Öffentlicher Verkehr

Schlieren: Ortsbusse haben einen schweren Stand

Der Blick in die Nachbargemeinde gibt den Schlieremer Ortsbus-Initianten Hoffnung: Auch in Dietikon dauerte es zehn Jahre, bis es mit dem Weinbergbus klappte.

Der Blick in die Nachbargemeinde gibt den Schlieremer Ortsbus-Initianten Hoffnung: Auch in Dietikon dauerte es zehn Jahre, bis es mit dem Weinbergbus klappte.

Die Chancen für die Einführung eines Schlieremer Ortsbusses schwinden stetig. Dennoch hoffen die Initianten nun zumindest auf einen Achtungserfolg an der Urne.

«Auch die Dietiker mussten ewig auf ihren Weinbergbus warten, auch bei ihnen hiess es lange: Es geht nicht. Doch heute haben sie ihren Bus!», sagte der Schlieremer Gemeinderat Rolf Wegmüller (CVP) letzten Montag erzürnt am Rednerpult.

Der Grund für seinen Ärger: Der Gemeinderat war gerade dabei, die stadträtliche Umsetzungsvorlage für einen Ortsbus abzulehnen, der nach dem Willen der Initianten künftig das Haus für Betagte Sandbühl, den Friedhof und den Schlieremer Berg sowie das Rietbachquartier anfahren soll.

Das letzte Wort hat zwar das Volk. Es wird laut Werkvorstand Stefano Kunz noch im Herbst dieses Jahres über die Vorlage befinden, die nun mit einmaligen Investitionskosten für den Testbetrieb von 415'000 Franken und Nettobetriebskosten von jährlich rund einer Million veranschlagt ist. Wahrscheinlich ist ein Ja zu dieser Vorlage aber nicht: Die Kosten sind gemessen am Nutzen nicht nur in den Augen der bürgerlichen Parteien unverhältnismässig, welche die Chancen des Busses bereits im Juni mit ihrem Nein zum realistischeren Gegenvorschlag des Stadtrats zur Initiative so gut wie beerdigt hatten.

Selbst Ortsbus-Initiant Werner Fisler kann es unter diesen Voraussetzungen keinem Stimmbürger verübeln, der Vorlage einen Korb zu erteilen, wie er auf Anfrage einräumt: «So, wie sie sich jetzt präsentiert, sind die Kosten natürlich völlig überrissen.» Dass das Komitee seine Initiative dennoch nicht zurückzieht, hat andere Gründe: «Die Leute haben ein Recht darauf, zum Thema Ortsbus Stellung zu nehmen — auch wenn die Vorlage eigentlich versenkt wurde, bevor sie überhaupt zur Abstimmung kommt», so Fisler.

Nur steter Tropfen höhlt den Stein

Die Initianten hoffen nun zumindest auf einen Achtungserfolg an der Urne. «Wenn wir um die 40 Prozent erreichen, sind wir mehr als zufrieden.» Wie es danach weitergeht, sei noch nicht beschlossen. Klar ist für Fisler aber: Das Bedürfnis bleibt bestehen; eine Lösung muss früher oder später her, wenn auch über einen anderen Weg als die Initiative. Der aktuelle Vorstoss werde kaum der letzte in dieser Sache sein, so der ehemalige SP-Gemeinderat.

Die vorliegende Initiative war auch nicht der erste Versuch, bestehende Lücken im Schlieremer Netz zu schliessen. 2006 etwa reichte schon die damalige Gemeinderätin Silvia Arnet (FDP) einen Vorstoss ein, der einen Bus zwischen dem Schlierenberg und dem Rietbachquartier forderte. Die darauf erarbeitete Vorlage des Stadtrats — Kostenpunkt: 631 000 Franken — lehnte das Parlament ab.

«Nein»: Das musste auch Christa Jordi immer und immer wieder hören. Zehn Jahre lang kämpfte sie für die Einführung des Dietiker Weinbergbusses. Heute ist die Linie 325 Teil des Regelangebots — obwohl es auch in Dietikon stets hiess: unnötig, zu teuer, nicht machbar. Jordi rät den Schlieremer Kollegen, nicht aufzugeben, weiter Leute zu mobilisieren und am wichtigsten: «alles hinterfragen, was einfach so als gegeben hingestellt wird».

Jasmin Wiederkehr von den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ), die auch für die Planung der Buslinien im Limmattal zuständig ist, warnt jedoch davor, den langen Weg zum Weinbergbus mit dem Bestreben der Schlieremer Initianten zu vergleichen. Denn während in Dietikon eine Erschliessungslücke ausgewiesen war, ist dies in Schlieren gemäss Gesetz über den öffentlichen Personenverkehr nicht der Fall. Um als nicht genügend erschlossen zu gelten, müssen sich Gebiete nämlich einerseits ausserhalb eines Radius von 400 Metern zur nächsten Haltestelle befinden und mindestens 300 Einwohner zählen. Das sei in den Gebieten, die der Ortsbus erschliessen soll, nicht gegeben.

Zudem verweist Wiederkehr darauf, dass die Aufnahme des Weinbergbusses ins reguläre Angebot 2011 nur auf Kosten der Linie 306 funktionierte, deren Frequenz in etwa halbiert wurde. «Eine Art Kannibalismus im öV-Netz» nennt sie das. Und: Auch heute sei der Bus auf der Strecke, die über die Stadthalle hinausgeht (die eigentliche «Weinbergstrecke»), nur mässig ausgelastet: Im Schnitt seien dort pro Fahrt kaum mehr als 5 Personen anzutreffen.

Auch Werner Fisler geht nicht davon aus, dass der Schlieremer Ortsbus «immer pumpenvoll» wäre. Auch bräuchte es gewiss eine Anlaufzeit, bis das Angebot überhaupt bekannt sei. Die Auslastung ist für Christa Jordi aber ohnehin zweitrangig: «Es ist doch völlig irrelevant, wie stark die Strecke frequentiert ist. Bei anderen Quartiere schaut man schliesslich auch nicht so genau hin.» Was zähle, sei das Recht auf Quartiererschliessung.

Mit Rollator kann «nah» fern sein

Was für die Schlieremer Initianten genauso wichtig ist, ist zudem das Recht auf Mobilität für die ältere Bevölkerung — daher auch die Forderung nach der Sandbühl- und der Friedhofserschliessung. Denn obwohl etwa das Haus für Betagte gemäss Gesetz mehr als genügend erschlossen ist, ist es für die Bewohner eben doch sehr mühsam, mit dem Rollator die Strecke zur nächsten Bushaltestelle zurückzulegen. Susanne Tanner, die Abteilungsleiterin Alter und Pflege in Schlieren, sagt: «Natürlich wäre dieser Ortsbus ein Gewinn für die Bewohnerinnen und Bewohner.» Zwar sei das Wichtigste — die Fahrt ins Stadtzentrum — mit dem heimeigenen Shuttlebus abgedeckt. Doch dieser fährt nur zwei Mal die Woche. Auch sie sagt deshalb: «Eine bessere Erschliessung bleibt ein Anliegen.»

Im Kampf um einen Bus besonders für die ältere Bevölkerung ist übrigens auch der Seniorenrat Oetwil-Geroldswil-Fahrweid unterlegen. Er wollte 2013 einen Bus nach Würenlos auf die Räder stellen, scheiterte aber am Nein der Gemeinden zu finanziellen Zuschüssen. Auch hier hiess es: Der Bus würde zu wenig stark frequentiert. Im Jahr darauf startete der Seniorenrat einen privaten Fahrdienst, mit dem sich Senioren zu günstigen Tarifen von anderen Senioren in der ganzen Region herumchauffieren lassen können; zurzeit werden so rund 35 Fahrten pro Monat getätigt. Und laut der Verantwortlichen Doris Bortolani «zieht die Nachfrage stetig an».

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