«So etwas habe ich noch nie gesehen», schrieb die Schlieremerin Vanja Crnojevic auf ihrem Facebook-Account.

Hautnah erlebte die Mitbegründerin des Hilfswerks «Borderfree Association» an der griechisch-mazedonischen Grenze die Folgen der Ausschreitungen vom Montag.

Über das vergangene Wochenende gewährte Mazedonien nur schätzungsweise 300 Flüchtlingen Einlass ins Land.

Unterschiedliche Angaben gehen von zwischen 6 000 bis 10 000 aus, die im und um das Flüchtlingslager in Idomeni auf Einlass nach Mazedonien warten.

Am Montagmittag kam es schliesslich zur Eskalation. Einigen aufgebrachten Wartenden gelang es, das Grenztor zu durchbrechen, woraufhin die mazedonischen Sicherheitskräfte mit Tränengasgranaten reagierten.

Als die ersten Meldungen der Ausschreitungen verbreitet wurden, brach Crnojevic mit einem Borderfree-Association-Helfer ins zweieinhalb Autostunden südlich von ihrem Sitz im serbischen Presevo entfernte Idomeni auf.

Was sie dort vorfand, waren nebst Chaos viele tragische Geschichten der Flüchtlinge. «Während der Ausschreitungen entglitt einer Mutter ihr drei Monate altes Kind. Es wurde von der Menge zu Tode getrampelt», sagt Crnojevic in einem Telefongespräch mit der Limmattaler Zeitung. «Ich war zum ersten Mal in meinem Leben sprachlos.»

Von 200 Menschen umzingelt

Zwar habe sich die Stimmung unter den Flüchtlingen seit Montagabend wieder beruhigt, doch sei das Camp noch immer übervoll. So habe sich eine Zeltstadt rund um die offizielle Auffangstelle gebildet.

Diese erstrecke sich über mehrere Quadratkilometer: «Am schlimmsten steht es um die Versorgung. Lebensmittelläden oder einen Kiosk gibt es ausserhalb des Lagers nicht. Im Camp selber ist die Nahrung indes knapp – die Menschen hungern.»

Würden Lebensmittel verteilt, sei der Ansturm riesig und die Portionen verschwindend klein.

Gestern Morgen kauften Sie und ihr Begleiter Nahrung und Hygieneprodukte, um sie aus dem Kofferraum ihres Autos zu verteilen. «Das war unmöglich», sagt die Schlieremerin. «Innerhalb von wenigen Minuten standen rund 200 Menschen um unser Auto herum, an ein gesittetes Verteilen der Güter war nicht zu denken. Würden wir hier ein Zelt aufstellen, es würde gestürmt.»

Daher wechselte Crnojevic die Strategie und fokussiert seither auf einzelne Familien, die sie per Auto in die nächstgelegene Stadt mitnimmt und dort mit dem Nötigsten versorgt.

ereinzelten Zurückgelassenen, die niemanden im Camp haben, nimmt sich Crnojevic ebenfalls an. So eines 22-jährigen, syrischen Flüchtlings, den sie weinend auf Bahngleisen sitzend vorgefunden habe.

«Er trug kurze Hosen, hatte nichts zu Essen und auch keine 15 Euro, die er fürs Weiterkommen benötigen würde, wenn er denn einmal die Grenze zu Mazedonien passieren kann», so Crnojevic.

Auch Medikamente seien Mangelware. «Zwar ist sind Médecins Sans Frontières‎(MSF) mit einer Station vertreten, doch ist ihnen bereits der Vorrat einiger Medikamente ausgegangen», so Crnojevic.

Sie und ihr Helfer versuchen zwar in der nächstgelegenen Stadt, die wichtigsten zu besorgen, doch: «Die Schlange vor dem MSF-Zelt ist Hunderte von Metern lang. Zudem gelangen einige kranke und gebrechliche Menschen noch nicht mal dort hin, da sie die Distanzen nicht bewältigen können.»

Es braucht Baby-Produkte

Bezüglich der Zukunft weiss Crnojevic einzig: «Ich bleibe sicherlich hier.» Sie hofft, dass einige freiwillige Helfer, die derzeit im serbischen Presevo stationiert sind, ihr an die griechische Grenze folgen.

Woran es im griechisch-mazedonischen Grenzpunkt neben Nahrungsmitteln am dringendsten mangle, ist aus ihrer Sicht klar: «Produkte für Babys: Ob Nahrung, Hygieneprodukte oder Kleidung – es braucht mehr davon», sagt sie.

Zudem sei der Transport ein grosses Problem. «Freiwillige, die Kleinbusse oder gar Fahrdienste anbieten würden, wären sehr willkommen.»

Gemeinsam mit anderen Aktivistinnen gründete Crnojevic im vergangenen Spätsommer den Verein «Borderfree Association», der eine Anlaufstelle für Flüchtlinge in der serbischen Grenzstadt Presevo betreibt. Neben Nahrungsmitteln, Kleidung und Decken werden die Flüchtlinge dort auch mit Informationen versorgt, wie ihre Reise nach Westeuropa weitergeht. Rund zehn freiwillige Helfer absolvieren zeitgleich Einsätze von zwischen zwei Wochen und zwei Monaten.

Spenden an „Borderfree Association“ mit dem Stichwort „Idomeni“ können Sie unter foldenden Konti entrichten:
CHF Konto - IBAN: CH71 0900 0000 6159 3305 7
​EUR Konto - IBAN: CH58 0900 0000 9155 0838 2
​BIC: POFICHBEXXX
Adresse: Borderfree Association, Zentralstrasse 156, CH-8003 Zürich

Weitere Informationen finden Sie auf der Facebook-Seite der Organisation: https://www.facebook.com/borderfreeassociation