Fussball Cupfinal
Schiedsrichter Daniel Baer: «Frauenfussball ist ehrlicher»

Daniel Baer hat als Spieler und Trainer Cupfinals erlebt – bald kommt er auch als Schiedsrichter zu Ehren.

Michel Sutter
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Werben für den Job: «Jeder angehende Trainer muss auch mal für eine gewisse Zeit Schiedsrichter gewesen sein», findet der Unparteiische Daniel Baer.

Werben für den Job: «Jeder angehende Trainer muss auch mal für eine gewisse Zeit Schiedsrichter gewesen sein», findet der Unparteiische Daniel Baer.

Michel Sutter

Es ist nicht einfach, mit Daniel Baer Schritt zu halten. Der drahtige, mittelgrosse 56-Jährige ist beim Spaziergang an der Limmat schnell unterwegs. Wer ihn zum ersten Mal sieht, könnte ihn für einen Marathonläufer halten. Doch Baer läuft nicht auf Strassen oder Feldwegen, sondern auf den gepflegten Rasen von Fussballplätzen. Und legt dabei grosse Strecken zurück. «Daran sieht man, wie sehr sich ein Schiedsrichter in einem Spiel engagiert», sagt Baer. «Und das ist schon mal ein grosses Plus.»

Viel laufen wird Baer wohl auch am Donnerstag. Dann wird er anlässlich des aargauischen Fussballcupfinaltags um 13 Uhr in Muri den Cupfinal der Senioren 30+ zwischen dem FC Kölliken und dem SV Würenlos leiten. Damit schliesst sich der Kreis für ihn. Als Spieler, damals noch beim FC Dietikon, stand er im Cupfinal. Als Trainer der A-Junioren vom FC Oetwil-Geroldswil ebenfalls. Und nun also folgt «das Dessert», wie er es nennt, als Schiedsrichter. «Eine schöne, wunderbare Ehre, auch noch als Schiedsrichter in einem Cupfinal mitten drin sein zu dürfen», findet Baer.

«Das Spiel wird nicht objektiv beurteilt. Man fühlt sich einfach allzu oft vom Schiedsrichter benachteiligt, wenn es nicht so läuft, wie man es gerne hätte.»

Daniel Baer, Schiedsrichter

Seit elf Jahren leitet Baer schon Fussballspiele im Amateurbereich. Er hat sowohl Partien bei den Herren als auch bei den Frauen gepfiffen. «Die Frauen gehen nicht weniger ehrgeizig zur Sache, doch der Damenfussball ist einfach viel ehrlicher», sagt Baer. «Die Damen sind sehr fair. Da wird nicht geschauspielt, und im Sechzehner wird auch nicht zwingend mit einer Schwalbe ein Penalty gesucht, da wird einfach Fussball gespielt. Und wenn mal eine Spielerin wirklich verletzt am Boden liegt, hilft die erste in der Nähe – ob Mit- oder Gegenspielerin.»
Bei den Herren seien wesentlich mehr Emotionen im Spiel, wobei es auch dort durchaus faire Gesten gebe. «Ich habe mal ein Spiel geleitet, das mit 6:0 ausging», erzählt Baer. «Da kam die Mannschaft, die verloren hatte, zu mir und bedankte sich für mein Engagement. Da hat man doch sehr vieles richtig gemacht.»

Fast immer ist der Schiri schuld

Doch solche Reaktionen bleiben die Ausnahme. «Nach einer Niederlage ist in neun von zehn Fällen zuerst einmal der Schiedsrichter schuld», sagt er. «Denn er kann ja am meisten dafür.» Generell seien es vor allem die Trainer und Zuschauer, die im Unparteiischen den Schuldigen für eine Niederlage ausgemacht hätten. «Dabei beachten sie nicht, wie viele Torchancen ihre Mannschaft ausgelassen hat, wie viele Fehler in der Verteidigung gemacht wurden und so weiter», argumentiert Baer. «Das Spiel wird nicht objektiv beurteilt. Man fühlt sich einfach allzu oft vom Schiedsrichter benachteiligt, wenn es nicht so läuft, wie man es gerne hätte.»

Und die Trainer sähen ihre Spieler als Schäfchen, die sie durch alle Instanzen verteidigen wollten, so Baer. Vor kurzem habe er ein Spiel leiten müssen, in dem ein Spieler im Strafraum zusammengesackt sei. «Ich hatte das Gefühl, es sei ein Ellbogenschlag gewesen», sagt er. «Aber es hätte auch eine Schwalbe sein können.» Er entschied dann auf Penalty. Der Trainer des Teams, gegen das der Strafstoss ausgesprochen wurde, habe sich bei ihm anschliessend beschwert, das sei gar nichts gewesen.

Der Unparteiische

Daniel Baer hat innerhalb des Fussballs schon praktisch alle Funktionen innegehabt. Als Fussballer erlebte er seine glorreiche Zeit Ende der 80er-Jahre, als er für den FC Dietikon in der 2. Liga auflief. Rund zehn Jahre später war er für die Senioren aktiv, absolvierte eine Ausbildung zum Trainer und übernahm später die A-Juniorenmannschaft von Oetwil-Geroldswil. Während dieser Zeit war er bereits als Schiedsrichter tätig. (msu)

Ein zufällig anwesender Schiedsrichterinspizient des Verbandes beurteilte die Aktion jedoch sogar als Tätlichkeit, die mit einem Platzverweis hätte geahndet werden müssen. «Drei Personen, drei Meinungen», resümiert Baer. «Das sagt alles.» Generell findet er, dass das Verständnis zwischen Trainern und Schiedsrichtern fehlt. «Wenn ich in der Trainerausbildung des Schweizerischen Fussballverbandes ein Wörtchen mitzureden hätte, müsste jeder angehende Trainer auch mal für eine gewisse Zeit Schiedsrichter gewesen sein», sagt er.

Unfairer Vorteil für Zuschauer

Noch mehr unter Druck stehen die Spielleiter aber im Profifussball. Dort sieht der Zuschauer umstrittene Aktionen noch aus verschiedenen Perspektiven in Zeitlupe. «Der Zuschauer sieht die Szene zehn Mal und wir Schiedsrichter können sie uns kein einziges Mal anschauen», sagt er. Deshalb plädiert Baer dafür, auch im Fussball den Videobeweis einzuführen. «Zum Beispiel wie im Tennis», schlägt er vor. «Zwei, drei Challenges pro Mannschaft, mit deren Hilfe man eine umstrittene Szene im Sechzehner nochmals überprüfen kann.»

Bis der Videobeweis kommt, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Im Cupfinal der Senioren zumindest wird Daniel Baer noch ohne technische Hilfsmittel auskommen müssen. Ob Tor oder nicht, Foul oder Schwalbe, Abseits oder gleiche Höhe – das alles wird er als Unparteiischer selbst entscheiden müssen. Ist ein Cupfinal für einen Schiedsrichter etwas anderes als eine normale Partie? «Man ist sicher nervöser, weil ja viele Zuschauer auf der Tribüne sitzen», sagt Baer. «Doch da mit dabei sein zu dürfen, ein Teil davon zu sein, ist schon etwas Spezielles – darauf freut man sich ganz besonders.»