Zürcher Obergericht
Schlieremer Polizisten: Gewaltbereite Prügler oder unschuldige Justizopfer?

Bei einem spannenden Berufungsprozess am Zürcher Obergericht geht es um Amtsmissbrauch und Körperverletzung. Ein 47-jähriger IV-Rentner beschuldigt zwei Schlieremer Stadtpolizisten, ihn verprügelt, genötigt und beraubt zu haben.

Attila Szenogrady
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In diesem Schrebergarten im Stadtteil Ifang soll ein Mann geschlagen und getreten worden sein. FNI

In diesem Schrebergarten im Stadtteil Ifang soll ein Mann geschlagen und getreten worden sein. FNI

Florian Niedermann

Am Dienstag gibt es an der Ifangstrasse in Schlieren einen aussergewöhnlichen Besuch. Drei Oberrichter werden unter dem Vorsitz des Gerichtspräsidenten Daniel Bussmann einen Schrebergarten aufsuchen. Zu den Besuchern gehören auch ein Gerichtsschreiber, die Prozessparteien, Medienvertreter und Rechtsanwälte. Unter ihnen der bekannte Zürcher Strafverteidiger Valentin Landmann.

Das Obergericht wird dann einen Schrebergarten und ein Gartenhäuschen unter die Lupe nehmen. Es handelt sich laut Anklage um den Tatort, an welchem zwei Angehörige der Stadtpolizei Schlieren einen am 24. Juni 2011 betrunkenen Randständigen spitalreif geprügelt und anschliessend genötigt sowie bestohlen haben sollen.

Was die beiden Beschuldigten allerdings umfassend in Abrede stellen. Die Oberrichter wollen sich vor Ort ein Bild machen, um die sich widersprechenden Darstellungen besser abwägen zu können.

Das Bezirksgericht Dietikon hat im Dezember vor einem Jahr beide Beschuldigten wegen Amtsmissbrauchs, Freiheitsberaubung, Nötigung, Körperverletzung, Hausfriedensbruchs und Sachentziehung zu bedingten Freiheitsstrafen von je 16 Monaten verurteilt. Damit hatte das Dietiker Gericht dem geschädigten IV-Rentner (47) und der Version der Staatsanwaltschaft geglaubt.

Schuldsprüche in Dietikon

Demnach hatten die beiden Polizeibeamten am Tattag in einen Nachbarschaftsstreit eingegriffen. Dabei schlossen sie den betrunkenen Schrebergärtner in sein Gartenhäuschen ein und verprügelten ihn danach abwechslungsweise mit diversen Schlägen ins Gesicht und einem heftigen Fusstritt in den Oberbauch.

Nicht zuletzt beugte einer der Beamten einen Zeigefinger des Geschädigten nach hinten. Dann zwangen die beiden Beschuldigten, den Mittvierziger einen Art Kündigungsbrief für die Gartenlaube zu schreiben und nahmen ihm sein Handy sowie einen Schlüssel weg. Zum Schluss jagten sie ihn davon und stellten ihm noch mit dem Polizeiauto nach.

Das Dietiker Gericht sah diesen Sachverhalt aufgrund der konstanten und glaubhaften Aussagen des IV-Rentners als erstellt an. Hinzu kam ein Arztbericht mit einem Verletzungsbild, das mit den Aussagen des Privatklägers laut Urteil übereinstimmte.

Kündigung und Freistellung

Für die beiden Polizeibeamten, die vergebens Freisprüche verlangt hatten, waren die Folgen einschneidend. Der ältere, heute 53-jährige Beamte hatte bereits vor dem ersten Urteil aufgrund der Belastung wegen des Strafverfahrens gekündigt.

Der jüngere, heute 43-jährige Beschuldigte wurde unmittelbar nach dem Schuldspruch vom Polizeivorstand von Schlieren freigestellt. Beide Männer sehen sich als Justizopfer und legten Berufung ein. Weshalb nun der umstrittene Fall das Obergericht beschäftigt.

Der Augenschein am Tatort wird voraussichtlich eine Stunde dauern. Danach wird die Verhandlung um 10.30 Uhr am Obergericht fortgesetzt. Ob es bereits am Dienstag zu einem Urteil kommt, ist noch unklar. Die grösste Schwierigkeit des umstrittenen Falles liegt in der Tatsache, dass es ausser den Prozessparteien keine direkten Tatzeugen gibt.

Zudem hatte der Beschuldigte erst drei Monate nach dem Vorfall eine schriftliche Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet. Offenbar mit Erfolg, da die Untersuchungsbehörden gegen beide Schlieremer Stadtpolizisten eine Strafuntersuchung einleiteten und Anklage erhoben.

Vergeblich 8 Millionen gefordert

Der Geschädigte verlangte am Bezirksgericht Dietikon einen Schadenersatz sowie Genugtuung von acht Millionen Franken. Allerdings vergeblich, da das Gericht darauf nicht eintrat. Ob der Privatkläger auch vor Obergericht seine unrealistischen finanziellen Forderungen stellen wird, ist noch nicht bekannt. Bei allfälligen Freisprüchen wird der Geschädigte ohnehin leer ausgehen.

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