Insieme-Award

Schlieren erhält Preis für Integration von Behinderten

Teil des öffentlichen Lebens. Geistig behinderte Menschen am Umzug anlässlich des Schlierefäschts 2011. Archiv/Sophie Rüesch

Teil des öffentlichen Lebens. Geistig behinderte Menschen am Umzug anlässlich des Schlierefäschts 2011. Archiv/Sophie Rüesch

Der erstmals verliehene Preis für die Integration von Menschen mit Behinderung geht an Schlieren

Am kommenden Mittwoch wird den gut 18 000 Einwohnern der Stadt Schlieren der Insieme-Award verliehen. Der Dachverband der Zürcher Vereine zur Förderung von Menschen mit geistiger Behinderung (Insieme) würdigt mit diesem Preis Aktivitäten in Schlieren im Zeitraum zwischen 2011 und 2015. Jean-Jacques Bertschi, Präsident von Insieme Kanton Zürich, hat sich hohe Ziele gesteckt: «Wir wollen damit den anderen Gemeinden im Kanton Zürich zeigen, wie gelebte Integration behinderter Menschen geht», sagt er.

Hauptpreisträger ist das Organisationskomitee «Schliere lacht», das die beiden Stadtfeste in den Jahren 2011 und 2015 veranstaltet hat. «Mit dem Einbezug geistig behinderter Menschen in verschiedene Festakte wie beispielsweise den Umzug oder anlässlich verschiedener Konzerte wurde ein grosser Schritt getan», sagt Bertschi. Zudem sei bei der Durchführung des Grossanlasses im vergangenen Jahr stark darauf geachtet worden, dass das Festgelände barrierefrei begangen werden konnte. «Dies ist alles andere als selbstverständlich.» Hinzu komme auch, dass der Erlös aus dem Verkauf roter Clownnasen an die Urdorfer Behindertenstiftung Solvita gespendet wurde, die damit eine Projektwoche veranstaltete.

Den Insieme-Award in Form einer Urkunde und einer Medaille erhalten jedoch noch 14 weitere Schlieremer Privatpersonen oder Organisationen, die sich im Bereich der Integration von Menschen mit einer geistigen Behinderung hervorgetan haben. So unterstreicht Bertschi beispielsweise die Weiterführung der Band «Noi Insieme». Man habe beim Schlieremer Musikfachhändler Meyer angefragt, ob zu einem günstigen Preis alte Instrumente bezogen werden könnten. «Zu unserem Erstaunen erhielten wir diese gratis», sagt Bertschi. Weiter gehört die reformierte Kirche, die unentgeltlich den Proberaum zur Verfügung stellt, zu den namentlich erwähnten Preisträgern.

Doch wolle man die gesamte Schlieremer Bevölkerung ehren, also auch jene, die ungenannt bleiben. «Beispielsweise den anonymen, kürzlich verstorbenen Herrn, der den Verein mit einem namhaften Betrag in seinem Testament bedacht hat», so Bertschi. Oder etwa das Engagement der Feuerwehr, die einen geistig behinderten Mann in ihren Reihen aufgenommen hat. «Dieser Mann ist voll dabei und bestens integriert», so Bertschi. Auch dies zeige, dass Insieme in den Köpfen der Schlieremer nicht aus der Stadt wegzudenken sei.

Charly Mettier, Mediensprecher des Schlierefäschts, freut sich über die Auszeichnung, sagt aber auch, dass eigentlich überall selbstverständlich sein sollte, was hier umgesetzt wurde: «Wir wollten ein Fest für alle machen. Um die Bedürfnisse verschiedener Gruppen abzuholen, nahmen im erweiterten OK Personen unterschiedlicher Gruppierungen, wie eben Menschen mit Behinderung, Einsitz», so Mettier. Zudem müsse er auch den Partnern des Festes ein Kränzchen winden. So gab etwa der Festsponsor Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) einen fünfstelligen Betrag dafür aus, das Gelände barrierefrei zu machen.

Erica Brühlmann-Jecklin, die bis vor kurzem gemeinsam mit Susanne Schütz das Orchester «Noi Insieme» leitete und selber mit einem behinderten Bruder aufwuchs, ist eine der erwähnten Preisträgerinnen. «Die Bevölkerung von Schlieren hat diesen Preis absolut verdient», sagt sie. So hätten Behinderte in der Stadt stets einen Platz und würden an manchen Anlässen jeweils dazugehören. Doch Brühlmann-Jecklin betont, dass immer Raum nach oben bestehe. «Es wäre doch toll gewesen, wenn der Schlussevent des Schlierefäschts auch von Behinderten bestritten worden wäre und nicht nur von kaum bekleideten Samba-Tänzerinnen.» Brühlmann-Jecklin ist insbesondere der Schutz der Würde von Menschen mit Behinderung wichtig. «In diesem Bereich gibt es noch einiges zu tun – auch bei uns in Schlieren.»

In welcher Regelmässigkeit der Insieme-Dachverband den Preis künftig vergeben wird, hält sich Bertschi offen. «Wir werden ihn, wenn sich eine Organisation oder Gemeinde mit besonderen Leistungen für Behinderte hervorgetan hat, verleihen. Ob dies nun jährlich passiert oder lediglich alle fünf Jahre, wird sich zeigen», so Bertschi.

Noch viele Herausforderungen

Die Preisverleihung im Stürmeierhuus vom kommenden Mittwoch soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es noch viele Baustellen gibt – vornehmlich auf der Ebene der kantonalen Politik. So kämpfe der Insieme-Dachverband derzeit für einfachere, verkürzte Verfahren bezüglich der Kesb (Kinder und Erwachsenenschutzbehörde). «Von Eltern der Menschen mit Behinderung werden sehr komplexe Buchhaltungsnachweise verlangt, die nach Ansicht des Verbandes nicht notwendig sind», so Bertschi. Offene Fragen gebe es auch bezüglich des Älterwerdens. «Behinderte werden heute immer älter. Was etwas Schönes ist, stellt die Betreuungsorganisationen jedoch vor Herausforderungen», sagt er.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1