Unterengstringen

Schätze im Kloster Fahr: Was sich in der Turmkugel versteckt

Im Rahmen der Kirchturmsanierung des Klosters Fahr wird die goldige Spitze des Kirchturms abgeseilt und von Priorin Irene geöffnet. In der Kapsel befinden sich unter anderem Briefe aus dem 19.Jahrhundert.

Mit grösster Sorgfalt wird das Turmkreuz samt seiner Kugel vom Kirchturm des Klosters Fahr abgeseilt. Ganz gemächlich nähert sich die oberste Spitze des Gebäudes dem Boden. Die aus Gusseisen gefertigte Konstruktion hat ein stolzes Gewicht. Drei Männer turnen für das Abseilen auf dem Baugerüst herum, das den Turm umgibt. Die bevorstehende Sanierung der Kirche bietet die einmalige Gelegenheit, einen Blick auf die in der Turmkugel ruhenden Dokumente aus früheren Zeiten zu werfen. Alle Schwestern sind gekommen und blicken gespannt nach oben. Auch die Denkmalpflege, Bauleitung, sowie zahlreiche Besucher, wollen sich das Spektakel nicht entgehen lassen. 

Priorin kann es kaum erwarten

Die erste, die einen Blick auf die Kugel erhaschen will, ist aber Priorin Irene. Sie reibt sich freudig erwartend die Hände, als das goldige Oval vom Kreuz gelöst wird. Fast verliert sie auf dem rutschigen Untergrund den Halt, kann nach einem leichten Stolpern aber endlich den Schatz in Empfang nehmen. Sofort bildet sich um sie herum eine ganze Traube von Neugierigen. Jeder möchte wissen, was sich in der Kugel verbirgt. «Im Moment sehe ich nur ganz viele Wespennester», sagt die Priorin und lacht herzlich.

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Im Rahmen der Kirchturmsanierung des Klosters Fahr wird die goldige Spitze des Kirchturms abgeseilt und von Priorin Irene geöffnet.

   

Um die Relikte genauer betrachten zu können, bittet sie alle Besucher, sich im Trockenen unter der nahe gelegenen Scheune des Klosters zu versammeln. Obwohl der Fussweg dahin normalerweise weniger als eine Minute dauert, trifft die Priorin als letzte ein. Sie und die goldige Kugel – das möchte jeder der Anwesenden einmal mit der Kamera festgehalten haben.

Zukunftsvorhersage von 1965

Dann ist es endlich soweit. Auf einem fein säuberlich ausgebreiteten Tischtuch wird der Inhalt der ersten von zwei Kapseln präsentiert. Priorin Irene ziert sich nicht, ohne Handschuhe in die staubige Öffnung der Kugel zu greifen. Sie zieht eine gut verschlossene Box heraus. In ihr befinden sich tatsächlich mehrere Dokumente. Die Priorin faltet den ersten handschriftlich verfassten Brief behutsam auseinander. «Der ist von Pater Hilarius Probst und Placidus Heer aus dem Jahre 1965», informiert die Priorin die Menge. Die Schwestern nicken zustimmend, sie wissen genau, von wem die Rede ist.

Geheimnis um Kirchturm des Klosters Fahr gelüftet

Geheimnis um Kirchturm des Klosters Fahr gelüftet

Erstmals seit 1965 können die Bewohner einen Blick in die Turmkugel werfen. Und stossen auf alte Dokumente und zukunftsgerichtete Spässe.

In ihrem Schreiben in die Zukunft beweisen die beiden Herren viel Humor. So erinnern sie die Schwestern daran, dass sie es ihnen zu verdanken hätten, heute in den Genuss von Warmwasser und einer Zentralheizung zu kommen. Zudem, so die beiden, sei im Jahre 1965 eine sehr technische Zeit angebrochen. Soeben sei mit der der Gemini 5 eine bemannte Rakete in den Weltraum gestartet. «Macht ihr heute schon Ferien auf dem Mond und hat die Priorin bereits ein eigenes Flugzeug?», liest Priorin Irene weiter und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Die Schwestern stimmen mit ein.

Ernster ist dahingegen ein Gedicht an Maria, verfasst im Jahre 1804. Die wunderschön geschwungene Schrift ist heute kaum mehr leserlich. Ebenfalls in der Kapsel befindet sich ein Mönchsverzeichnis vom Kloster Einsiedeln. Es stammt in etwa aus derselben Zeit. Zwei weitere Dokumente belegen Renovationsarbeiten im Jahre 1833. Auch 1896 bis 1898 wurde das Kloster einem Facelifting unterzogen. «Das war die Renovation der Kirche von innen» weiss die anwesende Denkmalpflegerin Isabel Haupt.

Zweiter Schatz ist eine Niete

Nachdem alle Dokumente der ersten Kapsel vorgetragen sind, will die Priorin den zweiten Schatz öffnen. Doch dieser entpuppt sich als Niete. Ein Teil der Stütze fürs Kreuz hat sich mit der Zeit abgelöst und ist in die Kapsel gefallen. Es ist also nicht mehr als ein Stück Holz.

Die Enttäuschung darüber wärt aber nicht lange. Mit der Ausbeute ist die Priorin so oder so mehr als zufrieden. «Das sind sehr schöne Sachen», sagt sie. Wichtig sei es nun, diese zu digitalisieren und für die Nachwelt zu erhalten.

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