Im September war Davide Autiero im Schauspiel «Der Besuch der alten Dame» anlässlich des Schlierenfests auf der Bühne zu sehen. Darin spielte er gleich vier verschiedene Rollen: Als platinblonde Schöne sang er bitterböse Kreisler-Lieder, als Gatte Nummer sieben, acht und neun war er passionierter Angler, feuriger Liebhaber und weltfremder Forscher.

Jede dieser Figuren verkörperte der junge Schlieremer mit so viel Charme und italienischem Temperament, dass ihm jeweils der Szenenapplaus sicher war.

Doch woher kommt dieses Talent, das das Publikum im Handumdrehen verführt? Eigentlich begann alles mit dem Zirkus. Als Primarschüler durfte Davide Autiero während einer Projektwoche des «Circolino Pipistrello» eine Nummer einüben.

«Ich war eine Clownin mit schwarzer Kappe, violettem Kleid und roter Nase und fest entschlossen, später einmal Clown zu werden», erinnert er sich. Sein Vorbild war der Schweizer Clown Grock. Also kaufte er sich dessen DVDs, besuchte Ferienworkshops und studierte eine eigene Nummer ein.

Eine Freundin seiner Grossmutter schneiderte ihm daraufhin ein entsprechendes Kostüm, und bald stand seinem ersten Auftritt in einem Altersheim nichts mehr im Wege. Die leuchtenden Augen der Bewohnerinnen und Bewohner sind ihm heute noch in Erinnerung.

Später spielte er während Jahren als Kind und Jugendlicher anlässlich des «Festa del Bambino» in Theateraufführungen der katholischen Kirche Schlieren, zuerst als Mitwirkender, später als Co-Leiter und Verantwortlicher für die Choreografie.

Das schauspielerische Rüstzeug holte sich Davide Autiero als Mitglied des Jungen Schauspielhauses Zürich. Dort verkörperte er einmal Max Frisch und ein weiteres Mal König Amfortas aus Eschenbachs Parzival. «Als Schauspieler muss man sich zuerst selber kennen lernen. Es ist wichtig, zu merken, wie man wirkt und wie man sich fühlt, bevor man in eine Rolle schlüpfen kann», erzählt Davide Autiero.

Zuhause steht er oft stundenlang vor dem Spiegel und übt Mimik und Gestik ein. «Wenn ich eine neue Rolle einübe, führe ich zuerst Tagebuch, so als wäre ich diese Person. Ich mache mir Gedanken darüber, wie sie lebt, was sie denkt und fühlt. Raucht sie? Hat sie einen Tic? Wie bewegt sie sich?

So gelingt es mir, an einem Theaterabend glaubwürdig und überzeugend verschiedene Personen zu spielen.» Als Gatte Nummer sieben der «Alten Dame» brachte Davide Autiero Abend für Abend das Publikum alleine durch das gekonnte Zucken seines Schnurrbartes zum Lachen.

Im Juni schloss Davide Autiero seine Ausbildung als Fachmann Gesundheit ab und arbeitet seither in einem Zürcher Pflegezentrum auf der mediterranen Station. Sein Schauspieltalent hilft ihm bei der Arbeit.

«Auch als Pfleger muss ich mich in die Situation eines anderen Menschen versetzen können», sagt er. «Es ist eine Ehre für mich, unsere Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Alltag zu unterstützen und sie zu begleiten. Wenn ich sie wenigstens einmal am Tag zum Lachen bringen konnte, gehe ich zufrieden nach Hause.»

Dass seine Arbeit im Pflegezentrum mehr ist als nur ein Brotjob, merkt man Davide Autiero an, wenn er von seinem Arbeitsalltag erzählt: «Hier gibt es zum Abendessen Spaghetti und Pizza, den ganzen Tag über läuft Musik und es wird viel gesungen und geplaudert. Die Italiener, Spanier und Portugiesen fühlen sich auf dieser speziellen Abteilung wohl, weil wir Mitarbeitenden ihre Sprache sprechen.»

Einmal pro Monat ist Davide Autiero in der Zürcher Bar Rossi im Langstrassenquartier auf der Bühne zu sehen. Mit Kolleginnen und Kollegen aus der Schauspielhauszeit führt er «Das Kalkül», ein Schauspielkollektiv, das seit Anfang Jahr jeweils am letzten Montag im Monat eine freie Bühne organisiert.

Junge Künstler, Musiker und Schauspieler aus der ganzen Schweiz sind eingeladen, zu einem Thema ihr Können unter Beweis zu stellen. «Im geschützten Rahmen sozusagen», lacht Autiero. «Wir betreuen die Künstler backstage und halten ihnen die Hand, wenn sie Lampenfieber haben.»

Er selber führt als Madame Blueberry durchs Programm. «Diese Dame ist meine Schöpfung. Sie trägt eine Platinperücke und extravagante Kleider mit Pailletten. Sie denkt, sie sei weltoffen und könne alles. Aber manchmal hat sie keine Ahnung und kann gar nichts.»

Wer den begabten jungen Mann in Schlieren auf der Bühne gesehen hat, kann sich gut vorstellen, dass seine Madame Blueberry auch in der Bar Rossi für manchen Lacher sorgt.

Gelegentlich ist Davide Autiero aber gerade darüber etwas irritiert. Offenbar gefällt er seinem Publikum vor allem in komischen Rollen. «Egal, wie ernst die Person ist, die ich spiele, die Leute lachen.» Dabei würden ihn auch grosse, tragische Charaktere reizen. «Einen Klassiker wie etwa den Romeo würde ich gerne einmal spielen.»

Er denkt auch über ein eigenes Soloprogramm nach. «Es wird Richtung Cabaret gehen – Singen, Tanzen und Monologe. Also eher lustig, aber auch nachdenklich».
Davide Autiero mag erst 20 Jahre jung sein, die Zukunft sieht er aber ganz klar vor Augen. Im November wird er in Rom an verschiedenen Schauspielschulen vorsprechen.

«Es zieht mich nach Italien, denn der Italiener will lachen, wenn er ins Theater geht. Das gefällt mir.» Talent alleine genügt aber heute nicht mehr, wenn man professionell Fuss fassen wolle. Und das möchte Davide Autiero unbedingt.

«Sobald ich auf der Bühne stehe, ist das Lampenfieber wie weggeblasen und ich geniesse das Spiel in vollen Zügen.» Und dann funkeln seine Augen und er sagt: «Der Applaus des Publikums ist das Allerschönste. Er entschädigt für die stundenlangen Proben, den Stress, das Lampenfieber – einfach für alles.»