Mein Tag in Schlieren beginnt, wie jeder Tag beginnen sollte: mit dem Duft von frisch geröstetem Kaffee und einer Zeitung. Die Tische vor der Caffetino Kaffeerösterei stehen höflich einladend auf dem sonnigen Trottoir, die Bahnhofstrasse liegt verschlafen da. Die Sommerferien machen alles ein wenig langsamer, träger.

Auch im Coworkingspace an der Rütistrasse, hinter dem Bahnhof, hat sich Ferienstimmung ausgebreitet. Obwohl zurzeit die meisten der zwölf Arbeitsplätze vermietet sind, sitzen an diesem Morgen bloss drei junge Männer hinter ihren Bildschirmen. Es ist ruhig, nur ab und zu dringt das Rauschen eines Zugs durch die offenen Fenster. Dass hier stille Konzentration herrscht, ist kein Zufall. «Wir wollen vor allem einen guten Arbeitsplatz bieten und möglichst wenig Ablenkung», sagt Sandro Barbieri. «Wir fördern den Gemeinschaftsgedanken, aber die Leute wollen auch ihre Ruhe.» Der Schlieremer, der auf der gleichen Etage eine Filmproduktionsfirma betreibt, hat das Coworking vor drei Jahren mit einem Partner gegründet. Bald waren erstmals alle Plätze gebucht. Heute kommen und gehen sie in Wellen, die Coworker. Die meisten mieten sich monatsweise ein, für 350 Franken – inklusive Benutzung der Küche und Sitzungszimmer.

Dass mehrere Coworker aus Zürich nach Schlieren kommen, liegt aber nicht nur daran, dass die Preise im Limmattal tiefer sind. Der 29-jährige Zürcher Christoph Süess, der Apps und Webplattformen entwickelt, schätzt den Austausch, aber vor allem die Ruhe. «Anderswo kann ich mich nicht konzentrieren.» Auch Sylvain Raye hat Gemeinschaftsbüros in Zürich ausprobiert und fand sie «spannend, aber zu lärmig». Der 36-Jährige, der Onlineshops für Firmen baut, kommt regelmässig nach Schlieren. Von zu Hause aus arbeiten mag er nicht: «Ich will die beiden Bereiche trennen.»

Alle lieben das «Mösli»

Um eine Trennung geht es auch in der Biobadi im Moos. «Unterhosen unter Badehosen verboten, danke für ihr Verständnis», steht auf einem Schild am Rand des Schwimmbeckens. Sonst ist die Stimmung entspannt im «Mösli», wie die Einheimischen ihre Badi liebevoll nennen. Das Wasser ist angenehme 24 Grad warm, die Luft 25 Grad. Es hat viel Platz, Sommerferien sei dank. Im grossen Becken unterhalten sich zwei Männer auf Englisch, in der Ecke schwimmt einsam ein Wasserball. «I love Moos» steht darauf, mit einem roten Herz. Auch das Herz der kleinen Gruppe, die es sich auf der Terrasse des Bistros gemütlich gemacht hat, schlägt für das «Mösli»: «Gell, es ist schön hier?», fragt der Mann. «Ja, mega», antwortet die Frau und zieht das e in die Länge. Meeeega. Das Baby fuchtelt zustimmend mit den Armen.

Auch ich hätte es noch gut ein paar Stunden ausgehalten. Aber nach einem Vegiburger mit Salat muss ich mich auf mein Velo schwingen und Richtung Spitalquartier radeln. Dort wohnt Peter Suter – auch er ein Fan von Schlieren. Er war 26 Jahre alt, als er 1959 mit seiner Frau von Zürich ins Limmattal zog, der Arbeit als Lehrer wegen. «Spinnst du?», haben seine Kollegen damals gefragt. Aber Suter begann sofort, sich in Schlieren zu engagieren: in der Baukommission der Schule, im Zivilschutz, später im Parlament für die SVP und 25 Jahre lang, bis im Frühling dieses Jahres, in der Kommission für Ortsgeschichte. «Als Lehrer ist man an einer Gemeinde beteiligt», sagt der 85-Jährige. «Ich habe mich verpflichtet gefühlt, mich für Schlieren zu interessieren.» Ein Heimatgefühl könne nur entstehen, wenn man auch etwas über die Geschichte eines Orts wisse.

Suter hat das sehr ernst genommen: Heute gibt es wenige, die mehr über die Geschichte der Stadt wissen als er. Deren Entwicklung beobachtet er mit gemischten Gefühlen: Wirtschaftlich sei Schlieren zwar ausgezeichnet unterwegs. Aber ob mit dem rasanten Wachstum, den vielen Neuzuzügern und der Urbanisierung noch ein Heimatgefühl aufkommen könne, das wisse er nicht. Für ihn, der schon zwei Ausgaben des grossen Schlierefäschts organisiert hat – mit der Idee, Alteingesessene und Neuzuzüger zusammenzubringen – ist trotzdem klar: «Wir sind Schlieremer, gell», sagt er zu seiner Frau. Sie nickt und lächelt.

«Was, nach Schlieren?»

Zumindest ein wenig Schlieremerinnen sind mittlerweile auch die Frauen des Künstlerinnentrios Mickry 3, die ihr Atelier seit zehn Jahren auf dem Gaswerkareal haben. Die drei Stadtzürcherinnen wurden anfangs, als es sie Richtung Westen zog, ebenfalls von vielen schief angeschaut. «Was, nach Schlieren?» Sie selber hätten sich damals bloss gefragt, «wie wir das technisch lösen, mit dem Weg hierhin», erzählt Dominique Vigne und muss beim Gedanken daran lachen. Heute fühlen sie sich verbunden mit der Stadt – in erster Linie dank ihrem Atelier, einem charmanten, farbenfrohen Häuschen mit Terrasse. Darin hat sich das malerische Chaos der drei Frauen auf so organische Art und Weise ausgebreitet, dass das Atelier selbst wie ein fröhliches Kunstwerk wirkt. Auch Teil der Arbeitsgemeinschaft Zürcher Bildhauer zu sein, die Gruppenausstellungen organisiert und deren Mitglieder sich austauschen, sei schön. Und: Die Stadt gebe der Kunst Raum, weil sie verstanden habe, dass Kunst einen Ort aufwerte, finden die Drei. «Wir lieben Schlieren und wollen nie mehr weg von hier», sagt Vigne.

Für mich hingegen ist es Zeit, weiterzugehen. Auf der Suche nach dem ländlichen Schlieren pedale ich auf den Schlierenberg, an Maisfeldern, Apfelbäumen und Schrebergärten vorbei – und werde oben mit einer umwerfenden Aussicht belohnt. Während ich eine halbe Stunde lang alleine mit einem kühlen Getränk am Waldrand sitze, werde ich ganz ruhig. So entspannend kann Schlieren sein, denke ich. Zum Glück passt mein nächster Programmpunkt dazu: Mein Abendessen an einem weiss gedeckten Tisch im lauschigen Garten des Stürmeierhuus ist eine Freude. Der Kellner ist zuvorkommend, die weisse Tomatensuppe mit Tomaten-Basilikum-Sorbet ein Traum, der Blick auf den Kräutergarten romantisch.

Doch viel Zeit zum Träumen bleibt nicht, denn um 21 Uhr erwartet mich Rolf Sommer im Restaurant Maori neben dem Gaswerkareal. Während er einen Gin-Martini trinkt, ich einen Gin Tonic, erzählt der 39-jährige Schauspieler, wie es auch ihn vor sieben Jahren zufällig nach Schlieren verschlagen habe. Die grosse Wohnung, die er mit zwei Freunden bewohnt, wurde den drei Künstlern angeboten, nachdem sie in einem Inserat ein Haus suchten – «zur Selbstverwirklichung». Schlieren zog sie nicht an, zuerst reagierten sie nicht einmal auf das Angebot. Als sie die Wohnung sahen, war es aber sofort um sie geschehen. Heute fühlt sich Sommer, der seit zehn Jahren selbstständig ist und ab September wieder für das Erfolgsmusical «Io senza te» auf der Bühne stehen wird, zu Hause in Schlieren, aber auch beruflich: «Ich bin angekommen.»

Es zeigt sich ein Muster

So angeregt unterhalten wir uns, dass ich fast die Zeit vergesse – und erst um 23.15 Uhr in der Airbnb-Wohnung hinter dem Sony-Gebäude ankomme, wo mein Gastgeber geduldig wartet. Der 32-jährige Nedy stammt aus Bulgarien, ist – wie seine Freundin, die aber an diesem Abend nicht zu Hause ist – Klarinettist. Auch die beiden sind vor einem Jahr unverhofft in Schlieren gelandet, auf der Suche nach einer schönen, bezahlbaren Wohnung. Und wollen nun bleiben. «Wir fühlen uns sehr wohl hier», sagt er. Langsam zeigt sich ein Muster, denke ich, bevor ich einschlafe.