Auto-Occasionen

Schlieren: Noch handelt hier die halbe Welt

Das «Autohandels-Zentrum» ist seit Jahren ein fester Bestandteil von Schlieren - nicht immer zur Freude der Bevölkerung. Schon im Herbst könnte dieses einstige Wahrzeichen Geschichte sein.

Habib Kermanaj behauptet von sich selbst, dass er sechs Sprachen spreche. Und wer ihn bei seiner Arbeit beobachtet, ist versucht, ihm das zu glauben.

Kurz vor Mittag stehen mehrere junge Männer vor seinem «Imbiss Hasi» an der Badenerstrasse 90 in Schlieren Schlange.

Die Bestellungen beschränken sich zwar meist auf einen Kebab, doch Kermanaj wechselt mit seinen Gästen stets einige Sätze in deren Muttersprache, sei es Serbisch, Türkisch, Italienisch, Deutsch oder Englisch.

Auf seine Sprachkenntnisse, und wenn es nur einige Brocken sein mögen, ist der 55-jährige Kosovare angewiesen, seit er vor rund 20 Jahren seinen Imbisswagen am Eingang zum «Autohandels-Zentrum» eröffnet hat.

Denn die Autoschilder der Käufer, die im Minutentakt den Eingang passieren, stammen nicht nur aus der ganzen Schweiz, sondern auch aus Ländern wie Polen, Litauen, Frankreich oder Belgien.

Hier trifft sich die Welt, um unter freiem Himmel entweder ein Occasions-Auto günstig zu erwerben oder um eines loszuwerden.

Was dem einen zu alt oder dem Strassenverkehrsamt zu kaputt ist, findet in anderen Gegenden und auf anderen Kontinenten nämlich durchaus noch reissenden Absatz.

«Es ist schade, dass das hier bald zu Ende geht», sagt Kermanaj. Und sein freundliches Gesicht wird schlagartig ernst, als er das sagt. «Ich hätte gerne bis zur Pensionierung hier gearbeitet, nun muss ich mir ein neues Verkaufslokal suchen.»

Voraussichtlich im September müssen die rund 25 Händler, die im «Autohandels-Zentrum» eingemietet sind, den Platz räumen.

Die Anlagestiftungen Turidomus und Adimora, denen der Boden gehört, planen auf dem Gelände eine Siedlung mit rund 190 Wohnungen.

Derzeit führen sie mit dem jetzigen Hauptmieter, der Araco AG, Verhandlungen darüber, ob die Autohändler noch länger bleiben können. Doch spätestens 2016 wird die letzte grosse Auto-Occasions-Brache der Stadt Schlieren für immer verschwinden.

Die Bevölkerung dürfte dieses ungeliebte Wahrzeichen nicht vermissen. Ihr sind dieser Ort und das Occasionsgewerbe seit Jahren ein Dorn im Auge.

Immer wieder gerieten die Verkaufsareale in die Schlagzeilen und schädigten so das Image der Stadt nachhaltig.

Auf der zweiten Occasions-Brache auf dem Färbiareal, die 2003 geschlossen und später mit einer Wohnsiedlung überbaut worden ist, hatten sich Drogenhändler die Unübersichtlichkeit der Standplätze zunutze gemacht, um ihre Geschäfte abzuwickeln.

1998 kam es im «Autohandels-Zentrum» zu einer Schiesserei, die einen Toten und zwei Schwerverletzte forderte.

Und zuletzt brannte es dort im Jahr 2013 gleich zweimal innert drei Wochen. Bereits im Jahr 2000 versuchten Stadt und Gemeinderat, wegen solcher Vorkommnisse den Occasionshandel über Einschränkungen in der Bauordnung zu verdrängen, sie scheiterten schliesslich aber an der Gewerbefreiheit.

Nun erledigt also der Immobilienmarkt, was gesetzlich nicht möglich war.

Von den Behörden gegängelt

An den Kampf der Stadt kann sich Kurt Brunner erinnern. Er ist seit mehr als sechs Jahren Inhaber der Araco AG und Hauptmieter der Badenerstrasse 90.

Die Firma führte vor seiner Übernahme 19 Jahre lang sein Schwiegervater. Man habe zwar mit den Behörden immer gute Kontakte gepflegt, sagt Brunner, während er auf dem Vorplatz seines Büro-Containers steht und an einem Zigarillo zieht.

Dennoch seien er und seine Untermieter von den Ämtern gegängelt worden. «Wir mussten etwa aus unerfindlichen Gründen mehrfach die Kabelführungen für unsere oberirdisch verlaufende Stromversorgung auswechseln», erinnert er sich.

Für ihn sei es nicht dramatisch, dass das Areal nun geschlossen werde, sagt der 62-Jährige, aber für viele der jüngeren Händler schon: «Das hier ist derzeit der bekannteste Occasions-Verkauf der Schweiz. Man findet heute keine solchen Handelsflächen mehr», so Brunner.

Zu den Leidtragenden gehört etwa der junge Libanese M. C. (Name der Redaktion bekannt). Seit vier Jahren verkauft er auf dem Areal Gebrauchtwagen an Exporteure:

Diese kaufen auf Internetplattformen meist gleich mehrere Autos von verschiedenen Händlern auf dem Areal und holen diese selbst vor Ort ab.

Anschliessend werden sie nach Osteuropa oder über Belgien per Frachtschiff nach Nordafrika verfrachtet. Weil sich so viele Händler am Platz befinden, müssen ihre Kunden nur einen Ort anfahren, um gleich mehrere gekaufte Wagen aufzuladen.

Das sei ein wirtschaftlicher Vorteil gegenüber anderen Verkäufern, sagt der 30-Jährige: «Wenn wir hier weg müssen, sind die meisten von uns gezwungen, unser Geschäft aufgeben.»

Es ist nicht alles Schrott...

Weniger skeptisch blickt Samir Saracevic in die Zukunft. Der 50-Jährige wohnt in Oerlikon und handelt auf dem Areal in Schlieren bereits seit 1999 mit Occasionen deutscher Marken – «aber nicht für das Ausland», wie er betont.

Niemand auf «dem Platz», wie der Bosnier das Areal liebevoll nennt, ist länger Untermieter der Araco AG als er.

Als sich vor zwei Jahren abzeichnete, dass die Ära des Gebrauchtwagenverkaufs in Schlieren zu Ende geht, hat sich der gebürtige Bosnier nach Alternativen umgeschaut.

Bald wird er nun in Unterengstringen auf dem Gelände eines befreundeten Autohändlers jeweils 20 bis 25 Autos feilbieten.

Damit ist er glücklich: Die Arbeitsumstände hätten sich stark zum Schlechten entwickelt, nachdem Brunner die Nachfolge seines Schwiegervaters als Vermieter angetreten habe, sagt Saracevic. «Früher waren wir etwa ein Dutzend Verkaufsfirmen. Fast alle boten hochwertige Occasionen für den Schweizer Markt an. Das Geschäft lief gut.»

Noch heute sei zwar nicht alles Schrott, was hier in der Februarsonne glänze. In den letzten Jahren hätten sich aber viele neue Händler angesiedelt, die Autos in schlechterem Zustand für den Export anbieten. «Das wirkt sich automatisch negativ auf den ganzen Verkaufsstandort aus.»

Auch wenn ihm die Veränderungen in der jüngsten Vergangenheit zu schaffen machen: Wenn Saracevic an seine Anfänge als Occasionshändler zurückdenkt, gerät er ins Schwärmen.

Er erzählt von Kundenkolonnen, die sich durch das Areal schlängelten, von Fussballspielen mit den Konkurrenten auf dem Schlierenberg und nationenverbindenden Freundschaften, die in dieser Zeit entstanden sind.

Heute wäre dies alles nicht mehr möglich, ist er sich sicher. Dennoch findet er es schade, dass das «Autohandels-Zentrum» nun einer Wohnsiedlung weichen muss: «Mit uns verschwindet auch ein Teil des Lebens in dieser Stadt.»
 

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