Eingemeindung
Schlieren hätte schon einmal Teil von Zürich werden sollen

Schon einmal stand die Frage im Raum, ob Limmattaler Gemeinden mit Zürich fusionieren sollen. 1929 wurde abgestimmt – mit überraschendem Resultat.

Bettina Hamilton-Irvine
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Eingemeinungsplakate im Jahr 1929.

Eingemeinungsplakate im Jahr 1929.

AZ

Die Situation: Die Vororte im Limmattal wachsen immer mehr mit der Stadt Zürich zusammen.

Weil die Aussengemeinden zudem eine andere Sozialstruktur haben als die Stadt Zürich, stehen ihre Steuereinnahmen in keinem Verhältnis zu den Aufwendungen für Schule und Fürsorge. Abhilfe soll eine Eingemeindung in die Stadt Zürich schaffen. Es wird eine entsprechende Initiative lanciert.

Die Zeit: das Jahr 2016? Nein. Denn bereits in den späten 1920er-Jahren stand die Frage im Raum, ob sich Limmattaler Gemeinden der Stadt Zürich anschliessen sollen.

Konkret ging es damals um Schlieren, Oberengstringen, Höngg und Altstetten sowie um acht andere Gemeinden rund um Zürich: Albisrieden, Affoltern, Oerlikon, Schwamendingen, Seebach, Kilchberg, Witikon und Zollikon.

Im Limmattal und im Glattal wohnten zu dieser Zeit vor allem Arbeiterfamilien mit kleinem Einkommen. Der Staatssteuerertrag pro Einwohner betrug im Jahr 1924 in Schlieren 52 Franken und in Oberengstringen 27 Franken, während er in Zürich bei 90 Franken lag – und in Kilchberg gar bei 129 Franken.

Beliebt in armen Gemeinden

Unter der Führung der Sozialdemokraten der Stadt Zürich wurde eine Volksinitiative gestartet, die zum Ziel hatte, Zürich auf einen Schlag mit den zwölf Vorortsgemeinden zu erweitern.

Wie Heinrich Meier im Schlieremer Jahrheft von 1993 schreibt, waren in den ärmeren Gemeinden alle Parteien dafür, auch die bürgerlichen.

Anders sah es in Schlieren aus: Dort war die bürgerliche Mehrheit der Exekutive konsequent gegen die Eingemeindung. In der Bevölkerung gab es vehemente Befürworter wie auch Gegner der Initiative.

An einer Gemeindeversammlung im Frühling 1928, ein Jahr vor der Volksabstimmung, wurde über einen Beitrag von 400 Franken befunden, den die Sozialdemokraten dem Initiativkomitee zukommen lassen wollten.

Der Beitrag wurde mit 93 zu 83 Stimmen, abgelehnt. Vor allem die Linken waren für den Anschluss an die Stadt Zürich: Nicht zuletzt lockten die besseren Sozialleistungen in der seit Jahren von einer SP-Mehrheit regierten Stadt.

Am 12. Mai 1929 sprach sich Schlieren dann sehr deutlich für die Fusion mit Zürich aus: 641 Personen oder 68 Prozent der Stimmbevölkerung sagten Ja, 295 Nein.

Noch eindeutiger war das Resultat in Oberengstringen: Dort sprachen sich nur gerade 14 Personen gegen die Eingemeindung aus, während 158 Personen oder gewaltige 92 Prozent der Stimmbevölkerung dafür war.

Auch der ganze Rest des Bezirks Zürich, zu dem das Limmattal damals noch gehörte, sagte Ja. Das reichte aber nicht: Weil alle Landbezirke das Ansinnen kategorisch ablehnten, winkte der Kanton Zürich schliesslich mit 56 Prozent Nein-Stimmen ab.

In einem zweiten Anlauf fand 1931 die Eingemeindung von acht der zwölf Gemeinden dann doch noch die Zustimmung des Zürcher Stimmvolks. Schlieren, Oberengstringen, Kilchberg und Zollikon gehörten jedoch nicht dazu.