Schlieren
Keine Kontrolle im Homeoffice: Suchtprobleme und familiäre Krisen spitzen sich im Limmattal zu

Die Situation von Suchtkranken und ihren Angehörigen hat sich in der Pandemie verschlechtert. Im Einkaufszentrum Parkside in Schlieren machen die Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon, die Jugendberatung Blinker und die Beratung in Suchtfragen des Bezirks Dietikon mit einer Ausstellung auf das Thema aufmerksam.

Sibylle Egloff
Merken
Drucken
Teilen
Wollen die Bevölkerung sensibilisieren: Afra Berg (links), Franziska Wetzel und Karin Aeberhard informieren anlässlich der dritten nationalen Aktionswoche für Kinder suchtkranker Eltern vom 8. bis 14. März mit einer Ausstellung im Einkaufszentrum Parkside Schlieren.

Wollen die Bevölkerung sensibilisieren: Afra Berg (links), Franziska Wetzel und Karin Aeberhard informieren anlässlich der dritten nationalen Aktionswoche für Kinder suchtkranker Eltern vom 8. bis 14. März mit einer Ausstellung im Einkaufszentrum Parkside Schlieren.

Britta Gut

«Ich habe Angst, dass meiner Mutter etwas passiert», steht auf einer Pappfigur. Auf einer anderen heisst es: «Mein Vater kommt oft betrunken nach Hause. Er wird schnell wütend und schreit mich an.» «Die Sprechblasen sollen die Gefühlswelt von Kindern und Jugendlichen darstellen und veranschaulichen, was sie beschäftigt», sagt Karin Aeberhard. Sie leitet die Suchtpräventionsstelle der Bezirke Affoltern und Dietikon in Schlieren und organisiert zusammen mit Afra Berg von der Jugendberatung Blinker und Franziska Wetzel von der Beratung für Suchtfragen des Bezirks Dietikon eine Ausstellung zum Thema «Kinder und Jugendliche aus (sucht-)belasteten Familien».

Verschiedene farbige Pappfiguren stellen die Gefühlswelt von Kindern mit suchtkranken Eltern dar.

Verschiedene farbige Pappfiguren stellen die Gefühlswelt von Kindern mit suchtkranken Eltern dar.

Britta Gut

Der Ort des Geschehens ist das Einkaufszentrum Parkside in Schlieren. Die drei Frauen versuchen, anlässlich der dritten nationalen Aktionswoche für Kinder suchtkranker Eltern vom 8. bis 14. März die breite Bevölkerung zu sensibilisieren. Die Ausstellung, die bis am Samstag dauert, beinhaltet neben den Pappfiguren einen Stand mit Informationsflyern und einen Bildschirm, auf dem zwei Kurzfilme mit Betroffenen gezeigt werden.

Ein Kind pro Schulklasse ist betroffen

«Wir möchten die Leute dazu ermuntern, hinzuschauen und die Probleme, die sie bemerken, zum Wohle der Familie und der Kinder anzusprechen», sagt Aeberhard. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, die Betroffenen zu unterstützen. «In der Schweiz wachsen rund 100'000 Kinder in einem Elternhaus auf, das von Alkohol oder anderen Substanzen schwer belastet ist. Pro Schulklasse ist in der Regel ein Kind betroffen», sagt Franziska Wetzel. Die Früherkennung und -intervention sei sehr wichtig. «Kinder aus solchen Familien haben tendenziell schlechtere Voraussetzungen, ihr Leben zu meistern. Sie haben ein sechsfach höheres Risiko, selbst süchtig zu werden und auch die Wahrscheinlichkeit in Folge des Erlebten psychisch krank zu werden, ist deutlich erhöht.»

Die Pandemie führt zu einem grösseren Leidensdruck bei belasteten Kindern und Familien, sind sich Franziska Wetzel, Afra Berg und Karin Aeberhard sicher.

Die Pandemie führt zu einem grösseren Leidensdruck bei belasteten Kindern und Familien, sind sich Franziska Wetzel, Afra Berg und Karin Aeberhard sicher.

Britta Gut

Der Leidensdruck belasteter Kinder und Familien ist in der Coronakrise noch gestiegen, bestätigen die drei Expertinnen. «Jugendliche verbringen mehr Zeit zu Hause, haben weniger Kontakt zu Gleichaltrigen. Ihnen fehlt der Ausgleich im Alltag. Daher sind sie dem Verhalten der Angehörigen stärker ausgesetzt», sagt Afra Berg. Sie stellt fest, dass sich familiäre Krisen seit letztem Herbst zuspitzen.

Was das Suchtverhalten anbelangt, hat die Pandemie die Probleme ebenso intensiviert. «Zwar wurden aufgrund des Veranstaltungsverbots und geschlossener Lokale insgesamt weniger Partydrogen und Alkohol konsumiert, doch wer bereits ein leichtes Suchtproblem hatte, der hat nun tendenziell ein grösseres», sagt Wetzel. Die Leute seien in der zweiten Welle gestresster. Hobbys und soziale Kontakte sind eingeschränkt. «Man greift zur Stressbewältigung zu Suchtmitteln. Zudem gilt auch Langeweile als Trinkmotiv», erklärt Wetzel. Ein weiterer Grund dafür sei, dass die soziale Kontrolle durch das Homeoffice wegfalle. «Niemandem fällt am Morgen die Alkoholfahne auf. Der Chef merkt nicht, dass man weniger konzentriert ist oder nicht pünktlich aufsteht.» Bei Jugendlichen habe hingegen das Gamen im Coronajahr zugenommen, bemerkt Berg.

Beengte Wohnverhältnisse sind für Limmattaler Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien während des Fernunterrichts herausfordernd.

Beengte Wohnverhältnisse sind für Limmattaler Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien während des Fernunterrichts herausfordernd.

Britta Gut

Doch es gebe auch viele junge Menschen, welche die Pandemie sehr gut meistern würden. Viele würden die Regeln ohne Murren befolgen, obwohl sie auf vieles verzichten müssen. Es sei aber schon so, dass das Homeschooling für viele Jugendliche überfordernd sei. «Es braucht ein hohes Mass an Selbstorganisation. Hinzu kommen teilweise beengte Wohnverhältnisse, die vor allem für Limmattaler Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien herausfordernd sind», sagt die Jugendberaterin. Einzelnen würden der Fernunterricht und die soziale Distanz aber auch entgegenkommen. Das sei vor allem bei ängstlichen Jugendlichen oder solchen mit autistischen Zügen der Fall. Doch die Mehrheit tut sich schwer damit.

Angst vor Benachteiligung als Coronajahrgang

«Gymischülern oder Studenten, die ihr Studium in der Pandemie begonnen haben, fehlt im Fernunterricht je länger je mehr die Motivation», sagt Berg. Zukunftsängste machen sich breit. «Jugendliche haben Schwierigkeiten, eine Lehrstelle oder einen Job zu finden oder machen sich Sorgen, dass sie ihre Abschlussprüfung nicht bestehen. Viele befürchten zudem, als Coronajahrgang in der Berufswelt benachteiligt zu sein.» Bei den Erwachsenen sieht es ähnlich aus. «Die Situation auf dem Jobmarkt hat sich für die Allerschwächsten wegen Corona massiv verschlechtert. Im Temporärbereich findet man kaum Arbeit», sagt Wetzel.

Damit Konflikte zu Hause nicht eskalieren, empfehlen die Expertinnen, , unter Einhaltung der Corona-Schutzmassnahmen, so viele soziale Kontakte wie möglich zu pflegen. «Man soll sich Entlastungssituationen schaffen und bewusster entspannen», sagt Wetzel. Besonders wichtig sei zudem bei Kindern aus suchtbelasteten Verhältnissen die Förderung von ausserfamiliären Beziehungen und Hobbys «Ihnen tut es gut, wenn sie eine externe Vertrauensperson und Aktivitäten haben», sagt Aeberhard. Und bei allen Schwierigkeiten, die das Virus mit sich bringe, gelte es trotz Social Distancing genau hinzusehen und Betroffenen beizustehen.