoffnung» beheimatet. Fauschs Wirken zeichnete sich durch eine strenge Heimführung, aber auch durch moderne pädagogische Ansätze aus. Arthur Honegger, ein weiterer Porträtierter, wuchs in einem Schlieremer Heim auf und veröffentlichte 1974 das Buch «Die Fertig­macher», in welchem er das Heimwesen anprangerte. Erheiternder ist die Geschichte von Maria Ghiringhelli. Die Künstlerin mit Jahrgang 1927 gelangte in den 1960er-Jahren von Italien nach Zürich, wo sie in einer Boutique an der Bahnhofstrasse als Künstlerin und Schneiderin arbeitete. Als ihre Kinder erwachsen waren, legte sie ihren Fokus auf die Malerei. Draussen in der Limmattaler Natur porträtierte sie die Region aus unkonventionellen Blickwinkeln.

Die beiden Schlieremer Jahrhefte von 2020 und 2021 - beide von Philipp Meier.

Abwahl, weil Stadtpräsident Familie in Sicherheit brachte

Doch auch die Politik kommt nicht zu kurz: Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wurde Walter Gurtner zum neuen Schlieremer Gemeindepräsidenten gewählt. Ein Amt, das er während 18 Jahren innehalten sollte. Es war das erste Mal, dass ein Sozialdemokrat gegen einen Bürgerlichen siegreich war. Sein Vorgänger hatte seine Familie in den bedrohlichsten Tagen des ­Krieges in die Innerschweiz evakuieren lassen. «Das wurde im Dorf nicht ­goutiert.» Mit solchen Anekdoten schafft Meier anhand von detailreichen Einzelbiografien ein Bild vom früheren Schlieren und seinen Eigenheiten. Das Zitat von Autor William Faulkner, das Meier zu Beginn des Buches abdruckt, wird damit griffiger und verständlicher: «Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.»

«Die Gesellschaft räumt Frauen noch immer zu wenig Platz ein»

Schlieremer im Porträt

Ende Mai wird die aktuelle Ausgabe des Schlieremer Jahrheftes von Philipp Meier von der Kommission Ortsgeschichte der Stadt Schlieren im kleinen Rahmen gefeiert. Mit seinen 13 Porträts von besonderen Persönlichkeiten schafft er Einblicke in eine völlig andere Zeit. Es handelt es sich um die 43. Ausgabe der Publikation. Seit 1954 nimmt sich beinahe jedes Jahr eine Autorenschaft eines Themas an, das in irgendeiner Form mit Schlieren und seiner Geschichte zu tun hat, und verfasst ein Heft darüber. Neben den im Text links genannten kommen noch weitere bekannte Persönlichkeiten vor. Jakob Lemp-Wappler, welcher der erste grosse Schlieremer Baumeister war, Heinrich Meier-Buchli, der wohl berühmteste Stadtpräsident, Elisabeth Müggler, die Schwester und Gründerin von Wabe (Wachen und Begleiten), Fotograf Albert Vollenweider und Kabarettist Werner von Aesch.

Dem aktuellen Band ging einer voraus, der vor einem Jahr erschienen ist. Darin porträtierte Meier die Philosophin Leni Altwegg, den Fotografen Hans Bachmann, den Clown André Stückler, das Stadtoriginal Edi Böhringer, die Historikerin Ursula Fortuna, die Wohltäterin Caroline Geistlich-Leuthold, den Lehrer für Taubstumme Heinrich Keller, den letzten Scharfrichter Theodor Mengis, Sibir-Gründer Hans Stierlin, Ländlermusiker Sepp Stocker und Friedensrichter Ruedi Weidmann.

Von den total 25 Porträts aus dem ersten und zweiten Band sind nur deren sechs über Frauen. Einerseits ist dies den alten Gesellschaftsstrukturen geschuldet, in denen Frauen selten Führungsfunktionen ausserhalb der Familie übernahmen. «Sie blieben als Partnerinnen häufig im Hintergrund und doch verdanken ihre Männer ihnen alles», schreibt Meier im Vorwort. Er habe dennoch versucht, ihnen eine Stimme zu geben. «Aber während meiner Arbeit ist mir schmerzlich klar geworden, dass unsere Gesellschaft den Frauen noch immer zu wenig Platz einräumt.»

Wird Meier im kommenden Jahr mit einem dritten Band aufwarten? 2022 wird es sicherlich keine Fortsetzung geben. Aber es gäbe noch sehr viele Schlieremerinnen und Schlieremer, die Grosses geleistet haben und deren Lebensgeschichte sich für dieses Format eignen würde», sagt Meier. Daher könne es gut sein, dass er sich bald wieder an die Arbeit macht und in ferner Zukunft ein weiteres Porträt-Jahrheft herausbringt.

Charly Mettier, der wie Meier in der Kommission ­Ortsgeschichte sitzt und ge­stalterisch am Heft mitgearbeitet hat, betont: «Es sind zwei ­lesenswerte und faszinierende Jahrhefte entstanden, die aber leider wegen der Pandemie nicht die Aufmerksamkeit erhalten haben, die sie zweifelsohne verdienen würden.» Beide ­Hefte können in der Stadtbibliothek oder bei Auer Optik für ­jeweils 20 Franken erworben werden.