Schlieren
Schlieremer Stadtrat lehnt ein Pilotprojekt für Tagesschulen ab

Der Schlieremer Stadtrat lehnt ein Pilotprojekt für Tagesschulen ab. Genau das hatte Béatrice Miller (SP) mit einer Motion verlangt. Die Forderung der Motionärin seien bereits erfüllt, begründet die Exekutive. Miller sieht das ganz anders.

Sophie Rüesch
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Heute gibt es in Schlieren Mittagstisch, Hort und Randzeitenbetreuung. Eine Tagesschule soll so bald nicht hinzukommen (Symbolbild)

Heute gibt es in Schlieren Mittagstisch, Hort und Randzeitenbetreuung. Eine Tagesschule soll so bald nicht hinzukommen (Symbolbild)

Keystone

Was lange währt, wird endlich gut – für Gemeindeparlamentarierin Béatrice Miller (SP) hat sich dieser Spruch für einmal nicht bewährt. Über 15 Monate musste sie auf eine Behandlung ihrer Motion warten. 2012 verlangte sie von de Die Forderungen von Béatrice Millers Motion seien bereits erfüllt, findet r Exekutive ein Konzept für eine Tagesschule auf Primarschulstufe sowie die Durchführung eines entsprechenden Pilotprojekts. Mit dem Resultat ist sie nun alles andere als zufrieden. Denn ein Pilotprojekt im Bereich Tagesstrukturen erachtet der Schlieremer Stadtrat als «eher ungeeignet» und beantragt dem Parlament, die Motion abzuschreiben.

Schlieren braucht 150 bis 200 Plätze

Schlieren rechnet mit einer Zunahme des Bedarfs im Betreuungsbereich: 150 bis 200 zusätzliche Plätze dürfte die Schlieremer Bevölkerung in den kommenden Jahren beanspruchen, wie der Stadtrat in seinem Bericht zur Motion betreffend Tagesschulen schreibt. Ein überdurchschnittlich hoher Ausländeranteil und Sozialindex lassen die Exekutive auf diesen hohen potenziellen Bedarf schliessen. Gleichzeitig sind Zahlungskraft und -bereitschaft tief. Gemäss dem aktuellsten kantonalem Betreuungsindex beträgt der Versorgungsgrad auf Schulebene in Schlieren 7,7 Prozent. Der kantonale Mittelwert liegt bei 11 Prozent, von einem überdurchschnittlichen Versorgungsgrad ist ab 15 Prozent die Rede. Weil Schlieren aber bei der Subventionierung des städtischen Betreuungsangebots besser als andere Gemeinden abschnitt, liegt es im Index immerhin noch auf Platz 42 von 157 - vor ihm liegen von den Limmattaler Gemeinden nur Dietikon (20) und Uitikon (34). Bei den bestehenden Angeboten in Schlieren sind laut Stadtratsbericht Betreuung und Verpflegung über Mittag am gefragtesten, gefolgt von der Betreuung nach Unterrichtsende. Der kleinste Bedarf besteht bei der Morgenbetreuung. Eine schriftliche Befragung von 150 Eltern, deren Kinder bestehende Tagesstrukturen beanspruchen, ergab, dass die Zufriedenheit mit der Betreuungsqualität zwar gross ist, jedoch längere Öffnungszeiten und Ferien- sowie Wochenendbetreuung gewünscht sind. (rue)

Das bisherige Betreuungsangebot, das sich aus Schule, Hort, Mittagstisch und Randzeitenbetreuung zusammensetzt, bezeichnet Miller als «Flickenteppich». Veränderte Familienstrukturen und der Anstieg der Schülerinnen- und Schülerzahlen würden nach neuen Lösungen im Betreuungsbereich verlangen; Miller verortet diese in einem integrierten pädagogischen Konzept für Unterricht und Betreuung. In ihrem Motionstext zitiert sie eine Nationalfondsstudie, die besagt, dass nicht nur die Eltern davon profitieren würden: So wirke sich der Besuch von Tagesschulen auch positiv auf Sprachkompetenz, Sozialverhalten und Alltagsfertigkeit der Kinder aus.

Ausbau in Schlieren West geplant

Doch von all dem will der Schlieremer Stadtrat nichts wissen. In seinem Bericht macht er geltend, dass Millers Grundanliegen eigentlich bereits erfüllt sind. «In Schlieren existiert schon seit geraumer Zeit ein Konzept für Unterricht und Betreuung von Primarschülern, das laufend weiterentwickelt wird und mit dem Zuwachs der Schülerzahlen Schritt hält», so die Exekutive. Im Zusammenhang mit der Planung des neuen Schulhauses Schlieren West, dem das Stimmvolk im November zustimmte, sei ein Ausbau der Betreuungsstrukturen zudem bereits geplant.

60 neue, in das Schulgebäude integrierte Betreuungsplätze sollen nach der Eröffnung im Jahr 2016 zur Verfügung stehen. Vorgesehen ist ein «freiwilliges modulares Angebot», für das der Stadtrat existierende Strukturen in Zollikon und Herrliberg als Beispiele anführt. Dort können die Eltern zwischen verschiedenen Modulen (Morgen, Mittag, halber oder ganzer Nachmittag) wählen. Die Kosten, die den Schlieremer Eltern für ein ähnliches System anfallen würden, schätzt der Stadtrat auf jährlich 444 000 Franken oder 7400 Franken pro Kind – ohne Subventionen.

«Komplett am Thema vorbei»

Miller ist mit der stadträtlichen Antwort «gar nicht» zufrieden: «Der Bericht geht komplett am Thema vorbei», sagt sie auf Anfrage. Was der Stadtrat als «Schlieremer Tagesschulmodell» darstelle, sei in Wirklichkeit gar keine Tagesschule, sondern ein Ausbau der herkömmlichen Strukturen. Das «Schlieremer Tagesschulmodell» entspricht gemäss Definition der kantonalen Bildungsdirektion in der Tat eher einem Hort: In einer Tagesschule sind die Kinder nämlich «von Montag bis Freitag von Unterrichtsbeginn bis Unterrichtsende» untergebracht, mit der Möglichkeit auf zusätzliche individuelle Randzeitenbetreuung.

Zudem werde dort eine fixe Kindergruppe betreut, betont Miller. «Die konstanten Beziehungen schaffen Geborgenheit und bieten den Vorteil, dass im Unterricht behandelter Stoff während der Betreuungszeiten vertieft werden kann.» Gegen modulare Angebote an sich hat die Gemeindeparlamentarierin zwar nichts einzuwenden. Doch: «Eine Stadt wie Schlieren braucht verschiedene Betreuungsmodelle, weil sie eine sehr heterogene Bevölkerung mit unterschiedlichen Bedürfnissen im Betreuungsbereich hat.» Gerade eine Stadt, die sich mit dem Slogan «Wo Zürich Zukunft hat» bewirbt, könne sich ein einseitiges Betreuungsangebot nicht leisten, ist sie überzeugt.

Ob Miller im Parlament eine Mehrheit gegen die Abschreibung ihrer Motion versammeln kann, wird sich weisen. Zumindest die klaren Stimmverhältnisse bei der Überweisung der Motion lassen sie hoffen: 25 Parlamentarier stimmten dafür, nur 4 dagegen.

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