Sein Geburtsdatum konnte er zwar noch nennen, doch schon bei der Frage nach seinem Beruf war die Verhandlung gestern Morgen für den ältesten der drei Angeklagten zu Ende. Minutenlang japste er lautstark nach Luft, Gerichtspräsident Stephan Aeschbacher musste einen Notarzt bestellen und die Verhandlung unterbrechen.

Deren Hauptgegenstand ist die rohe Gewalt, die sich im Februar 2015 vor dem Urdorfer Restaurant Steinerhof abspielte. An jenem Samstag wurde in der Zentrumshalle die Fasnacht eröffnet. Auch die drei jungen Schweizer, die gestern vor Gericht standen, waren in dieser kalten Festnacht unterwegs. Zwei von ihnen gerieten an der Birmensdorferstrasse in einen kurzen Streit mit einer anderen Männergruppe, die dann aber in Richtung des Restaurants Steinerhof verschwand.

Schlagstock und Baseball-Schläger

Per Telefon organisierten die beiden sodann einen weiteren Mann, der ihnen helfen sollte, Rache zu nehmen. Dieser Mann nahm einen Teleskopschlagstock mit, ein weiterer holte aus seinem Auto eine Metallstange, eine Karbonstange und einen Baseball-Schläger. Schliesslich machten sie sich zu viert auf den Weg, wobei jener mit der Karbonstange noch rechtzeitig zur Besinnung kam und sich wieder zurückzog. Deshalb standen gestern drei Personen vor Gericht, wo sie sich auch wegen Verstoss gegen das Waffengesetz verantworten müssen.

Ein Angeklagter betrat sodann das Restaurant Steinerhof, um den Mann nach draussen zu bitten, der beim erwähnten Streit einem der Angeklagten einen Faustschlag verpasst haben soll. Kaum stand der Mann vor dem Restaurant, bekam sein Körper die Wucht des Baseballschlägers zu spüren, es folgten weitere Schläge.

Das Opfer musste später monatelang in Therapie, um eine der getroffenen Körperstellen wieder normal bewegen zu können. Noch schlimmer traf es einen Mann, der ihm beistehen wollte. Sein Kopf weist grosse Narben auf, die die erlebte Gewalt erahnen lassen.

Vom Spital Limmattal wurde er ans Zürcher Uni-Spital überwiesen, damit die Spezialisten eine Notoperation an seinem Schädel vornehmen konnten, dank der das weitere, lebensgefährliche Ansteigen des Hirndrucks ausgeschlossen werden konnte.

Doch hier liegt ein Streitpunkt der Gerichtsverhandlung: Der Anwalt des Opfers sagt, dass es nicht aus der Luft gegriffen wäre, die Angeklagten wegen des Versuchs vorsätzlicher Tötung zu verurteilen. Der Staatsanwalt beantragt ein Urteil wegen schwerer Körperverletzung.

Und die Verteidiger der beiden verbleibenden Angeklagten beantragen einen Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung. Sie berufen sich darauf, dass es sich nicht um schwere Körperverletzung handeln kann, da für diesen Tatbestand eine unmittelbare Lebensgefahr hätte bestehen müssen. Unmittelbare Lebensgefahr habe aber keine bestanden, da eine solche durch die Operation verhindert wurde.

Einer der Angeklagten beruft sich darauf, nur einmal zugeschlagen zu haben, ein anderer macht teilweise von seinem ihm zustehenden Recht auf Aussageverweigerung Gebrauch – keiner will ausdrücklich für die Kopfverletzungen verantwortlich sein.

Klar ist aber, dass alle drei ihre Beteiligung an der Tat schon während der polizeilichen Untersuchung gestanden haben. Eine Tat, die der Rechtsanwalt des Opfers so zusammenfasste: «Es handelt sich um eine erschreckende Anwendung massloser Brutalität. Die Täter waren von abgrundtiefem Hass beseelt. Sie sollen spüren, welchen Schaden sie angerichtet haben.» Die beiden gestern befragten Angeklagten drückten an der Verhandlung ihre Reue aus. Von den drei Angeklagten sind zwei seit der Tat erneut mit dem Gesetz in Konflikt gekommen.

Unschöne Fussballbegeisterung

Auch Sachbeschädigung wird ins Urteil einfliessen. Den dreien wurden Schmierereien in verschiedenen Limmattaler Gemeinden nachgewiesen: Sie sprayten FCZ-Logos oder den Schriftzug der Fan-Gruppe «Locoz».

Die Recherche der Limmattaler Zeitung zeigt zudem: Einer der Angeklagten flucht im Internet regelmässig über ihm nicht genehme Fussball-Akteure und spricht sich dabei auch dezidiert für Gewalt aus. Einem Angeklagten wirft die Staatsanwaltschaft zudem einen Erpressungsversuch vor, wobei dort Aussage gegen Aussage steht. Und schliesslich droht zwei der Angeklagten auch ein Schuldspruch wegen geringfügigen Diebstahls, da sie einen Selecta-Automaten aufbrachen, um Esswaren zu entwenden.

Die Verhandlung soll in zwei Wochen mit der Befragung des gestern zusammengebrochenen Angeklagten fortgesetzt werden, der gegen Mittag vom Spital Limmattal wieder entlassen wurde. Auch die Urteilsverkündung ist für dann geplant.

Die Staatsanwaltschaft sieht alle drei Beschuldigten in der Verantwortung. Sie fordert für zwei der Täter dreieinhalb Jahre und für den dritten vier Jahre Freiheitsstrafe. Die beiden gestern zu Wort gekommenen Verteidiger fordern maximal eine bedingte zweijährige und eine teilbedingte zweieinhalbjährige Freiheitsstrafe. Letztere sei als Massnahme für junge Erwachsene umzusetzen. Die Täter sassen zwischen 60 und 104 Tagen in Untersuchungshaft.