Der Film «Ziemlich beste Freunde» («Intouchables») lockte vor fünf Jahren ein Millionenpublikum ins Kino. Die ungewöhnliche und lebensbejahende Geschichte über die Freundschaft zwischen dem querschnittgelähmten Millionär Phillippe Pozzo di Borgo und seinem Pfleger Driss beruht auf realen Personen und Begebenheiten. Nun wird das Stück erstmals in der Schweiz in einer Bühnenfassung von Gunnar Dressler gezeigt. Hanspeter Müller-Drossaart spielt darin die zentrale Hautfigur im Rollstuhl. Der «Schweiz am Sonntag» hat der Dietiker Schauspieler verraten, wie er sich für die Rolle vorbereitet hat und was sie ihm bedeutet.

Herr Müller-Drossaart, Sie sind bald in einer Rolle zu sehen, in der Sie «nur» sitzen müssen. Fühlten Sie sich dadurch nicht eingeengt?

Hanspeter Müller-Drossaart: Die Rolle birgt gerade wegen der physischen Einengung sehr viel Potenzial. Es benötigt als Schauspieler ungemein mehr Konzentration, um herauszufinden, welche Möglichkeiten sich bieten, um den Charakter glaubhaft darzustellen. Gerade in dieser Einschränkung liegt eine grosse Kraft.

Hat die Rolle Ihre Wahrnehmung der Tetraplegie verändert?

Für die Vorbereitung habe ich die Biografien von Phillippe Pozzo di Borgo sowie seines Pflegers Abdel, wie er im wahren Leben heisst, gelesen, deren gemeinsame Erlebnisse die Vorlage für den Film und das Theaterstück lieferten. Dadurch hat sich meine Sicht in der Tat erweitert. Ein Leben mit dieser Einschränkung ist sehr schmerzhaft und schwer zu bewältigen. Das hat mich sehr berührt.

War auch der reale Kontakt zu Tetraplegikern ein Thema?

Ich habe mich im Vorfeld bewusst «nur» auf das Leben von Phillippe konzentriert. Gerade im Wissen darum, dass ich ihn in einer unterhaltenden Form spielen werde. Es geht schliesslich um den «heiteren Teil der Befreiung». Für mich lautete die Frage: Wie kann ein Mensch unter diesen Bedingungen das Leben wieder geniessen? Ziel des Stücks war nicht, eine dokumentarische Darstellung zu machen.

Der Film begeisterte Millionen von Zuschauern. Waren auch Sie damals im Kino?

Natürlich, es ist eine wunderbare Geschichte, die man gesehen haben muss. Wenn zwei so extreme Charaktere aufeinandertreffen und eine Freundschaft entwickeln, ist das einzigartig.

Welchen Einfluss hatte der Film in Bezug auf die Rolle für Sie?

Mir war es sehr wichtig, dass mein Spiel nicht im Dienste des Films steht, sondern im Dienste der realen Figur. Es galt, einen Charakter auf die Bühne zu bringen, der den Zuschauer berührt und glaubhaft ist.

Der Film beeindruckte auch besonders mit Bildern im Freien, etwa vom Gleitschirmsegeln. Wie lassen sich solche Szenen auf der Bühne umsetzen?

Phillippe sagte im Film, dass ihm nur der eigene Kopf zum Abheben bleibe. Das ist zentral für unsere Inszenierung. Also wird der Zuschauer theatralisch in die Gedanken von Phillippe entführt. Dafür arbeiten wir mit dem Ensemble vom Theater Hora zusammen. Unser Phillippe wird mit dessen Hilfe tatsächlich fliegen. Mehr will ich nicht verraten.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Darstellerinnen und Darstellern vom Theater Hora, die trotz ihrer geistigen Behinderung weltweit Erfolge feiern?

Ich erlebte sie als sehr spannend – und auch als sehr entspannend. Deren wunderbare Gabe ist es, mit einer grossen Gelassenheit und, wie ich es interpretiere, mit viel weniger moralischen Bedenken als üblich die Aufgabe auf der Bühne zu bewältigen. Sie leben und spielen im Hier und Jetzt. Das haben sie vielen voraus.

Sie selbst sind ein viel beschäftigter Schauspieler. Was ist ihr Erfolgsrezept?

Man muss sich in diesem Beruf immer aufs Neue beweisen. Sicher ist es auch der Mix aus eigenen Projekten und Kollaborationen, der es mir ermöglicht, von der Schauspielerei zu leben. Es ist weiter von Vorteil, dass man viele Beziehungen knüpft und entsprechend über ein grosses Netzwerk verfügt. Beispielsweise spiele ich im Fernsehfilm «Gotthard» den Bundesrat Emil Welti. Ein Engagement, das nur deshalb zustande kam, weil der Regisseur Urs Egger bei der Besetzung an mich dachte.

Sie erhalten Konkurrenz aus der eigenen Familie: Ihr Sohn Livius spielt in der Verfilmung von «Papa Moll» mit. Haben Sie ihm die Rolle vermittelt?

Nein, mit Vitamin B hatte das nichts zu tun. Livius ging an sehr viele Castings und konnte sich bei «Papa Moll» mit seiner grossen Energie durchsetzen, was mich sehr stolz macht.

Oftmals raten Schauspieler ihren Kindern davon ab, diesen Beruf auszuüben, weil es schwer ist, in diesem Geschäft Fuss zu fassen.

Livius freut sich über die Arbeit und ich bin glücklich, dass er diese Erfahrung machen darf. Mit elf Jahren ist er aber noch jung, daher ist der Moment noch nicht gekommen, um eine Berufswahl zu treffen. Aber selbstverständlich werde ich ihn über die Schwierigkeiten eines Schauspielers informieren, sollte er später den Weg weiter verfolgen wollen.

Sie spielen die Rolle des Phillippe bis Mitte Oktober. Werden Sie mit dem Stück anschliessend auch im Limmattal zu sehen sein?

«Ziemlich beste Freunde» ist eine absolute Casinotheater-Produktion, die an diese Bühne gebunden ist. Die Technik sowie das Zusammenspiel aller Mitwirkenden wurde extra für das Casinotheater konzipiert. Daher ist das Stück für eine Tournee nicht geeignet. Ein anderes Projekt im Limmattal ist derzeit nicht geplant. Aber natürlich will ich mein heimatliches Flussgebiet bald wieder geistig bewässern (lacht).

«Ziemlich beste Freunde»
Bühnenfassung von Gunnar Dressler
Regie: Matthias Kaschig
Mit Hanspeter Müller-Drossaart, Daniel Schröder, Ulrike Beerbaum und Jonas Gruber sowie Schauspielern des Theaters Hora-
Premiere: 1. September im Casinotheater Winterthur