«Ein Café, in der man einen Imbiss nehmen kann, auch am Wochenende», «ein Quartierzentrum», «ein grosser Spielplatz, der als Treffpunktmöglichkeit für Eltern genutzt werden kann», «den Verkehr so gestalten, dass alle zufrieden sind» - innert kürzester Zeit sind die grossen Papierbögen vollgeschrieben. Voll mit Ideen, Anregungen und Wünschen der Bewohner des Schlieremer Stadtteils Südwest zur Gestaltung ihres Quartiers (siehe Box).

Es bleibt aber nicht nur bei den Ideen. Zu den sechs Themenbereichen Begegnungsorte, Kesslerplatz, Betagte in Schlieren West, Färberhüsliwiese/Robinsonspielplatz, Kinderbetreuung und Verkehr haben sich gut zwei Dutzend Schlieremer zu Arbeitsgruppen zusammengeschlossen. Sie werden bis Oktober die Themen vertiefen und konkrete Vorschläge einbringen. Oder wie es Stadtpräsident Toni Brühlmann-Jecklin zu Beginn des Abends ausgedrückt hat: «Bis jetzt haben wir nur geschwatzt - jetzt machen wir Dinge mit Hand und Fuss.»

Nachbarschaft zum Wohlfühlen

Sechs Arbeitsgruppen und viele Ideen - das eindrückliche Ergebnis eines zwischenzeitlich sehr lauten Abends. Ausschlaggebend für die hitzigen Diskussionen waren die Erkenntnisse der Quartierforscher, die Barbara Emmenegger, die Projektleiterin der Fachhochschule Luzern, präsentierte.

Die 22 Männer und Frauen hatten in den vergangenen Monaten Dutzende Interviews geführt und Quartierbegehungen durchgeführt und dabei mehr als 60 Leute im Alter zwischen 12 und 94 Jahren und ganz unterschiedlicher Herkunft zum Stadtteil Südwest befragt: Was sind die Besonderheiten des Quartiers, wie wird es genutzt? Was muss anders werden, wo drückt der Schuh? Und wie war es früher?

Die Antworten blieben weitestgehend ohne grössere Überraschungen: Positiv bewertet wurden mitunter die Anbindungen an den öffentlichen Verkehr, die Nähe zu Zentrum und Naherholungsgebieten, die attraktive Infrastruktur. Bemängelt wurden unter anderem die gefährlichen Verkehrssituationen, fehlender Raum für Begegnungen und die Parkplatzsituation. Spannungen gebe es im Quartier hingegen kaum, die Leute fühlen sich wohl in ihrer Nachbarschaft.

Wasserpfeifen im Gebüsch

Auch die 23 Jugendlichen vom Schulhaus Kalktarren, die sich in einem Workshop mit der Quartierplanung beschäftigt haben und bis Oktober das Thema «Jugend» bearbeiten werden, fühlen sich wohl. Das Quartier sei zwar ein wenig verschlafen, es fehlt ihnen an Infrastruktur, um vermehrt Sport zu treiben, an Boutiquen, an einem Café. Problemorte seien ihnen aber nicht bekannt, Gewalt, Mobbing und Drogenkonsum seien hier kein Thema.

Keine Spannungen? Keine Drogenprobleme? Das stösst einigen im Saal sauer auf, Spannungen gebe es sehr wohl und Drogenprobleme erst recht. Einer nach dem anderen meldet sich lautstark zu Wort: Jede Woche sehe er an der Schönenwerdstrasse, wie die Polizei die Wohnungen wegen Drogen durchsuche, sagt einer. Ein anderer doppelt nach; er entdecke beim Hundespaziergang immer wieder Wasserpfeifen in den Gebüschen und Drogenutensilien auf dem Spielplatz.

Eine Frau meldet sich, an der Kesslerstrasse gebe es grosse Probleme mit einigen Jugendlichen vom Kalktarren; sie seien zu laut und ihren Abfall würden sie auch herumliegen lassen. Und als die Diskussion auf das Thema Limmattalbahn fällt, brechen bei einigen Zuhörern alle Dämme. Von Enteignung ist die Rede, von Lügen und dem Spalten des Quartiers. Geschäftsleiter und Moderator Martin Studer muss sich einschalten. Diese Themen zu diskutieren, sei wichtig und nötig. «Das ist genau der Sinn dieser Zusammenkunft», beschwichtigt er und bietet den Votanten an, sich doch für die Arbeitsgruppe Verkehr zu melden.

Nach dem Formieren der einzelnen Gruppen haben sich die Wogen wieder geglättet. Brühlmann und Emmenegger freuen sich über das Engagement, das die Quartierbewohner auch nach der Diskussion an den Tag legen. Da komme Energie in die Sache, da passiere etwas, meinen sie. Hat sie die Heftigkeit nicht überrascht? Brühlmann schüttelt den Kopf. «Solche Diskussionen zeigen doch, wie gross das Bedürfnis ist, sich über solche Fragen austauschen zu können.» Und Emmenegger meint: «Das gehört zu solchen Projekten dazu, das muss man zulassen. Es zeigt, dass es die Leute interessiert, was in ihrem Quartier passiert.»