Kommentar zum Schlierefäscht
Schlieren braucht das «Schlierefäscht» dringend

Zehn Jahre ist es her, da hat der Schlieremer Stadtrat Politik und Bevölkerung zum Aufbruch in ein neues Zeitalter aufgerufen. «Schlieren macht vorwärts!», hiess die Losung und das Ausrufezeichen wurde Programm.

Jürg Krebs
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Das Schlierefäscht zieht die Massen an - Ein Ort der Begegnung. jk

Das Schlierefäscht zieht die Massen an - Ein Ort der Begegnung. jk

Limmattaler Zeitung

Das war bitter nötig. Denn nach dem Zusammenbruch der Industrie in den 70er- und 80er-Jahren war die Arbeiterstadt einer Art Dornröschenschlaf verfallen, aus dem sie geweckt werden musste. Das gelang der Stadtregierung. Die Folgen sind bekannt. Zürich West blühte auf und in Schlieren setzte ein Bauboom ein, der seinesgleichen sucht und der das Gesicht der Stadt verändert hat. Nicht nur optisch und in Form neuer Überbauungen. Die Einwohnerzahl ist nämlich in nur wenigen Jahren um fast 50 Prozent auf rund 17000 Einwohnerinnen und Einwohner angewachsen, die Tendenz ist steigend.

Angesichts dieser Entwicklung ist es kein Wunder, wenn Schlierens Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin von einem «unglaublichen Wandel» spricht. Er meint dies positiv. Und weil dies alles für Schlieren so bedeutsam war und ist, soll gefeiert werden. Zehn Tage der Festivitäten stehen für zehn Jahre mühseliger Aufbauarbeit und Schweiss. Trotzdem oder gerade deshalb heisst es seit gestern Abend: «Schliere lacht», so will es das Festmotto.

Begegnungsmöglichkeiten schaffen

«Schlieren hat dieses Fest verdient», sagt Rolf Wild, der Präsident des Organisationskomitees, mit Blick auf das geleistete. Wer mag ihm da widersprechen. Genauso richtig ist jedoch: Schlieren braucht dieses Fest dringend. Wenn plötzlich knapp ein Drittel der Bevölkerung aus Neuzuzügern besteht, dann trägt dies zu einer Anonymisierung der Gesellschaft bei, mit all den negativen Auswirkungen auf ein friedvolles Zusammenleben. Da hilft es, Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Sich kennen lernen heisst die Lösung.

Das Schlierefäscht kommt also zum richtigen Zeitpunkt. Ob die Bemühungen von Erfolg gekrönt sein werden, wird sich weisen. Sympathisch ist, dass Schlieren die umliegenden Gemeinden zum Mitfeiern einlädt. Der grosse Umzug von morgen (ab 11.30 Uhr), an dem 40 Gruppierungen und etwa tausend Mitwirkende das Publikum mit geschmückten Wagen erfreuen wollen, kann als Einladung an die Region verstanden werden, Grenzen zu überwinden.

Stadtentwicklung weiter lenken

An grossen Herausforderungen für den Stadtrat wird es in den kommenden Jahren trotz einiger Erfolge nicht fehlen: Es gilt, die Stadtentwicklung, die eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat, weiterhin zu lenken und, wo möglich, mitzugestalten. Gleichzeitig muss es ihm gelingen, die Zugezogenen ins bestehende gesellschaftliche Gefüge zu integrieren, und zwar im Takt der Einweihung neuer Arealüberbauungen.

Jürg Krebs, Chefredaktor az Limmattaler Zeitung

Jürg Krebs, Chefredaktor az Limmattaler Zeitung

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Nicht sicher ist, ob der Stadtrat seine eigene Idee der Stadtentwicklung weiterverfolgen und ihr zum Durchbruch verhelfen kann. Das zeigte sich anlässlich der Parlamentssitzung vom letzten Montag deutlich. Während der alte Wunsch nach moderneren Wohnungen Erfüllung findet, gerät die Neugestaltung des Stadtkerns ins Stocken. Die Stichworte heissen fussgängerfreundlicher Stadtplatz und Limmattalbahn. Der Stadtplatz soll zusammen mit einem Kulturplatz mitten in Schlieren ein Ort der Begegnung werden. Die Limmattalbahn soll den öffentlichen Verkehr fördern und die Autos aus dem Zentrum verdrängen. Beide Projekte wurden von den Bürgerlichen an den Stadtrat zur Überarbeitung zurückgesandt. Die Vorbehalte gegenüber den Projekten sind gross. Zusätzliche Informationen sollen bessere Entscheidungen ermöglichen, so die Absicht.

Der Stadtrat hingegen fürchtet nun, das vor vielen Jahren begonnene Vorhaben, mit Schlieren vorwärtszumachen, kurz vor dem Ziel aufgeben zu müssen. In dieser Situation kann das Schlierefäscht helfen. Es bietet Politik und Bevölkerung nämlich die Möglichkeit, Differenzen eine Weile beiseite zu lassen und sich den heiteren Seite des Lebens zu widmen. Es ist ein offenes Geheimnis: Lachen befreit. Vielleicht entstehen daraus ja neue Ideen und konstruktive Kompromisse – zur Zufriedenheit aller.