Noch vor 40 Jahren hätte das wohl zu Demonstrationen geführt: Der Schlieremer Stadtrat lässt den 1. Mai für den Sonntagsverkauf zu.

Anfang November verabschiedete er einen entsprechenden Beschluss. Bereits 2015 dürfen Geschäfte in Schlieren am Feiertag der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung erstmals Kunden empfangen, wie Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP) auf Anfrage bestätigt.

Sein Ressort legt jährlich vier verkaufsoffene Sonntage für das Gewerbe fest. Bisher war der 1. Mai – wie etwa auch der Weihnachtstag oder der 1. August – davon ausgeschlossen. In einer Stadt, in der es wegen der grossen Industriebetriebe wie der Wagonsfabrik und dem Gaswerk einst eine starke Arbeiterbewegung gab, bedeutet der Beschluss des Stadtrats einen Bruch mit einer langen Tradition.

Der Entscheid erstaunt umso mehr, weil er unter der Ägide eines Sozialdemokraten gefällt wurde. «In meiner tiefsten Seele tut es mir natürlich weh, dass wir den Tag der Arbeit für den Sonntagsverkauf freigeben», sagt Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin (SP).

Man müsse aber anerkennen, dass sich die Zeiten geändert hätten: Der grösste Teil der Schlieremer Bevölkerung nehme heute nicht mehr an einer 1.-Mai-Veranstaltung teil. «Die meisten nutzen diesen Feiertag stattdessen eher, um Einkäufe zu erledigen», erklärt Brühlmann. Weil dort der Tag der Arbeit kein Feiertag ist, würden dazu viele Stadtbewohner in den Nachbarkanton Aargau ausweichen.

Arbeiterklasse ist geschrumpft

Béatrice Bürgin, die Präsidentin der SP-Ortspartei, reagiert auf den Beschluss des Stadtrats gelassen. Natürlich werde sie nostalgisch, wenn sie sich daran erinnert, dass Schlieren vor 35 Jahren noch einen eigenen 1.-Mai-Umzug hatte, der gut besucht war, sagt sie: «Aber die Stadt und die Welt haben sich verändert.»

Heute sei die Arbeiterklasse in der Stadtbevölkerung weit weniger stark vertreten als damals. Und die Arbeitsbedingungen hätten sich in den meisten Branchen stark verbessert. «Viele Menschen sehen heute keinen Sinn mehr darin, einen Arbeitskampf zu führen», so Bürgin. Gegen den Sonntagsverkauf am Tag der Arbeit werde sie daher nicht opponieren. «Für mich ist eher entscheidend, dass das Personal dann entsprechend entschädigt und auf Angestellte mit Familien Rücksicht genommen wird», so Bürgin.

Den Hintergrund für den Beschluss des Stadtrats bildet eine Anfrage des Grossdetaillisten Bauhaus. Bereits 2013 ersuchte er die Schlieremer Exekutive darum, seine Filiale im Schlieremer Industriequartier am 1. Mai 2014 offenhalten zu dürfen. Der Stadtrat lehnte dies damals noch ab – mitunter, weil er diesbezüglich keine Vorreiterrolle übernehmen wollte: Schlieren wäre damals die einzige grössere Gemeinde im Kanton Zürich gewesen, die den Sonntagsverkauf am Tag der Arbeit zulässt.

Andere Gemeinden legten vor

Vor einem Monat gelangte auch die Detaillistenvereinigung Pro Schlieren mit dem Antrag an die Stadt, den Feiertag als verkaufsoffen festzulegen. Sie begründete dies damit, dass Konkurrenten von Bauhaus und anderen Schlieremer Geschäften im Aargau und in der Nachbargemeinde Unterengstringen dann geöffnet haben. Im Jahr 2014 hatten im Kanton zudem die Stadt Stäfa und vier weitere Gemeinden den 1. Mai für den Sonntagsverkauf freigegeben.

«Wir sahen uns daher nicht mehr in der Pionierrolle», erklärt Sicherheitsvorstand Dalcher. Er sieht den Beschluss des Stadtrats als Konsequenz eines generellen Trends, die Feiertage aufzuweichen:

«Auch am 2. Januar sind in vielen Gemeinden die Läden heute offen.» Als Agglomerationsgemeinde müsse man angesichts der Konkurrenz in der Stadt Zürich und in den umliegenden Gemeinden auf die Bedürfnisse des eigenen Gewerbes achten, so Dalcher. Ausserdem sei der 1. Mai als verkaufsoffener Tag in Zukunft nicht in Stein gemeisselt. «Wir legen die Sonntagsverkäufe jedes Jahr von Neuem fest», sagt er.