«‹Wenn das fertig ist, fahre ich weg.› Dann lässt sie die Hände auf den Rock sinken. Sie weint immer noch.»

Diese Passage steht ganz am Anfang des Romans der Schlieremerin Franziska Häny-Ruloff, der diese Woche veröffentlicht wird. «Der Rote Norden» ist eine Geschichte über einen Aufbruch, der gleichzeitig auch Ausbruch ist. Was genau «fertig» sein soll, bevor die Protagonistin Sophie wegfahren kann, erschliesst sich einem als Leser zunächst nicht. Der Grund für ihre Tränen scheint banal: Ein Bild, das ihr viel bedeutet, geht kaputt. Erst im weiteren Verlauf kristallisiert sich heraus, was Sophie beenden will.

Hinter ihrem Zusammenbruch verbirgt sich eine persönliche Krise. Und am Anfang des Prozesses, der sie diese Krise überwinden lässt, steht der Anruf ihres verstorben geglaubten Bruders Martin: Er bittet Sophie, zu ihm zu kommen, in den Norden, nach «Imalo», wo die Bäume rote Blätter tragen. Sophies Aufbruch dient der Autorin als Bild für die Befreiung aus einer emotionalen Gefangenschaft: Die Protagonistin steckt in einer festgefahrenen Lebenssituation, einer festgefahrenen Ehe mit einem dominanten Mann. Aufzubrechen bedeutet hier, aus ihrem Leben auszubrechen. Eine zentrale Szene in «Der Rote Norden» ist ein Dialog zwischen Sophie und Martin. Er erklärt ihr, dass er einen grossen Teil seines Lebens «im Dunkeln herumgetastet habe». Worauf ihm Sophie antwortet:

«(...) Aber du hast dich bewegt. Ich habe von mir gewusst, dass ich festgemacht bin (...). Festgeschraubt für über dreissig Jahre.»

Ruloff gelingt es in ihrem Buch, die Krise, in der sich Sophie befindet, auf eine sehr vielschichtige und diffuse Art spürbar zu machen. Viele Fragen, die sich einem als Leser aufdrängen, werden bewusst nicht aufgelöst. So ist etwa bis zum Schluss nicht klar, ob Sophies Bruder tatsächlich noch lebt, ob er eine Einbildung oder gar eine metaphysische Erscheinung ist. Am Ende von Sophies Reise in den Norden steht ein packender Showdown, der darauf hindeutet, dass sie sich aus ihrer Ehe und ihrer festgefahrenen Lebenssituation lösen kann.

Die Autorin selbst arbeitet seit 1975 an der Kantonsschule Limmattal als Deutschlehrerin. Sie wohnt seit 1976 in Schlieren und hat zwei erwachsene Kinder. Die 62-Jährige verbrachte also einen grossen Teil ihres Lebens in einer gleichbleibenden Situation. War es also ihre eigene Biografie, die die Autorin zum Thema des Buches führte? «Nein», sagt Ruloff. «Das Motiv des Aufbrechens, um Taten zu vollbringen, ist zentral in Märchen, Mythen oder auch Abenteuerfilmen.» Es sei ein Thema, das den Menschen generell beschäftige.

Wichtig ist der Autorin, ein komplexes Thema anschaulich darstellen zu können, wie sie sagt. Neben dem Aufbau und der Struktur der Geschichte spielt die Verbildlichung von emotionalen und psychologischen Phänomenen eine grosse Rolle. So wird auch die emotionale Befreiung Sophies aus dem Machtfeld ihres Mannes und ihres bisherigen Lebenskonzepts an verschiedenen Stellen des Romans in Bilder aufgelöst – etwa in Form von gefangenen Nerzen, denen die Protagonistin am Ende selbst zur Freiheit verhilft.

«Der Rote Norden» ist nicht das erste Buch, dass Ruloff geschrieben hat. «Es ist nur das erste, für das ich einen Verleger gefunden habe», sagt sie. Sie hoffe aber, dass sich nun, da ihr Roman veröffentlicht werde, Verleger auch für andere Arbeiten interessieren würden. Das Konzept für ein nächstes Buch besteht bereits. Die Geschichte handle wiederum von einer Frau, die weggeht. «Allerdings nicht um sich selbst, sondern jemand anderes zu finden.»

Franziska Häny-Ruloff: Der Rote Norden, Weissbooks GmbH, Frankfurt am Main 2013, 171 Seiten. ISBN: 978-3-86337-029-3