Schlieren
Stadtrat, SP, Grüne und GLP siegen: Das Bahnhofsgebiet wird voraussichtlich ab Mitte 2022 zur Begegnungszone

Das Schlieremer Gebiet südlich des Bahnhofs wird zur Tempo-20-Zone. So hat es das Stimmvolk am Sonntag beschlossen. Sowohl die Tempo-20- als auch die Tempo-30-Vorlage wurde angenommen – am Ende war die Stichfrage entscheidend.

Alex Rudolf
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So soll die Tempo-20-Zone am Schlieremer Bahnhof dereinst aussehen.

So soll die Tempo-20-Zone am Schlieremer Bahnhof dereinst aussehen.

Bild: zvg

Vor dem Schlieremer Bahnhof wird bald nur noch Tempo 20 erlaubt sein. Am Abstimmungssonntag nahm das Stimmvolk zwar die Umsetzungsvorlage (Tempo 20) und den Gegenvorschlag (Tempo 30) an. Welche Vorlage gewinnt, wurde daher durch die Stichfrage geklärt. Bei dieser fiel der Entscheid mit 1750 zu 1481 Stimmen für die Begegnungszone – also mit rund 270 Stimmen Vorsprung. In Prozentzahlen ergibt dies einen Anteil von 54,2 Ja-Stimmen für die Umsetzungsvorlage und 45,8 Prozent für den Gegenvorschlag. In einer Mitteilung von Sonntagnachmittag schreibt die Stadt, dass mit diesem Schritt ein weiterer Meilenstein in der Zentrumsentwicklung erreicht worden sei. Bauvorstand Stefano Kunz (Die Mitte) sagt: «Ich freue mich bereits auf den Moment, an dem wir über eine einladende Visitenkarte am Bahnhof verfügen.»

Die beiden Gestaltungsvorschläge sind sich bis auf das erlaubte Höchsttempo grundsätzlich ähnlich. Bei Tempo 20 wird aber auf den Bau eines Trottoirs verzichtet, da Fussgängerinnen und Fussgänger auf der gesamten Verkehrsfläche stets vortrittsberechtigt sind. Bei Tempo 30 haben auf der Strasse Autos Vortritt, Kreuzungen wären blau markiert worden. Die siegreiche Tempo-20-Zone erstreckt sich auf der Güterstrasse zwischen der SBB-Personenunterführung West und der Einmündung Grabenstrasse. Auch die Bahnhofstrasse ist Teil der Vorlage. Der Perimeter der Tempo-30-Zone wäre um einiges grösser gewesen. Denn nebst dem Bereich, um den es bei der Begegnungszone geht, wären auch die Bach-, Neue Fossert-, Bahnhof- und Grabenstrasse zu 30er-Zonen geworden. Ein Trostpflaster für die Unterlegenen: Besagte Gebiete werden bei der siegreichen Begegnungszone mittelfristig zu Tempo-30-Zonen.

Die Umsetzungsvorlage basiert auf einer von SP, Grünen und GLP eingereichten Initiative, welche eine Begegnungszone verlangt. Das Initiativkomitee war im Abstimmungskampf mit Flugblättern und Plakaten im Stadtbild präsent. Walter Jucker, SP-Gemeinderat und Präsident des Komitees, ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis. «Natürlich bin ich froh, dass sich das Stimmvolk so entschieden hat. Wir sind davon überzeugt, dass nur mit unserem Vorschlag die Sicherheit und die Lebensqualität am Bahnhof Schlieren langfristig sichergestellt werden kann.»

«Die Bürgerlichen argumentierten mit falschen Fakten»

Gefragt nach den Gründen für den Erfolg der Begegnungszone, sagt Jucker: «Die Bürgerlichen argumentierten mit falschen Fakten. Beispielsweise, dass es in einer Begegnungszone weniger sicher für Fussgänger ist als in einer Tempo-30-Zone, ist falsch.» Zudem sei ihm aufgefallen, dass die Befürworter von Tempo 30 nicht die Vorzüge ihrer eigenen Vorlage betonten, sondern jene der Gegner niedermachten. «Ich bin überzeugt, dass Vertreter des ansässigen Gewerbes die grössten Fans der Begegnungszone werden, da sich Begegnungszonen erfahrungsgemäss positiv auf sie auswirken», so Jucker.

Kein Trottoir und keine blauen Markierungen am Boden: Schlieren erhält eine Begegnungszone.

Kein Trottoir und keine blauen Markierungen am Boden: Schlieren erhält eine Begegnungszone.

Visualisierung: zvg

Für den FDP-Gemeinderat Markus Weiersmüller, er ist Sprecher des Komitees für eine Tempo-30-Zone, ist das Abstimmungsergebnis eine verpasste Chance. «Viele Stimmbürgerinnen und Stimmbürger liessen sich von der verlockenden Visualisierung mit Bäumen und Blumen blenden. Das ist sehr schade,» sagt er. Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass es wegen der nicht getrennten Verkehrswege von Fussgängern und Velos sowie E-Bikes zu gefährlichen Situationen kommen werde. Zudem sei er sich sicher, dass man in einigen Jahren merken werde, dass sich das Bahnhofsgebiet nicht für eine Begegnungszone eignet und nachgebessert werden müsse. «Auch die Komplexität des Geschäftes dürfte schuld daran sein, dass wir verloren haben.» Man müsse beinahe ein Verkehrsspezialist sein, um zu verstehen, was genau Sache sei.

Der Stadtrat gelangte Ende 2017 mit dem Vorschlag einer Begegnungszone ans Schlieremer Parlament. Einziger Unterschied zur nun siegreichen Umsetzungsvorlage war, dass die Bahnhofstrasse damals nicht Teil des Perimeters war. Das Parlament zwackte dem Vorschlag damals rund 50 Meter ab und verkürzte die Begegnungszone bis zur Neuen Fossertstrasse. Die SP, die Grünen und die Grünliberalen liessen dies nicht auf sich sitzen und lancierten nur wenige Tage später die Unterschriftensammlung für die Volksinitiative. Wiederum als Reaktion darauf sammelten die Bürgerlichen Unterschriften für die Tempo-30-Zone, da sie nun Sicherheitsbedenken bei einer Begegnungszone in Bahnhofsnähe hegten.

«Doch liessen auch wir uns damals blenden»

Was hätten die Unterlegenen anders machen müssen, um das Ruder noch zu drehen? Das bürgerlich dominierte Parlament hätte sich bereits vor drei Jahren geschlossen gegen eine Begegnungszone aussprechen sollen, sagt Weiersmüller. «Doch liessen auch wir uns damals blenden.»

Wie es in der Mitteilung der Stadt heisst, werde die Realisierung des Projekts nun rasch vorangetrieben. So folge nun die Planauflage, bei der alle Einwendung erheben, Anregungen machen und konkrete Änderungswünsche zu den aufliegenden Plänen machen können. Anschliessend folgt die Submission der Arbeiten. In diesem Schritt würden die genauen Kosten des Projekts ermittelt, um dem Stadtrat den Kredit beantragen zu können. Nachdem die Kantonspolizei die Signalisation und die Verkehrsführung bewilligt, folgt die zweite öffentliche Auflage. «Falls keine Einsprachen erhoben werden, können die verschiedenen Aufträge nach einem weiteren Stadtratsbeschluss erteilt werden», schreibt der Stadtrat. Verläuft alles nach Plan, geht man in der Abteilung Bau und Planung davon aus, dass im Sommer 2022 mit den Arbeiten begonnen werden kann.