Interview

Schlieremer Politikerin Brändle-Amolo: «Rassismus ist kein US-amerikanisches Problem»

Yvonne Brändle-Amolo demonstrierte am Pfingstmontag in Zürich für die Rechte von Schwarzen.

Yvonne Brändle-Amolo demonstrierte am Pfingstmontag in Zürich für die Rechte von Schwarzen.

Die Schlieremer SP-Gemeinderätin Yvonne Brändle-Amolo wehrt sich gegen die Diskriminierung Schwarzer. Sie erzählt, wie man das Problem angehen sollte.

Mit ihrer Haarpracht und ihrer Hautfarbe gehört die Schlieremer SP-Gemeinderätin Yvonne Brändle-Amolo zu den schillerndsten Figuren in der Limmattaler Regionalpolitik. Aufgrund ihres Aussehens wird die gebürtige Kenianerin in der Schweiz aber immer wieder mit Rassismus konfrontiert. Für sie ist es deshalb wichtig, dass die Schweizer die «Black Live Matter»-Bewegung in den USA unterstützen. «Rassismus ist kein US-amerikanisches Problem», sagt sie.

Sie haben am Pfingstmontag am «Black Lives Matter»-Protest in Zürich teilgenommen. Was hat Sie bewogen, auf die Strasse zu gehen?

Yvonne Brändle-Amolo: Die Bilder von der Ermordung von George Floyd erschüttern mein Innerstes. Die Gefühle von Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht und Wut – im Wissen, dass das nicht das erste und wahrscheinlich leider auch nicht das letzte Mal war – sind schwer zu ertragen. Ich nutze aber die Energie, die mir diese Wut gibt und stecke sie in mein aktivistisches und politisches Engagement. Dazu gehört auch die Teilnahme an Demonstrationen wie dieser am Pfingstmontag.

Ist es wichtig, dass auch die Schweiz ein Zeichen setzt und trotz Coronavirus Demonstrationen mit hunderten von Leuten stattfinden?

Ja, es ist unglaublich wichtig, dass sich die Leute jetzt solidarisieren, vernetzen und austauschen können. Rassismus ist ein jahrhundertealtes Problem, das viel Leid verursachte und viele Todesopfer forderte. Die angestaute Wut und der Frust müssen auf eine konstruktive Art und Weise kanalisiert werden, sodass Rassismus und rassistische Strukturen bekämpft werden können. Natürlich waren wir uns an der Demonstration auch der besonderen Lage aufgrund des Corona-Virus bewusst. Die Leute wurden angehalten, Abstände einzuhalten, die Hände zu desinfizieren und Schutzmasken zu tragen.

Der Fall George Floyd ist einer von zahlreichen in den USA. Immer wieder fallen Afroamerikaner der Polizeigewalt zum Opfer. Immer wieder gibt es Proteste, doch ändern tut sich nichts. Denken Sie, dass dieses Mal etwas anders wird?

Dieses Mal ging ein Ruck durch die Welt, der nicht vergleichbar ist mit den früheren Situationen. Die Leute haben genug von der Diskriminierung, genug von der Unterdrückung und genug von der Gewalt. Ich bin überzeugt davon, dass sie ein «So weiter wie bisher» nicht akzeptieren werden. Wir leben in einer emanzipatorischen Zeit, denn viele Freiheitsbewegungen, wie der Women’s March, der Klimastreik, der Queer-Feminismus und die «Black Lives Matter»-Bewegung konnten in den letzten Jahren an Gewicht gewinnen. Dies ist kein Zufall. Die Menschen erkennen, dass die Kämpfe gegen Unterdrückung und Diskriminierung verbunden sind. Diese emanzipatorischen Freiheitsbewegungen müssen wir jetzt auch weiter vereinen, denn gemeinsam sind wir stärker.

Negativ ins Licht der Proteste in den USA fallen die Plünderungen und die Zerstörung. Ist das der richtige Weg, um gegen Polizeigewalt zu kämpfen?

Ich verabscheue und verurteile Gewalt. Gewalt löst kaum je irgendwelche Probleme. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass das Problem schon lange besteht und sich trotzdem nichts geändert hat. Schwarze Menschen protestieren, engagieren sich, schuften schon seit Jahrhunderten, um das Problem friedlich zu lösen. Die Realität ist aber immer noch folgende: Schwarze Menschen in den USA sterben. Sie werden gejagt, wenn sie joggen gehen, sie werden erschossen, wenn sie zuhause sind und sie werden erwürgt, wenn die Polizei sie festnimmt. Den Tätern geschieht selten bis gar nie etwas. Schwarze Menschen in den USA sind in Lebensgefahr und sie wehren sich jetzt. Aufstände sind die Sprache von Menschen, die keine Stimme haben. Sie haben gar keine andere Wahl, als sich mit Aufständen Gehör zu verschaffen.

Schwarze Menschen müssen in der Schweiz nicht fürchten, dass sie beim Joggen erschossen oder bei einer Festnahme umgebracht werden. Nichtsdestotrotz existiert auch in der Schweiz Rassismus. Wie manifestiert er sich?

Die Schweiz hat ihre eigenen Rassismus-Probleme. Schwarzen begegnet in der Schweiz offener Rassismus, mit Beleidigungen, Handgreiflichkeiten und Übergriffen. Diese Art von Rassismus ist glücklicherweise strafbar. Die Fälle von Racial Profiling sind bekannt, ebenso der Fall des 27-jährigen Hervé Mandundu, der 2016 von der Polizei in Lausanne erschossen wurde. Es gibt aber auch den strukturellen Rassismus, der nicht strafbar ist. Viele Schwarze werden im Zug oder an der Grenze jedes Mal ausgiebig kontrolliert, ihre Haare werden ungefragt angefasst, sie müssen im Coop und in der Migros beweisen, dass sie nichts gestohlen haben, sie erhalten keine Wohnungen mit fadenscheinigen Begründungen und sind auch auf dem Arbeitsmarkt grosser Diskriminierung ausgesetzt. Diesen Alltagsrassismus müssen wir hinnehmen, weil es juristisch keine Handhabe dagegen gibt und weil die Schweiz auch zu wenig dagegen macht. Es gibt also noch grosses Verbesserungspotenzial, die Schweiz kann und muss sich verbessern.

Welche Diskriminierungen sind Ihnen persönlich als dunkelhäutige Frau und Politikerin in der Schweiz widerfahren?

Ich erlebte Rassismus bei der Wohnungs- und Stellensuche sowie Racial Profiling im öffentlichen Verkehr. Das schlimmste Erlebnis war jedoch, als ich 2015 gebeten wurde, in Oberengstringen die 1.-August-Rede zu halten und ich deswegen als Reaktion Hassbriefe, Morddrohungen und Hundekot zugeschickt bekam.

Wie reagieren Sie darauf?

Mit Empörung. Ich suche eine Lösung im Gespräch mit andern.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Wurzeln des Rassismus?

Rassismus ist die Angst Privilegierter, ihre Privilegien zu verlieren. Natürlich ist Rassismus ein komplexes gesellschaftliches Phänomen und kann nicht abschliessend in allen Facetten in einer Interviewantwort kurz erklärt werden. Es gibt auch nicht «den» Rassismus, sondern unterschiedliche Formen, wie Anti-Schwarzen-Rassismus, Balkan-Rassismus, Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus und so weiter. Aber es lässt sich grundsätzlich darauf runterbrechen, dass rassistische Ideologien sogenannte menschliche Rassen erfinden. Diesen wird dann ein Wert gegeben. Die eigene «Rasse» wird als besser als alle anderen dargestellt. Ausgehend von dieser Hierarchie der «Rassen» werden für die eigene «Rasse» Privilegien abgeleitet. Diese rechtfertigen sie mit Ausflüchten wie «die anderen sind fauler, krimineller, weniger wert» und erzeugen dadurch Hass. Dieser Hass erlaubt es ihnen, den anderen «Rassen» ihren menschlichen Wert abzusprechen und sie dadurch nicht als gleichwertige Menschen zu sehen - und als Konsequenz davon, auch so zu behandeln. Durch solche hasserfüllten Ideologien entwickeln sich dann klischeehafte Rollenbilder, die wir alle im Kopf haben. Im Endeffekt geht es hier also um Macht beziehungsweise gesellschaftliche Machtverteilung.

Was kann man in der Schweiz gegen Rassismus unternehmen?

Es gibt unterschiedliche Bereiche, in denen etwas gegen Rassismus getan werden kann. Auf persönlicher Ebene muss man sich klar und bewusst werden, dass wir alle in einer rassistischen Gesellschaft aufgewachsen sind und sozialisiert wurden. Deshalb haben wir alle rassistische Klischees und Rollenbilder im Kopf. Diese gilt es, zu erkennen und das eigene Handeln davon loszulösen. Hierzu gehört auch, sich selbst weiterzubilden, eventuell mal einen antirassistischen Artikel oder gleich ein Buch zu lesen. Freundinnen und Freunden mit Rassismus-Erfahrung zuzuhören und ernst zu nehmen. Auf kollektive Ebene können alle von uns antirassistische Organisationen, Projekte oder Veranstaltungen unterstützen. Geld spenden, Mitglied werden oder sich gleich selbst engagieren. Auf Demos gehen, in Social-Media-Kanälen klar Stellung gegen Rassismus beziehen und ihn auf diese Art und Weise bekämpfen. Die Möglichkeiten sind vielfältig und alle können für sich selbst entscheiden, welche für sie stimmen. Auch auf politischer Ebene kann man handeln: In der Politik werden die Entscheidungen getroffen. Deshalb müssen wir unbedingt Parteien wählen, für die Antirassismus nicht nur ein Lippenbekenntnis ist, sondern die sich aktiv gegen Rassismus einsetzen. Das Gleiche gilt bei Personenwahlen. Wie steht die Person zu Rassismus und was tut sie dagegen? Ebenso können wir, wenn Abstimmungen vor der Türe stehen, antirassistisch wählen.

Mit der Coronakrise geht ein Anstieg der Arbeitslosenrate einher. Denken Sie, dass deswegen der Fremdenhass zunehmen könnte?

Ich denke, sobald es der Bevölkerung schlecht(er) geht, gewisse rechtspopulistische Parteien diese Situation für sich nutzen werden und versuchen, für die Probleme rassistische Ursachen und rassistische Lösungen zu präsentieren. Hier müssen wir wachsam sein, denn es gilt zu erkennen, dass die Probleme in Wahrheit viel komplexer sind, als gewisse rechtspopulistische Akteure dies uns glauben machen wollen. Besonders im Hinblick auf die Kündigungsinitiative der SVP, die bald zur Abstimmung kommt, dürfen wir dies nicht vergessen. Die Krise könnte, wenn wir unachtsam sind, diese Entwicklung stützen. Aber die Pandemie hat auch auf eine andere Art und Weise bereits schwelenden Rassismus in der Schweiz hervorgelockt: nämlich den Anti-Asiatischen-Rassismus. Viele asiatisch aussehende Personen wurden aufgrund der Krise rassistisch angegriffen und bedroht. Auch dies ist ein Zustand, den wir nicht akzeptieren dürfen.

Was wünschen Sie sich für eine Veränderung in der Schweiz?

Ich wünsche mir, dass wir die Rahmenbedingungen unserer Gesellschaft ändern. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der sich alle frei von Unterdrückung und Gewalt entfalten und leben können, ungeachtet ihrer Hautfarbe, Religion, Nationalität, Geschlechtsidentität oder sexuellen Orientierung. Wir müssen uns dabei nicht alle gleich lieb haben, aber uns gegenseitig respektieren, achten und wertschätzen als gleichwertige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft.

Autor

Sibylle Egloff

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