Rückblick
Schlieren lässt sich in die Karten blicken

Postkarten aus den vergangenen hundert Jahren illustrieren den bemerkenswerten Wandel eines Dorfes zur Stadt – gestern Abend wurde die neuste Ausgabe des Jahrhefts der Öffentlichkeit präsentiert.

Alex Rudolf
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Rauchende Cheminees waren damals nichts, das die Landschaft verschandelte, sondern ein Zeichen des Fortschritts Rauchende Cheminees waren damals nichts, was die Landschaft verschandelte sondern ein Zeichen des Fortschritts
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So muss es ausgesehen haben beim Wettfliegen aus der Luft. Karte aus dem darauffolgenden Jahr
Der Kasslerplatz im Jahr 1970 Der Kesslerplatz im Jahr 1970
Ebenfalls ein Spektakel - die Sprenung des Fundaments der Limmatbrücke im Jahr 1935
Postkarte aus dem Jahr 1902
Reformierte Kirche im Jahr 1939
Im Jahr 1900 grüsste Bartha Lips aus Schlieren Im Jahr 1910 grüsste Bertha Lips aus Schlieren
Ebenfalls 1902 versandte man, Fotos des Gaswerks. Der Fotograf Vollenweider sollte eine grosse Zukunft in den USA haben 1902 versandte man Fotos des Gaswerks. Fotograf Vollenweider sollte eine grosse Zukunft in den USA haben.
Schlieren lässt sich in die Karten blicken
Maria Teresia Tauscher war die Gründerin Maria Teresia Tauscher umgeben von Waisenkindern
Das ehemalige Gemeindehaus an der Zürcherstrasse stammt aus der Feder des Architekten Bruno Frisch, dem Vater von Max Frisch
Die Vorbereitungen für das Ballonwettfliegen im Jahr 1909
Die Gasfabrik ins rechte Licht gerückt
Bahnhofstrasse im Jahr 1920. Das Gebäude links steht noch heute
Die älteste Karte von Schlieren zeigt ein vom Mond beleuchtetes Dorf. Das heutige Schlieren ist fast nicht zu erkennen
Autor Philipp Meier

Rauchende Cheminees waren damals nichts, das die Landschaft verschandelte, sondern ein Zeichen des Fortschritts Rauchende Cheminees waren damals nichts, was die Landschaft verschandelte sondern ein Zeichen des Fortschritts

Philipp Meier

Nur wenige Gebäude sind auf der Mondscheinkarte erkennbar. Sie alle sind von viel Natur – Hügeln und Wäldern – umgeben, bei genauerer Betrachtung lässt sich ein Kamin ausmachen. Nur Kenner wissen, dass darauf Schlieren abgebildet ist. Entstanden ist das Foto im März 1899. Es wurde mit der damals sehr beliebten Lichtdruck-Technik bearbeitet. Für den Schlieremer Philipp Meier ist die Karte jedoch nicht bloss schön anzusehen, sie ist eines der wertvollsten Sammlerstücke in seinem Besitz. «Darüber hinaus handelt es sich um die älteste erhalten gebliebene Karte von Schlieren. Sie zeigt wohl am eindrücklichsten, wie dörflich die Stadt noch vor rund 100 Jahren war», sagt er.

Meier verfasste für die Kommission für Ortsgeschichte das Jahrheft 2016, das den Titel «Gruss aus Schlieren» trägt. Dass darin Postkarten zum Thema würden, war naheliegend, denn der pensionierte Lehrer ist passionierter Kartensammler. Er ist nicht nur am darauf Abgebildeten interessiert, wie er sagt, sondern auch an den Geschichten der Menschen, die dahinter stecken. So recherchierte er über mehrere Monate und bringt im Jahrheft auf 70 Seiten die grossen und kleinen Geschichten der Stadt Schlieren heraus. Gestern Abend wurde die Publikation der Öffentlichkeit im Rahmen der Generalversammlung der Vereinigung für Heimatkunde präsentiert.

Lediglich 100 Karten aus Meiers Fundus, der mehr als 300 Stück umfasst, schafften es in die Publikation. Die Selektion sei aufgrund mehrerer Kriterien erfolgt, sagt der Autor. «Ansichtskarten, die eine grosse Aussagekraft haben und die Veränderung der Stadt gut illustrieren, sollten sicherlich ins Heft», so Meier. Doch auch solche, die den damaligen Zeitgeist verkörpern, habe er gerne aufgenommen. So würden gewisse Lithografien einen unglaublichen Charme und sehr viel Optimismus versprühen. «Auf den Karten sind teilweise rauchende Cheminées abgebildet. Was heute stören würde, war damals ein Zeichen des Fortschritts. Die Industrie gab den Menschen den Glauben an eine gute Zukunft», so Meier.

Visionäre würdigen

Doch auch Karten, die weniger den Zeitgeist beleuchten, als dass sie Relevantes zeigen, beurteilte Meier als wichtig. So zeigt etwa eine die Häuserzeile an der Zürcherstrasse 9 im Jahr 1913. Was heute längst nicht mehr alle wissen, ist, dass zwischen 1938 und 1978 das Gemeindehaus in diesem Gebäude beheimatet war, bevor der heutige Standort bezogen werden konnte. «Nur den Wenigsten ist jedoch bekannt, dass es sich beim Architekten dieses Gebäudes um Bruno Frisch handelt, den Vater von Max Frisch», so Meier. So erfahre der Leser kleinere und grössere Details über die Stadt Schlieren, die zum Schmunzeln oder Nachdenken animieren. Gewissen Personen, welche die Stadt geprägt haben, sollte eine Würdigung zuteilwerden. So zum Beispiel Albert Froelich, dem Architekten des Bahnhofsgebäudes aus dem Jahr 1921. Das heute unter Denkmalschutz stehende Gebäude im neoklassizistischen Stil war bereits damals für eine «städtische Umgebung» geplant worden. Froelich war also nicht nur Visionär bezüglich der urbanen Zukunft der Gemeinde, sondern auch ein sehr bekannter Architekt, der einige Prestigeprojekte realisierte – unter anderem das Krematorium Sihlfeld, den Bahnhof Brugg oder das Neue Schauspielhaus in Berlin. «Er sollte keinesfalls in Vergessenheit geraten. Mit der Würdigung in diesem Jahrheft soll Froehlich und anderen Persönlichkeiten eine Ehre zuteilwerden», so Meier.

Dabei fielen Meier nicht sämtliche Informationen einfach in den Schoss. Zeitweise habe er sich wie ein Detektiv gefühlt. Eine Knacknuss habe ihn besonders lange beschäftigt: So tauchte der Name Albert Vollenweider vielfach als fotografische Quelle auf Postkarten auf. «Damals muss er in Schlieren ein wichtiger Mensch gewesen sein, wenn er die Stadt derart oft ins rechte Licht rückte», sagt Meier. Doch habe er keinerlei Informationen über den begnadeten Lithografen und Fotografen finden können, obwohl er das Staatsarchiv nach ihm durchforstete. Dann, erinnert sich Meier, sei er durch eine Bekannte auf das Pestalozzi-Heim für «gefährdete Jugendliche» aufmerksam gemacht worden. Und siehe da: Vollenweider war adoptiert und hiess mit gebürtigem Namen Schuler. Bei Orell Füssli machte er eine Lehre, um danach in die Vereinigten Staaten auszuwandern und dort in Detroit im Auftrag von Orell Füssli eine «Publishing Company» mitzubegründen, die Photochrom-Karten von Städten und Nationalparks in Millionenauflage verkaufte. «Er feierte Grosserfolge in den USA und stammt aus Schlieren. Das ist doch bemerkenswert», resümiert Meier. Es sei bereits geplant, eine spätere Ausgabe des Jahresheftes Albert Vollenweider zu widmen.

Waisenhaus unter Beobachtung

Weniger glamourös, doch ebenso ehrenvoll ist die Geschichte von Schwester Maria-Teresa Tauscher. Die Ordensgründerin der Karmelitinnen eröffnete bei ihrer Durchreise im Jahr 1902 in Schlieren ein Heim für arme und verwaiste Kinder. «Die damalige Bundesverfassung untersagte die Gründung von Klostern, daher nannte sie die Institution St. Josefsheim», so Meier. Bis zu 20 Waisenkinder oder Kinder, deren Mütter in der Industrie tätig waren, lebten in diesem Heim. Doch beobachteten die Zürcher Behörden das Heim mit Misstrauen, wie Meier sagt. Es traten beispielsweise Fälle von Scharlach und Hauttuberkulose auf. Den Schlieremer Behörden war der Nutzen des Heims jedoch von Beginn an bewusst. Das Heim zog 1913 nach Dietikon um, wo es bis 2005 bestehen blieb. Seither wird das Hauptgebäude als Wohnhaus genutzt, während die Stadt Dietikon Trägerin der Kinderkrippe St. Josefsheim ist.

Spektakuläres gibt es im Jahresheft 2016 ebenfalls zu finden. So zum Beispiel die Postkarte, deren Sujet am 5. November 1917 aufgenommen wurde. Zu sehen ist das Resultat einer Bruchlandung im damaligen «Löwen». Eine WT Spezial, ein Militärflugzeug, krachte damals in das Dach des Gebäudes, wo heute das Casa Amici beheimatet ist.

Das Jahrheft «Gruss aus Schlieren» kann für 20 Franken in der Bibliothek, im Stadthaus oder im Ortsmuseum bezogen werden. Gedruckt wurden 500 Exemplare. Ab dem 14. Mai werden die besten Karten im Ortsmuseum gezeigt.