Härtefall
Schlieremer Sikhs: «Wir sind noch da und schauen vorwärts»

Zwei von Ausweisung bedrohte Sikh-Familien durften in Schlieren bleiben. Mithilfe der Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende und zahlreichen Unterstützern gelang es, die Behörden von einem Härtefall zu überzeugen.

Alfred Borter
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Pfarrer Ernst Sieber (links) unterstützte im Jahr 2008 das Härtefallgesuch der Sikh-Familien. jk

Pfarrer Ernst Sieber (links) unterstützte im Jahr 2008 das Härtefallgesuch der Sikh-Familien. jk

Eine Geschichte, die zwar noch kein Happy End kennt, aber für die in Schlieren wohnhaften Karan Singh und Harminder Khalsa-Singh mindestens bisher gut verlaufen ist: Die beiden Sikhs aus Indien, die zusammen mit ihren Familien im Februar 2008 kurz vor der Ausschaffung standen, weil sie nach der damaligen Meinung des Bundesamts für Migration in Indien keine Repressalien mehr zu befürchten hätten, erhielten von den Behörden später doch noch eine provisorische Aufenthaltsbewilligung, wie sie gestern auf Anfrage der az Limmattaler Zeitung erklärten. «Es gibt drei Dinge, die für uns wichtig sind», sagt der jetzt 50-jährige Karan Singh. «Erstens wurden wir nicht weggeschickt, zweitens ist alles, wie es eben ist, und drittens schauen wir vorwärts.»

Es waren schwierige Zeiten damals Anfang 2008. Karan Singh fürchtete, wie auch sein um zwei Jahre jüngerer Kollege Harminder Khalsa-Singh, eine Ehefrau und zwei Kinder, um Leib und Leben, wenn er nach Indien hätte zurückkehren müssen. Den beiden Männern drohte dort nämlich die Verfolgung, weil sie vor dreissig Jahren an Flugzeugentführungen beteiligt waren, welche das Ziel hatten, die Weltöffentlichkeit auf die schlimme Lage der Sikhs in Indien aufmerksam zu machen.

Unterstützung von allen Seiten

Die beiden Sikhs suchten in der Schweiz um Asyl nach, doch wurde ihnen dieses verweigert, eben mit der Begründung, es bestehe kein Asylgrund. Mithilfe der Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende und sehr zahlreichen Unterstützern aus allen Schichten der Bevölkerung gelang es aber, die Zürcher Behörden davon zu überzeugen, dass hier ein Härtefall vorlag. Den Stein ins Rollen gebracht hatten die damalige Schlieremer SP-Präsidentin Elisabeth Scheffeldt, Parteikollegin Béatrice Bürgin und die inzwischen verstorbene SP-Gemeinderätin Wafâa Jafrane Brajkovic.

«Inzwischen sind wir 17 Jahre in der Schweiz», zieht Karan Singh Bilanz. Sie haben bloss eine prekäre Aufenthaltserlaubnis: Sie können hierbleiben, weil der Vollzug der Rückweisung jetzt nicht möglich ist. Und so arbeiten die beiden Männer weiter. Die Kinder – inzwischen haben Harminder Karan und seine Frau noch ein drittes Kind bekommen – besuchen die Schule oder den Kindergarten, sie sprechen Schweizerdeutsch und Panjabi, die im Punjab gesprochene Sprache.

Fahrt nach Rust liegt nicht drin

Die beiden Familien gehören den Sikhs an, einer monotheistischen Religion, die im 15. Jahrhundert in Indien entstanden ist und weltweit rund 23 Millionen Anhänger zählt. In der Schweiz gibt es nach Auskunft von Karan Singh etwa 400 oder 500 Sikhs; sie verfügen seit dem Jahr 2006 in Langenthal über einen Tempel, ein Gurdwara, zu dem Sikhs aus ganz Europa hinkommen, um hier ihre Feste zu feiern; Karan Singh ist der Präsident der Stiftung, welche den Tempel erbaut hat.

Der Tempel steht Angehörigen aller Religionen offen, die Sikhs achten alle Religionen als gleichwertig. «Alle Menschen sind gleich», sagt Singh. Die beiden Männer tragen als praktizierende Sikhs den traditionellen Turban. Beide hoffen, dass sie, obwohl sie und ihre Familien bloss einen auf Vorläufigkeit beruhenden Aufenthaltsstatus haben, in der Schweiz bleiben können. «Wir sind hier integriert», hält Singh fest. Er sei gerne hier. Höchstens, dass seine Kinder nicht verstehen, warum sie nicht mit ihren Kameradinnen und Kameraden etwa nach Rust in den Europapark fahren dürfen. Ihr Ausweis berechtigt sie nicht, die Schweizer Grenze zu überqueren.